Kultur : Wien und Berlin: Widder oder Waage

Es gibt sie, die Achse Wien - Berlin! Zunächst geografisch, beide Metropolen liegen nahezu auf dem selben Längengrad. Politisch war diese Achse als Trennlinie zum europäischen Osten in den letzten 50 Jahren de facto unterbrochen. Seit den 90er Jahren hat sich die Lage grundlegend gewandelt, Wien und Berlin rückten vom Rand Europas wieder in die Mitte. Kulturell wurden die Interdependenzen mit London, Paris und Rom um Moskau, Petersburg, Budapest und Prag erweitert. Dort liegt die eigentliche Herausforderung, wobei Wien dabei ist, sich dieser neuen Öffnung und der dadurch veränderten geopolitischen Lage organischer anzupassen. Beide Städte eint auch ein Gefühl nicht nur von Verheißung, sondern von Bedrohung, und dieses fördert den ohnehin grassierenden Xenophobismus.

In fast jeder anderen Hinsicht aber stehen sich hier zwei Städte polar gegenüber, so extrem in ihren Unterschieden, dass sie einander wieder bedingen. Wie im Tierkreis Widder und Waage in der völligen Opposition und daher in der größten Anziehung. Berlin hat ein Gesicht der Brüchigkeit, der Heterogenität, es hat Tempo, Wien dagegen ist homogen und pflegt die Schule der Langsamkeit. Wien ist Schein, Berlin Sein. Wien ist katholisch, Berlin ist krank. Die ewigen Probleme der zusammengeschmiedeten deutschen Kleinstaaten einerseits und des Verlustes der Großmacht der Habsburger andererseits erzeugen in beiden Städten ein Gefühl zwischen Minderwertigkeit und Größenwahn. Am Beginn des neuen Jahrtausends scheinen die alten Konstellationen der Vorkriegszeit seltsam wiederhergestellt. Heute wie damals erzählt Berlin vom bedrohlich-verführerischen Chaos einer pulsierenden Metropole; über Wien könnte auch heute noch kein Großstadtroman wie etwa "Berlin Alexanderplatz" geschrieben werden. Denkbar jedoch ist, dass sich eine verführerische Wiener Süßspeise als tödlicher Giftpilz entlarvt, während in Berlin eine begrenzt schmackhafte Boulette verlässlich auch eine ist.

Katholisch, mediterran und beschaulich sucht sich Wien den langsamen leichten Weg ins neue Jahrtausend, während Berlin mit der Last der Geschichte auf dem Rücken, gehetzt und ein wenig hysterisch alles jetzt und sofort erzwingen will. Wo Berlin sich aufgerissen hat, hat Wien verdrängt. Die sozialen Konflikte, in Berlin messerscharf, wirken in Wien flach - subkutan allerdings umso heftiger, wenn man an die mangelnde Vergangenheitsbewältigung der Österreicher denkt. Hieraus nährt sich die Haltung eines Thomas Bernhard, einer Elfriede Jelinek, die nicht anders als früher Horvath gegen diese Verdrängung anrennen, in einer Gesellschaft, die im Nachhinein ihre eigene Geschichte nur selektiv wahrnimmt.

Hiervon profitiert das Theater, und auch hier zeigt sich eine Polarisierung. In Berlin ist die Szene aufgesplittert in verschiedene mehr oder weniger gleichberechtigte Häuser mit starker Spezialisierung (Volksbühne, Schaubühne, Opernhäuser); in Wien überwiegt die Dominanz eines jeweils einzelnen Hauses. Die Kulturhoheit für Burg und Oper liegt beim Staat und ist Ausdruck dessen, dass sich dieser Staat auch kulturell repräsentiert sehen will. Überschaubar, hierarchisch und zentriert ist in Wien das klassische Bildungsbürgertum weitgehend noch existent. Musik und Theater sind Teil des täglichen Lebens, und die Ringstraße mit ihrer imperialen Architektur zeigt einen Grundzug typisch österreichischer Schizophrenie zwischen Zwergstaat und Weltmacht. Gelebt wird all das vor allem theatralisch, Wien glaubt an die Mystik der Kunst als etwas Schicksalhaftes, was das eigene Leiden und die eigene Schuld erklärt und nährt. Dazu braucht man das Theater. Und vor allem das Burgtheater. Es ist das einzige Gebäude, das auch heute noch richtig dimensioniert ist, da die Kunst die Grenzen ihres Reichs selbst bestimmt. Es ist mehr als ein Theaterbau, denn nach der Comédie Française ist es das älteste existierende Sprechtheater der Welt.

Die Burg war in ihren wichtigen Perioden immer eine eigene Landschaft innerhalb der großen Theaterlandschaft. Schon im 18. Jahrhundert vollzog sich hier, was nirgends in Deutschland gelungen war, im Nebeneinander der Stile der nahtlose Übergang vom Stegreifspiel zum Kunststil. Der künstlerische Reichtum macht es auch heute unverwechselbar, und ich verstehe, dass die kleinbürgerliche Sehnsucht nach Überschaubarkeit und sichernder Definition einen solch großzügigen Ansatz beargwöhnen lässt. In einer Welt der Spezialisierung ist das Allumfassende verdächtig, und gerade deshalb hat die Burg heute mehr denn je diesen Anspruch zu vertreten.

Das Burgtheater macht Wien zur Großstadt und bestimmt die Weite des Horizonts entscheidend mit. Die Besten haben hier ihren Platz; während woanders die großen Namen als Börse gehandelt werden, sind sie hier selbstverständlich. "Roll-back" oder Avantgarde, alle Debatten entscheiden sich zwischen 20 und 22 Uhr. Gemessen an seiner Größe und den Aufgaben hat dieses Theater nicht mehr Mittel als andere große Häuser, es hat mehr Anziehungskraft und Mythos. In Wien gibt es Theater, in Berlin gibt es auch Theater. Das Wort Burgtheater kann hier nicht ohne Emotionen ausgesprochen werden, ob erbost oder glücklich - fast immer sentimental.

"Das Heil kann nur vom Schauspieler kommen", sagte Max Reinhardt in Berlin und begab sich folgerichtig nach Wien. Und so kommen sie aus allen Städten seit vielen Jahrzehnten an den Ort, wo der spielende Mensch ein wesentlicher Identifikationsfaktor für die Stadt ist. Dass der Weg der schöpferischen Regie, die sich in Sinndeutung und Ästhetik auf der Höhe ihrer Zeit befindet, auch in Wien unumkehrbar ist, ist von entscheidender Bedeutung angesichts der hiesigen Gefahren eines stagnierenden Traditionalismus. Womit soll sich das Theater sonst beschäftigen als mit der Gegenwart, ob bei Aischylos, Shakespeare oder Botho Strauß?

Das Burgtheater ist über die Jahrhunderte eine ausführliche und höchst lustvolle Chronik von Krisen. Nur eine Publikumskrise gab es nie, im Gegenteil: Je stärker die Krise, umso größer war die Anziehungskraft. Hier liebt nicht nur das Publikum das Theater, sondern auch umgekehrt. In der Stadt funktioniert ein lebendiger Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum wie nirgends sonst.

Je mehr der Weg zwischen Berlin und Wien - mit der wichtigen Zwischenstation Prag - in Zukunft in beide Richtungen begangen wird, je mehr dadurch an Begegnung, an Austausch, an Konfrontation, an Konkurrenz, an Verbindungen und Vermischung möglich wird, um so besser für beide Städte. An magnetischer Kraft und an Anziehungspotenzial fehlt es nicht. Permanente Missverständnisse eingeschlossen.

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