Kultur : Wiedersehn im World’s End

Eine britische Karriere: 1975 ein Punk, 1985 ein Yuppie. Heute sagt der Werbemanager Stephen Colegrave, er habe den Sex Pistols alles zu verdanken.

Ulf Lippitz

Freitagnachmittag in London, in Soho füllen sich die Pubs, Stephen Colegrave hat noch zwei Stunden bis Feierabend. Er rauscht durch das Foyer der Agentur Carey Richardson, schüttelt einem die Hand und verschwindet wieder in einem kleinen Konferenzraum. Das passiert so schnell, dass man das Gefühl hat, sein schwarzes Jackett flöge zeitverzögert hinter ihm her. Colgrave ist ein erfolgreicher Werbe- und Marketing-Stratege, sogar die Regierung will von ihm wissen, wie sie bei der Jugend besser ankommt. Der 45-Jährige hat das alles nicht gelernt. Er kommt vom Punk. „Ich werde immer ein Punk bleiben“, sagt er.

Das Handy klingelt, er gibt Anweisungen durch, es klingelt noch einmal, er stellt es aus. Im Hintergrund rasselt ständig ein Telefon. Der Sound von Punk hat sich verändert. Auch die Erscheinung. Colegrave trägt grau meliertes kurzes Haar und einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug.

30 Jahre zuvor gehört er zu den ersten Punks in London. In dieser Zeit hat er seine wichtigsten Impulse erhalten, sich danach „prototypisch entwickelt“, wie er das ausdrückt. Vom Hausbesetzer zum Traumhaus-Eigentümer, vom Sozialfall zum Besserverdiener, vom U-Bahn-Passagier zum Porschefahrer, vom Punk zum Yuppie. Seine Geschichte verläuft in sagenhaften Kurven, aber sie verläuft nach seinem Willen. Und das ist der Unterschied zu dem Leben, das ihn damals in der Vorstadt erwartete.

Im November 1975 knistert dort die Kassette eines Freundes im Recorder, Stimmen dröhnen nebenher, die Musik ist im Pub mitgeschnitten, eine neue Band rumpelt – die Sex Pistols. „Sie versuchten erst gar nicht, irgendjemandem zu gefallen“, sagt Colegrave. Das beeindruckt den Teenager, der auch nicht gefallen will. „Die Berufsberatung an der Schule sah so aus: Wenn du richtig klug bist, wirst du Anwalt, wenn du nicht ganz so klug bist, Beamter, bist du dumm, dann wirst du Lehrer, und kannst du gar nichts, musst du in der Fabrik arbeiten.“ Er kommt aus der Mittelklasse – „wie fast alle Punks außer den Sex Pistols“. Aber er will nicht das Leben seiner Eltern noch einmal leben.

Er will das Gegenteil. Mit 16 zieht er in besetzte Häuser, steht um vier Uhr nachmittags auf, torkelt durch Pubs wie „The Intrepid Fox“ in Soho, spielt in Bands, trinkt Bier, tanzt bis in den Morgen, geht mit anderen Punks nach Hause, wacht am nächsten Nachmittag auf, ohne zu wissen, ob er nördlich oder südlich der Themse geschlafen hat. „Wir aßen ein Mal die Woche.“ Wie sie das schafften? „Wir nahmen Speed. Das zügelte den Appetit. Fünf Pounds für ein Gramm, das hielt zwei Tage und war billiger als Essen.“

Wie geordnet sieht das Leben heute aus: Colegrave lebt mit seiner Frau Hillary, den drei Kindern und zwei Katzen in einem ehemaligen Kutscherhaus in der Grafschaft Kent. Letzte Woche hat er seinen alten Porsche verkauft und macht nicht den Eindruck, als wolle er künftig die Marke wechseln. Vor 13 Jahren hat er die Osteuropa-Filiale der Werbeagentur Saatchi & Saatchi in Prag aufgebaut, Filme produziert, seit 2000 bringt er jedes Jahr ein „Who is Who“ der britischen Musikwirtschaft heraus. Sein ganzer Stolz ist ein prächtiger Bildband, den er mit seinem Freund Chris Sullivan über ihre Jugend veröffentlicht hat. Er heißt „Punk“, wiegt so viel wie ein kleiner Zementsack und schildert den Aufstieg der Bewegung.

Am Anfang seien sie nur 200 Leute gewesen, sagt Colegrave. Im Mittelpunkt stehen Sonderlinge wie die Mode-Designer Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, ihr Treffpunkt ist das „Sex“ an der Londoner King’s Road 430 – ein Laden, der für seine Leder- und Gummikleidung so berühmt ist, dass sogar die Kunden aus den Sexshops in Soho hier einkaufen. Er liegt am düsteren Ende der King’s Road, Sozialbauten prägen das Bild, die bunten Geschäfte am Sloane Square, gleich zu Beginn der Straße, scheinen Meilen entfernt.

Vor genau 30 Jahren marschiert der 19-jährige John Lydon zum ersten Mal ins „Sex“. Er fällt auf, weil er überall an den T-Shirts Sicherheitsnadeln trägt. McLaren stellt gerade eine Band zusammen, er sucht einen Frontmann und fragt Lydon, ob er singen könne. Ja, ziemlich schlecht und falsch, antwortet der Arbeiterjunge aus Shepherd’s Bush. Er gibt vor Ort eine Kostprobe zu einem Alice-Cooper-Titel aus der Jukebox. McLaren ist begeistert. Aus John Lydon wird Johnny Rotten – wegen seiner halb verfaulten Zähne. Die Band heißt die Sex Pistols.

Es ist keine gute Zeit für junge Menschen. Großbritannien steckt 1975 in einer Krise. Die Bergarbeiter streiken, die Elektrizität wird stundenweise abgestellt, die Drei-Tage-Woche eingeführt. London wirkt trostlos. „Die Stadt war überall braun“, erinnert sich Colegrave. „Die Häuser, die Wohnungen, die Tapeten, die Möbel, alles.“ Also machten sie sich die Stadt bunt. Die ersten Farbtupfer tauchten auf. Junge Menschen färben sich die Haare grün oder gelb. „Wir wollten schockieren“, sagt Colegrave. „Wir waren gegen die Monarchie, weil unsere Eltern dafür waren. Wir benutzten das Hakenkreuz als Symbol, weil sich unsere Eltern darüber aufregten. Wir hatten keine Ahnung, was es bedeutet.“

Colegrave trägt enge Lederhosen, er liebt die Mohairpullover aus dem „Sex“-Laden, später färbt er sich die Haare blau. Als er so nach Paris fährt, berühren ihn wildfremde Menschen in der U-Bahn. Sie können nicht glauben, dass er keine Perücke trägt. Seine Eltern schütteln den Kopf, fürchten, er sei schwul. Als sie ihn mit Mädchen sehen, beruhigen sie sich. Sie denken, Punk könne doch nicht so schlimm sein. Im Dezember 1976 erschüttern die Sex Pistols die britische Nation. In einer Fernsehshow fluchen sie, beschimpfen den Moderator. Sie werden landesweit bekannt, verlieren aber ihren ersten Plattenvertrag. Manager McLaren hat bald den nächsten in der Tasche, natürlich höher dotiert.

Stephen Colgrave verehrt Malcolm McLaren: Punk ist ein Fashion Statement, eine Lebenseinstellung, nicht unbedingt ein politisches Manifest. „Wir hatten keine Vision von einer anderen Welt wie die Hippies“, sagt er. Wenn er jeden Nachmittag um fünf Uhr zum Pub „The Intrepid Fox“ aufbricht, spürt er eine kreative Freiheit, die er vorher nicht kannte. Hinten im Bus schreibt er Liedtexte, die er später Freunden zeigt. „Solange man drei Akkorde zustande bringt, sich ein paar Sicherheitsnadeln an die Klamotten heftet und ordentlich flucht, kann man Punk-Musiker sein“, denkt sich Colegrave – und spielt abends überall, wo Musiker ausfallen, weil sie zu betrunken sind, um wieder aufzustehen.

Nach Hause will niemand – in den besetzten Häusern ist es feucht und dreckig, es gibt kein warmes Wasser und durchlöcherte Matratzen. Wenn Punks Geld brauchen, gehen sie zum Sozialamt, schnorren oder stehlen. Der Staat gibt ihnen 28 Pfund pro Woche. In Großbritannien existiert keine Meldepflicht, die Punks registrieren sich unter Zweitnamen, erhalten noch einmal den Betrag, niemand merkt den Betrug. „Deshalb hatte John Beverley zwei Namen: seinen bürgerlichen und Sid Vicious“, glaubt Colegrave.

Sid Vicious vereint in seiner Person die Wende im Punk: Gewalt und Heroin. Er säuft wie jeder Punk, nimmt Speed, macht Musik. Aber er geht weiter. Er bespuckt Leute und rempelt sie an, während er tanzt. Pogo, nennt man das später. Sid Vicious ersetzt ab März 1977 den Bassisten der Sex Pistols, Glen Matlock, er nimmt als Erster in der Band Heroin, wird süchtig. Im Oktober 1978 erwacht er neben seiner ermordeten Freundin Nancy Spunge – niemand weiß genau, was passiert ist. Am 2. Februar 1979 stirbt Vicious in New York an einer Überdosis. Er wird 21 Jahre alt.

Punk ist ein knallhartes Geschäft geworden, steht als Musiktrend in den kommerziellen Hitlisten, aber die Begründer der Szene ziehen sich zurück. Die Sex Pistols haben sich schon 1978 wieder aufgelöst. Die neuen Bands heißen Sham 69 und UK Subs, für eingefleischte Punks sind sie eine Lachnummer. Nur The Clash überleben den Ausverkauf ohne Schaden. Sie bleiben bis 1986 zusammen.

„Wir waren eine Elite“, sagt Colegrave. Punks benutzen als erste Fotokopierer für kulturelle Zwecke, sie vervielfältigen Fanzines, verteilen sie in einschlägigen Clubs, revolutionieren Kommunikation und Marketing. Die Werbung übernimmt Ende der 70er Jahre ihre frechen Slogans als Verkaufstaktik, die Mode nimmt sie zum Vorbild. Dann kommt, am 4. Mai 1979, Margaret Thatcher – und so manche Parallele kann Stephen Colegrave nicht leugnen. „Sie hasste die Punks“, sagt er, „aber in einem Punkt waren wir uns ähnlich: Wir wollten, dass jeder sein eigenes Ding durchzog.“ Die Punks wollen keinen starken Staat, Margaret Thatcher verschlankt ihn. Die Punks wollen mehr Chancen für junge Menschen. „Thatcher gab uns das Gefühl, dass wir alles erreichen können.“

Er verabscheut die Eiserne Lady, die den britischen Sozialstaat kurz und klein schlägt, aber verfällt den Insignien ihrer Zeit. Um ihn herum fahren junge Menschen teure Autos, Motorroller düsen durch Soho, schicke Kaffeebars eröffnen. „Es war, als wäre man in Rom“, sagt Colegrave. 1980 schreibt er sich am Londoner King’s College für Geschichte ein, bricht mit Punk. Der Grund: „Die Punk-Mädchen waren so fett, ich wollte eine blonde hübsche Freundin haben.“ Und eine Zentralheizung. Vier Jahre in besetzten Häusern, das reicht dem 20-Jährigen. Er zieht nach Notting Hill. Als er mit dem Studium fertig ist, boomt die Wirtschaft, er bekommt sofort einen Job in der Werbeindustrie. „Wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der niemand Geld hat, kann man leicht ohne Geld leben. So war Punk. Aber wenn man plötzlich in einer Welt aufwacht, in der jeder ein schickes Auto fährt, ein Haus hat und gut isst, will man dazugehören“, erklärt er seinen Entschluss, Yuppie zu werden.

Das Einstiegsgehalt beträgt 30000 Pfund im Jahr. Er steigt auf Kokain um, das 90 Pfund pro Gramm kostet, kauft sich einen Ferrari und trägt Armani-Anzüge. Die Protagonisten der Punk-Ära machen in den 80er Jahren Karriere. Malcolm McLaren zieht 1980 nach New York, bringt relevante Stile wie Hip-Hop und Eintagsfliegen wie den Vogue nach Großbritannien. Vivienne Westwood arbeitet als anerkannte Modedesignerin in London. John Lydon alias Johnny Rotten lässt sich die Zähne machen und heiratet die 14 Jahre ältere Verlegertochter Nora Springer und veröffentlicht Platten mit der Band Public Image Limited. 1986 treffen sich die Sex Pistols vor Gericht, um von ihrem Ex-Manager McLaren eine Million Pfund einzuklagen. Man einigt sich außergerichtlich. In den 80er Jahren erinnert Punk an einen schlechten Witz. Stephen Colegrave hört damals sogar auf, Musik zu hören. Er heiratet 1989, muss finanziell zurückstecken. An der Wall Street sind ein Jahr zuvor die Kurse eingebrochen. Eine Wirtschaftskrise erschüttert das Vereinigte Königreich, die Yuppies sind wie die Punks Geschichte.

