Kultur : Wiege zum Ruhm

Peter Laudenbach

Klaus Völker, Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, kann stolz sein. Ob in Peter Zadeks gefeierter Inszenierung "Bash" oder bei Luc Bondys triumphaler "Möwe", ob an der Schaubühne, am Wiener Burgtheater, am Hamburger Thalia oder am Deutschen Theater Berlin - überall kann er Künstlern begegnen, die aus seiner Schule hervorgegangen sind, Regisseure wie Thomas Ostermeier oder Tom Kühnel, Ausnahmeschauspieler wie Fritzi Haberlandt, Nina Hoss, Judith Engel oder August Diehl. Aus älteren Jahrgängen kommen Stars wie Jörg Gudzuhn, Corinna Harfouch oder Thomas Thieme.

Aber Klaus Völker ist nicht stolz, sondern ratlos. Bis zum 15. Mai soll er der Wissenschaftsverwaltung einen Plan vorlegen, der aufzeigt, wie die Hochschule "Ernst Busch" 420 000 Euro im laufenden Haushaltsjahr einsparen kann, zehn Prozent ihres Etats. Nach Lage der Dinge dürfte das nur durch die Nichtbesetzung freier und demnächst frei werdender Stellen möglich sein. "Das führt auf Dauer zu einem langsamen Ausbluten der Hochschule", sagt Völker. Zwei Drittel der Professorenschaft ist älter als 57 Jahre, Völker selbst erreicht nächstes Jahr die Pensionsgrenze und geht in den Ruhestand. Wird der Lehrkörper nicht durch Neubesetzungen verjüngt, ist das Ende der Hochschule, zumindest das Ende ihrer Arbeitsfähigkeit, absehbar. Seit sechs Jahren werden die Zuwendungen für die Hochschule immer wieder reduziert. Der jetzt verlangte Schritt, der bisher einschneidendste, droht, die Substanz zu zerstören. Eine akut neu zu besetzende Stelle betrifft die Grundausbildung der Schauspieler. Bleibt sie vakant, können Grundlagen des Berufs nicht mehr hinreichend vermittelt werden.

Da Kultur- und Wissenschaftssenator Thomas Flierl nach den Sparbeschlüssen vom 19. März in Urlaub gefahren war und seine Wissenschaftsverwaltung sich damit Zeit ließ, die betroffenen Einrichtungen zu informieren, durfte Völker nach der Senats-Sparklausur aus der Zeitung erfahren, dass die Hochschule sparen soll. Wie viel und bis wann teilte man ihm erst nach wiederholten Anfragen mit.

Neben der Schauspielschule sind die Kunsthochschule Weißensee und die Musikhochschule Hanns Eisler betroffen - alle drei im Osten, alle drei im Gegensatz zur Universität der Künste UDK noch ohne Hochschulvertrag. Verwaltungstechnisch sind sie so genannte "nachgeordnete Einrichtungen" der Wissenschaftsverwaltung. Deshalb ist es zur Zeit juristisch einfacher, ihnen Einsparungen abzufordern als beispielsweise der durch Hochschulverträge abgesicherten UDK. "Es geht bei den Einsparungen nicht um die Qualität der Hochschulen", seufzt Völker, "Es geht einzig darum, wo man glaubt, möglichst schnell Gelder streichen zu können. Was man so spart, sind gemessen am Gesamthaushalt Kleckerbeträge, gleichzeitig beschädigt man empfindliche, gewachsene Ausbildungsstrukturen auf Dauer. Es ist grauenvoll. Die Sparpolitiker können ja die Menschen abschaffen, das wäre dann am allerbilligsten."

Seit zehn Jahren unterrichtet der Theaterhistoriker und Dramaturg an der Hochschule, seit neun Jahren steht er ihr als Rektor vor. Was er jetzt erlebt, muss auf ihn wie eine Verhöhnung seiner Arbeit und der seiner Kollegen wirken. "Vor fünf Jahren habe ich einen Ruf als Professor an das Wiener Max-Reinhardt-Seminar erhalten. Ich habe ihn nicht angenommen, weil ich in der Ernst Busch Hochschule bleiben wollte. Aber wer will denn heute noch nach Berlin gehen, wenn alle schlechte Laune haben und ständig nur über Streichungen und Schließungen debattiert wird." Besser wird die Situation durch das verwirrende Agieren des Kultur- und Wissenschaftssenators nicht. "Flierl sagt mir, dass er auf unserer Seite ist", berichtet Klaus Völker. "Er erzählt mir, dass er unsere drei Kunsthochschulen ganz toll findet und dass er sich mit unserem Widerstand gegen die Einsparungen solidarisiert - und nimmt gleichzeitig die Einsparungen,die er ja mit beschlossenen hat, nicht zurück." Eine kohärente, wohldurchdachte Wissenschaftspolitik mag man das nicht unbedingt nennen.

Die Hochschule Ernst Busch ist nicht der einzige Ort der staatlichen Schauspielausbildung in Berlin. Auch die Universität der Künste bildet Schauspieler aus. Angesichts knapper Kassen ist die Frage naheliegend, ob Berlin zwei solche Einrichtungen braucht. Nur ist das Ausbildungsprofil bei Ernst Busch ein völlig andere als an der UDK, von den Unterrichtsmethoden bis zu den angebotenen Studiengängen. "Es sind sehr unterschiedliche Lehrauffassungen", sagt Völker diplomatisch. "Bei einer Zusammenlegung beispielsweise würde die Chemie zwischen den Schauspielzentren beider Kunsthochschulen nicht stimmen." An der UDK wird neben Schauspiel auch ein Ausbildungsgang Musical und ein Studium "Szenisches Schreiben" unterrichtet, bei Ernst Busch stehen Puppenspiel, Choreografie und Regieausbildung neben dem Studiengang Schauspiel. Die Kombination dieser Ausbildungsgänge an einer Hochschule führt nicht nur zu gemeinsamen Projekten, wenn beispielsweise Regie-Schüler mit Schauspielstudenten Inszenierungen erarbeiten und im hochschuleigenen BAT-Theater in Prenzlauer Berg aufführen. Diese ständige Praxisorientierung, der Wert, den Völker ganz altmodisch auf die Persönlichkeitsentwicklung und Ensemblefähigkeit der Schauspieler legt, prägt ein handwerklich uneitles Verständnis des Berufs. Die Zusammenarbeit der Studierenden hat Folgen bis in die Theaterpraxis hinein. So bildete sich der harte Kern von Thomas Ostermeiers Baracken-Truppe, die jetzt seit gut zwei Jahren an der Schaubühne arbeitet, aus früheren Ernst-Busch-Kommilitonen, von Ostermeier und bis zu Schauspielern wie Robert Beyer oder Andrzej Szymanski. Bei zwei anderen Regiestudenten, Tom Kühnel und Robert Schuster, die heute gemeinsam das Frankfurter TAT leiten, führte die Arbeit mit Puppenspiel-Kollegen zu einer eigenen Theaterästhetik, die Puppen- und Schauspiel - einander verfremdend - zusammenfügt. Es ist dieses einzigartige Modell der parallelen Ausbildung von Schauspielern, Regisseuren, Choreografen und Puppenspielern verbunden mit der Möglichkeit, schon im Studium eigene Inszenierungen vor Publikum zu zeigen, das die Hochschule Ernst Busch zurwahrscheinlich renommiertesten deutschen Theaterhochschule gemacht hat.

Jürgen Flimm, der frühere Intendant des Hamburger Thalia Theaters und Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, hat sich an diesem Modell orientiert, als er vor einigen Jahren in Hamburg gemeinsam mit der Universität ein Institut zur Ausbildung von Theater-Regisseuren gründete. Er spricht nur voller Hochachtung von den Leistungen der Berliner Hochschule: "Der hohe Ausbildungsstandard der Hochschule Ernst Busch, auf den wir schon vor der Wende mit Neid geblickt hatten, kommt seit 1989 auch den westdeutschen Theatern zugute. Berlin als Hauptstadt sollte stolz darauf sein, über eine solche Institution zu verfügen." Wie es aussieht, ist Berlins Regierung gerade dabei, unter dem Druck der Sparzwänge diese kostbare Einrichtung zu demontieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben