Kultur : Wien - Berlin am Central Park

Moritz Schuller

Eigentlich war es mit dem renommierten Viertel schon einige Zeit bergab gegangen. Altehrwürdige Institutionen hatten in Yorkville schließen müssen: die Mozart-Halle, das Schokoladengeschäft Elk. Dann brannte auch noch die "Kleine Konditorei" ab und zuletzt konnte auch daneben das Feinkostgeschäft "New York Strudel" die Miete nicht mehr zahlen. An die deutschen Einwanderer, die seit 1904 in das Quartier rund um New Yorks 86. Straße gezogen waren, erinnerten plötzlich nur noch die Metzger hinter der Fleischtheke bei Schaller & Weber. Doch nicht weit davon entfernt, dort, wo auch die 86. Straße elegant wird, Ecke Fifth Avenue, direkt am Central Park, hat nun eine Institution eröffnet, die den Apfelstrudel in einem so prächtigen Ambiente anbietet, als gelte es die kulturelle Gegengeschichte zum kleinbürgerlichen Yorkville nachzuliefern: Im holz getäfelten Café Sabarsky hängt die Wiener "Presse" im Schieber, unter die Kaffeehaus-Tische sind Stühle von Adolf Loos geschoben, und auf der Karte steht Tafelspitz.

Die Konkurrenz wird unruhig

Das Wien der Jahrhunderwende wird hier nacherzählt, im Café und auf zwei weiteren Etagen, wo die gewichtigsten Zeugen der deutschen und österreichischen Kunst jener Zeit versammelt sind: Klimt, Schiele, Kokoschka, Kubin, Hoffmann, Beckmann, Heckel, Kirchner, Dix, Grosz, Breuer, Mies. Die Neue Galerie, wie das Museum auch auf Englisch heißt, gehört zu den aufregendsten New Yorker Neueröffnungen der letzten Jahre.

Allein die Räume, in einer 1914 von den Architekten Carrère & Hastings für den Industriellen William Starr Miller errichteten Beaux-Arts Villa an der Fifth Avenue, sind beeindruckend stilsicher restauriert: Marmorböden, Kronleuchter, dunkle Holzverkleidungen, mit Rücksicht auf die Anforderungen eines modernen Museums. Sogar der Museumsshop wirkt wie der detailgetreue Jugendstil-Nachbau eines Wiener Originals. In die Ausstellungsräume führt eine prächtige Marmortreppe, die Räume selbst wirken noch immer wie die eleganten Privaträume, die sie einmal waren. Lediglich auf der zweiten Etage hat die Architektin Original-Decken abgehängt, um den Kunstwerken mehr Wirkkraft einzuräumen.

Die Neue Galerie verwirklicht einen Traum zweier Männer: des Kunsthändlers Serge Sabarsky - und Ron Lauders, des Kosmetikerben, Kunstmäzens und Unterstützers jüdischer Einrichtungen. Fast 30 Jahre besaßen sie zusammen, unter der Leitung Sabarskys, das beste, was jene Epoche zu bieten hatte, nun sind ihre Sammlungen unter einem Dach vereint. "Wenn wir sechs Ölbilder von Klimt zeigen", sagt Renée Price, die Direktorin der Neuen Galerie, "dann sind es die besten".

Eine Epoche wird präsentiert, für die das künstlerische Programm aller bereits existierenden "Neuen Galerien" Paten gestanden hat; eine kunsthistorische Zeitenwende, die mit der 1877 in Kassel gegründeten Neuen Galerie beginnt und sich bis zu der 1947 mit einer großen Alfred-Kubin-Ausstellung ins Leben gerufenen Neuen Galerie der Stadt Linz erstreckt. Das letzte Stück des New Yorker Museums stammt aus dem Jahr 1938.

Serge Sabarsky wurde 1912 in Wien als Siegfried Sabarsky geboren. In Wien schlug er sich mit Jobs am Theater und im Zirkus durch; nachdem er 1938 über Paris nach New York geflohen war, begann er in New York als Immobilienhändler. Später eröffnete er auf der Madison Avenue seine legendäre Galerie, die über Jahre eine Anlaufstelle für die klassische Moderne deutscher und österreichischer Ausprägung war. "Sabarsky war ein großer, gut ausehender Wiener Jude mit viel Witz und Charme, ein Frauenheld", sagt Peter Grosz, der die Werke seines Vaters bei Sabarsky in Kommission gab. Dieser veranstaltete unzählige Ausstellungen weltweit, mit einem fast pädagogisch anmutendem Impetus und einer kaufmännischen Lässigkeit, die seinen Erben, der Sabarsky-Stiftung, nun eine Klage der Grosz-Söhne eingebracht hat. Noch immer, so Peter Grosz, habe er keine genaue Aufstellung erhalten über den Verbleib der Bilder seines Vaters. Serge Sabarsky ist inzwischen fünf Jahre tot.

"Die Serge Sabarsky Gallery war mein Aufbauseminar über den österreichischen und deutschen Expressionismus", sagt Lauder. In Sabarskys Gegenwart fühlte er sich nach Wien versetzt "mit seiner unverwechselbaren Melange aus Kultur und Intrige". Es war eine Mischung, der sich Lauder nicht entziehen konnte: 1986 ist er - nach großzügiger politscher Spendentätigkeit und vermutlich auf eigenen Wunsch - als amerikanischer Botschafter nach Wien berufen worden. Dort habe er, so heißt es, den Spielraum diplomatischer Ausfuhrgenehmigungen zu Gunsten seiner Sammlung geschickt zu nutzen gewusst. Er erweiterte in jenen Jahren seine Bildersammlung um Möbel, Silberkunst und Kunsthandwerk der Wiener Werkstätten. Dazu zählt inzwischen auch das Original jenes Tisches, den Ludwig Mies van der Rohe für den deutschen Pavillon der Weltausstellung 1928 in Barcelona entworfen hat.

So eng die Neue Galerie mit dem Erbe Sabarskys verbunden ist: Verwirklicht wurde das Projekt erst durch die großzügige Mithilfe des Milliardärs Lauder. Als die Stiftung, die den Nachlass Sabarskys verwaltet, in Schwierigkeiten geriet, kaufte ihr Ron Lauder die Villa für 20 Millionen Dollar ab und auch die aufwändige Renovierung des Gebäudes bezahlte er aus eigener Tasche. Passt die Neue Galerie kunsthistorisch vorzüglich in die Nachbarschaft von Metropolitan Museum und Guggenheim, so ähnelt der Charakter seiner Institution doch eher einem anderen Nachbarn auf der New Yorker Museumsmeile: der Collection von Henry Clay Frick, einem ähnlich kunstinteressierten und wohlhabenden Industriellen.

Wie die Frick Collection ist auch die Neue Galerie ein Sammlermuseum, von einer eigensinnigen Mischung geprägt - und einem erstklassigem Eklektizismus. Die Sammlung stellt etwa Adolf Loos neben seinen Konkurrenten Josef Hoffmann, dem er auf der Wiener Ringstraße wahrscheinlich herablassend ausgewichen wäre. Auch der Versuch des Unternehmens, einen vielleicht sehr amerikanischen Überblick über 50 Jahre deutscher Kunst auf zwei kleinen Etagen geben zu wollen, ist gewagt. Dass das Museum of Modern Art (MoMA), dessen Vorsitzender Lauder war, die neue Konkurrenz auf der Upper East Side dennoch mit einiger Sorge betrachtet, ist nachvollziehbar: Erst im Mai hatte Lauder für die Rekordsumme von 22,5 Millionen Dollar Max Beckmanns "Selbstbildnis mit Horn" für die Neue Galerie ersteigert; und auch die Worte der Direktorin, die Sammlung des Museums befinde sich "im steten Aufbau", wird die Unruhe der Konkurrenz eher steigern. Lauder selbst sieht die Neue Galerie als exklusive Ergänzung zum MoMA: "Die Sammlung würde dort untergehen." Die Neue Galerie, der 18 Mitarbeiter und eine Ausstellungsfläche von gerade 200 Quadratmetern zur Verfügung steht, könne ohnehin niemals mit den großen thematischen Ausstellungen des MoMA konkurrieren. Mehr als 350 Besucher gleichzeitig können Museum und Café nicht aufnehmen. Seine Direktorin plant daher, die eigene Sammlung, die zum Teil noch nie in der Öffentlichkeit gezeigt wurde, im Wechsel vorzustellen. Zusätzlich sind zwei Leihausstellungen pro Jahr geplant, im März etwa in der Hamburger Kunsthalle eine Schau früher Kokoschka-Porträts.

Die Neue Galerie schließt damit eine Lücke, die New Yorks Museen mit ihrem Haupt-Interesse für die französische Moderne selbst offen gelassen hatten. Abgesehen vom Busch-Reisinger Museum in Cambridge galt den amerikanischen Museen die deutsche Kunst, auch die der Jahrhundertwende, bislang herzlich wenig.

"Ohne Hitler gäbe es das Museum nicht"

Dieser Ambivalenz ist sich die Direktorin durchaus bewusst: "Ohne Hitler gäbe es dieses Museum nicht." Das Haus soll deshalb den Besuchern einen Eindruck jener Welt vermitteln, aus der ihre Vorfahren womöglich stammen. "Ich würde nicht von Nostalgie sprechen", sagt Lauder, "sondern davon, die Atmosphäre und das Aufregende der Vergangenheit zum Leben zu erwecken."

Deutsch-österreichische Alltagskultur, so wie Lauder sie in Wien kennen gelernt hat, soll also weiterhin auf der 86. Straße stattfinden. Im Café Sabarsky, auch dem Lebensgefühl seines Namensgebers entsprechend, sollen am Sonntagvormittag Konzerte stattfinden. Zum Apfelstrudel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar