Kultur : Wiedersehen in Schabbach

Edgar Reitz präsentiert bei den Filmfestspielen Venedig den Abschluss seiner „Heimat“-Trilogie

Jan Schulz-Ojala

Am Ende ein langer Applaus der Wenigen. Drei Nachmittage sind mit den insgesamt sechs Teilen von „Heimat 3“ hingegangen, und nun applaudieren im riesigen Kinosaal noch eben 150 Getreue, die die Schabbach-Saga bis zum Schluss verfolgt haben. Zur Antwort winkt Edgar Reitz stolz und auch ein bisschen scheu in die übersichtliche Menge. Eine Abschiedsvorstellung, mündend in die Artigkeit, dass man es geschafft hat, das Machen und das Sehen. Ein Trauerspiel mit lächelnden Mienen.

„Heimat 3“, der Abschluss eines Fernsehserien-Lebenswerks, das mit „Heimat“ (1984) und „Die zweite Heimat“ (1992) begonnen hatte, ist gefloppt am Lido, und nun sind die Analysten unter der Zirkuskuppel ratlos. Reitz ist immer noch Reitz, nur wir sind anders geworden – ist es das? Oder wollen wir lieber gar nicht so genau wissen, wie Hermann Simon (Henry Arnold) und Clarissa Lichtblau (Salome Kammer), einst unsere spätjugendlichen Identifikationsfiguren aus der Münchner Szene, schließlich Großeltern werden? Oder haben wir bloß das gemächliche, ja, fast altväterliche Erzählen satt? Oder fällt die Total-Trivialisierung des TV-Soaps nun auf ihren meisterlichen Vorläufer zurück?

Vom 9. November 1989 bis zur Jahrtausendwende reicht „Heimat 3“, und sein auch metaphorisch räumliches Zentrum ist ein Fachwerkhaus hoch über dem Rhein. Clarissa, inzwischen erfolgreiche Sängerin, hat die Ruine auf einer ihrer Tourneen entdeckt, und mit Hermann wird sie sie restaurieren und zwecks endlich gemeinsamen Lebens beziehen. In der Berliner Euphorie nach dem Mauerfall trifft sie ihn wieder, und zehn Jahre später wird in ihrem Haus prachtvoll und gesamtdeutsch Silvester gefeiert. Das Spukhaus, das einst der schwermütigen Dichterin Karoline von Günderode gehört haben soll, ist von seinen Gespenstern befreit. Und Hermann, der „Weggeher“, gehört seiner Heimat wieder ganz und gar – ein kultivierter Herr im Deutschen Haus.

Wiederaufgebaut freilich haben es ihm ein paar Ostdeutsche, die Handwerker Udo, Gunnar, Tobi und Tillmann, damals für „zehn Mark West die Stunde“, schön billig für die Bauherren, schön viel für die Habenichtse von Drüben. Wie sich ihre Schicksale mit denen des wohlhabenden Hunsrücker Simon-Clans verknüpfen, ist die dramaturgische Klammer der sechs Teile – und Reitz beobachtet sie mit stets wohlgefälligem, auf poststabilisierende Harmonie bedachtem Auge. Am deutlichsten wird dies beim Sachsen Gunnar (Uwe Steinle): Erst läuft ihm die Frau mit den Töchtern für immer zu Hermanns schnöseligem Agenten nach München davon, und am Ende spendiert er (aus Aktiengewinnen!) dem gesamten „Heimat“-Personal das Riesenfest überm Rhein.

Der großzügige, auch menschelnde Osten, die egoistisch-engstirnigen linksrheinischen Kleingeister: Das ist eines der Axiome, an denen sich Reitz und sein Co-Autor Thomas Brussig – zwischen den serienüblichen Krebskrankheiten, Konkursen und Todesfällen – getreulich abarbeiten. Auch darf Uwe Steimle als Gunnar dem Ensemble eine Vitalität einhauchen, die ihm vor allem westlicherseits sorgfältig abgeht: Meist bewegen sich sogar Hermann und Clarissa nur wie Ideenträger, ja, wie Touristenführer durch das zaghaft zusammenwachsende Deutschland jener Jahre.

Aber das sind Annäherungsdiagnosen, ohne Gewähr. Vielleicht sind wir noch zu nah dran an den Ereignissen, um gelassen mit der Reitzschen Ungereiztheit umzugehen? Er selber scheint es zu ahnen: „In einer Welt ohne Grenzen“, schreibt er, „ist Heimat kein Begriff des Ortes mehr, sondern einer der Zeit.“ Im Dezember wird sein Sechsteiler ausgestrahlt – aber erst in zehn Jahren wohl gehören uns, als genialisch unwiederholbares Experiment, die drei Heimaten ganz.

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