Kultur : Wiedersehen mit Chagall

CARSTEN PROBST

Solchen Kaffeerunden sitzt man nicht oft gegenüber: 14 Kunstmuseums-Direktoren aus Rußland und angrenzenden GUS-Staaten.Ein wenig schüchtern sitzen sie dort, vereint im Café der Hamburger Kunsthalle, aus Städten angereist, deren Namen nach großer Entfernung klingen.Für eine einzige Ausstellung sind sie hierhergekommen - "Chagall, Kandinsky, Malewitsch und die russische Avantgarde" (Tsp.v.22..10.; Ausstellung bis 10.Januar) -, für die jeder von ihnen einige Werke zur Verfügung stellt.

Für die russischen Museumsleiter ist es in den letzten Jahren zur Normalität geworden, für Ausstellungen eigener Werke aus der Provinz heraus um die halbe Welt zu reisen, und das hat nur auf den ersten Blick mit neuen Freiheiten zu tun.Denkwürdige Ausstellungen aus ihren bislang verschlossenen oder wenigstens kaum bekannten Depots haben in den letzten Jahren fast ausnahmslos nicht im eigenen Land, sondern in westlichen Staaten stattgefunden."Es gibt eine Menge Leute, die alles dafür gäben, solche Schauen auch bei uns zu zeigen.Aber wir haben einfach kein Geld, und uns fehlt noch die Infrastruktur", berichtet Oleg Shandybin, Direktor des Moskauer Kunstzentrums ROSIZO, vom neuen, temporären Exil russischer Kunst.Für die prekäre Lage der Provinzmuseen in Rußland gebe es kaum staatliche Programme, ein Sponsoring-System stecke allenfalls in den Kinderschuhen.Die überfälligen Sichtungen der eigenen Kunstbestände betreibt man nun gewissermaßen mit Hilfe von joint ventures mit westlichen Ausstellungshäusern: Für den Verleih selten oder nie gesehener Schätze, die manches hiesige Institut kaum mehr vom Platz rücken würde, gibt es im Gegenzug Geld und Expertenrat und dazu einen Katalog, der in Rußland unbezahlbar wäre.Über riesige Distanzen verstreute Werke eines Malers oder einer Epoche kommen auf diese Weise erstmals zusammen.

ROSIZO als eine Art Nachfolgeorganisation der ehemaligen sowjetischen Kulturzentrale koordiniert diesen russischen Leihbetrieb mit der besonderen Note.Oleg Shandybin und seine Kollegen stehen ergriffen vor den Bildern, Hauptwerken von Malewitsch, Kandinsky, Chagall, Tatlin und vielen weniger bekannten Namen.Nicht nur wer das Verhältnis der Russen zu ihrer lange verfemten Moderne kennt, versteht die Feierlichkeit dieses Moments.

Alexander Jefimowski vom Shurikow-Kunstmuseum im sibirischen Krasnojarsk erinnert an die dramatischen Rettungsaktionen in den dreißiger Jahren, als die großen Museen in Moskau und Leningrad ihre Sammlungen von allen "formalistischen" Tendenzen "reinigen" mußten.Viele Gemälde wurden damals in der Provinz versteckt und überfordern heute als kostbare Erblast viele der peripheren Museen.Diese einstmals hehren und repräsentativen Institute können mittlerweile nicht einmal mehr ihre marode Bausubstanz erhalten.Besonders kraß zeigt sich die Lage in den einst von Moskau abhängigen Randregionen.Über den Direktor der Jerewaner Nationalgalerie, Sahen Khatschaturian, heißt es, er bezahle seit der Unabhängigkeit Armeniens seine Museumsmitarbeiter aus eigener Tasche und investiere auch schon einmal in die Winterfestigkeit seines Hauses.Er selbst nennt seine Leute mit mildem Galgenhumor "neue Helden der Arbeit".Die frühere Unterstützung für sein Haus aus Moskau und von der Petersburger Eremitage gebe es nicht mehr, der Ankaufsetat sei ohnehin auf Null gesetzt.Doch ausgerechnet seit der Unabhängigkeit des Landes habe kein Politiker mehr Zeit für die Probleme des einst in aller Welt angesehenen Symbols der Kulturnation Armenien.

Als geradezu unvermeidlich das Gespräch auf das Thema Beutekunst kommt, wandelt sich die Atmosphäre, und ein Hauch von Vorwendestimmung kehrt ein: man ergeht sich in seltsamen Unverbindlichkeiten, und die deutschen Betreuer der Kunsthalle suchen, die Runde möglichst zügig aufzulösen.Dieses sensible Thema, erklärt ein leitender Mitarbeiter, sei bei diesem "freundschaftlichen Austausch" nicht am Platz.Ende der Veranstaltung.

Am Rand ergeben sich aber doch noch interessante Gespräche, wie mit Irina Mironowa, Vize-Direktorin des Kunstmuseums in Nishnij Novgorod.Ihr Haus hat sich jener im Ausland vielbeachteten Offensive der russischen Museen angeschlossen, die ihre Depots mit Raub- oder Beutekunst geöffnet haben und die Werke öffentlich ausstellen, um nicht zuletzt den eigenen Politikern die Dringlichkeit einer Entscheidung in dieser Frage vor Augen zu führen.Der letztjährige Vorschlag der alten Bundesregierung an Moskau, russischen Provinzmuseen finanziell zu helfen, sofern im Gegenzug Beutekunst zurückgegeben werde, dürfte den Druck unter den russischen Museumsleitern noch erhöht haben."Im schlimmsten Fall stehen wir am Ende ohne Geld und ohne die Sammlungen da, die wir seit fünfzig Jahren pflegen", meint Irina Mironowa.Seit einiger Zeit schon präsentiert ihr Haus eine eigene Sammlung, deren Geschichte unter die Haut geht: über einhundert Werke unter anderem von Liebermann, El Greco, Tintoretto oder Rubens, deren einstige Besitzer ungarische Juden waren, die von den Nazis enteignet und umgebracht wurden.Nach Kriegsende gelangte diese Sammlung mit einem Regiment der Roten Armee eher zufällig in die Wolgametropole.

Die Bilder sind zugleich Gegenstand eines jahrzehntelangen, erbitterten Zwistes zwischen Moskau und Budapest."Wir wissen von einem potentiellen Erben der Sammlung, doch hat er sich bei uns bisher nicht zurückgemeldet", beteuert Mironova heute.Immerhin hat man zur Eröffnung der Ausstellung Budapester Museumsdirektoren eingeladen."Wir haben nichts mehr zu verbergen und wollen zeigen, daß die Bilder bei uns gut behandelt werden", so Mironova.Ihren Andeutungen ist anzumerken, daß sie fürchtet, eines Tages die Bilder wieder zu verlieren.

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