Die junge Familie zieht nach Prag, zwei Jahre später nach Frankfurt am Main. Der Ex-Punk leitet dort die Niederlassung einer der größten Werbeagenturen der Welt. Deren Motto: „Nothing Is Impossible“. Nichts ist unmöglich. Das Firmen-Credo von Saatchi & Saatchi erinnert Colegrave an die frühen Punk-Tage, als man einfach Häuser besetzte, Gitarre spielte und Texte verfasste. „Man begann erst einmal, dann sah man weiter.“ Auf einer Party in London trifft er einen Produzenten der BBC, bietet dem Mann einen Film an, von dem er eine Stunde vorher selbst keine Ahnung hatte. Die BBC will den Film machen, Colegrave soll ihn produzieren, obwohl er keine Ahnung hat, was er tun muss. Der Film spielt an der Kinokasse sein Geld ein. Fernsehfilme folgen, ein Flop mit David Bowie und Drum & Bass DJ Goldie, „der erste und letzte Drum-and-Bass-Gangster-Film der Geschichte“, lacht Colegrave.

Nach drei Jahren muss er die Firmen aufgeben. Ein Büro in Los Angeles und London, das Anwesen vor den Toren Londons, die Familie mit den drei Kindern – das Geschäft trägt sich nicht. Er kehrt für drei Jahre zurück zu Saatchi & Saatchi, 2001 macht er sich selbstständig. Das Buch über Punk wird sein Erweckungserlebnis. Er sieht sich nun als Autor, trotz aller Berater- und Marketingaufgaben. Das Büro bei Carney Richardson in London nutzt er als freier Mitarbeiter. „Mein Vater wäre heute stolz auf mich“, sagt er. Aber der ist schon seit ein paar Jahren tot.

„The Intrepid Fox“, Colegraves alten Pub, gibt es noch. Abends riecht das verschüttete Bier auf dem Fußboden genauso wie vor 30 Jahren, es klebt auch so an den Schuhen, wenn die Neo-Punks schnell hinausrennen, um einen Anruf auf dem Mobiltelefon entgegenzunehmen. Ihre Kleidung wirkt gammelig, aber selten billig. Punk hat in der britischen Hauptstadt ein hedonistisches Image. Vivienne Westwood residiert an der eleganten Conduit Street in Mayfair. Auf der Straße fahren dunkle Limousinen zum Shopping vor, aus denen Frauen aussteigen, die sich Einkaufstaschen zum Auto tragen lassen.

Das ehemalige „Sex“ existiert noch, es heißt seit 1979 „World’s End“, Westwood verkauft dort eine Auswahl ihrer Kollektion. Die großen Supermärkte sind dichter herangerückt, die Mieten fast unbezahlbar, nur neben dem kleinen Modegeschäft trotzt weiterhin der Chelsea Conservative Club jedem Zeitgeist – und das seit 1910.

Sind die Punks von damals die Konservativen von heute? „Ich muss opportunistisch sein“, sagt Colegrave. „Wegen der Familie.“ Aber nicht materialistisch, betont er. „Ich besitze ein Haus, ein Auto, aber keinen Pensionsfonds.“ Er spricht „Fonds“ so aus wie die Tories früher „Punk“, zieht den Mundwinkel nach unten, spürt dem Ekel nach.

„Ich mag keine Autorität“, sagt er. Deshalb geht er nie zur Wahl. Wenn jemand sagt, eine Sache müsse man so anpacken, denkt Colegrave darüber nach, wie er das anders machen kann. Den Ratschlag gibt er an seine Kinder weiter – zwei Jungen, die 13 und neun Jahre alt sind, sowie eine siebenjährige Tochter. Sie blättern oft in dem dicken Buch, das Daddy gemacht hat, verstehen aber nicht, wie jemand freiwillig in einem feuchten Loch leben kann. Die Musik, fanden sie, sei nur Krach. „Sie sind unkritisch“, findet der Vater, „und das ist unsere Schuld.“

Sie werden zur Schule gefahren, bekommen die neueste Playstation, fahren in den Ski-Urlaub und schauen sich 100 TV-Sender an. Dort wird ihnen gezeigt, wie man sich als Rapper oder Rocker fühlt und welche Produkte man dazu am besten kauft. Das ist Marketing. Das ist Colegraves Job. „Deshalb fühle ich mich auch schuldig.“ Er lacht. „Ich bin nicht arm“, sagt er dann. „Ich verdiene viel Geld, habe aber nie so viel ausgegeben wie heute. Wir haben verrückte Ansprüche.“ Vielleicht geht ihm gerade der neue Porsche durch den Kopf.

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