Wiener Festwochen : Ich will Liebe, du Selbstverwirklichungssau

Neue Stücke von Rimini Protokoll und René Pollesch bei den Wiener Festwochen.

Christina Kaindl-Hönig

Wie oft trügt der Schein? Es ist das Spiel mit medial vermittelten Realitäten, die das Diskurs-Theater von René Pollesch und Rimini Protokoll verbindet. Zwei Uraufführungen bei den Wiener Festwochen: Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel zeigen „100 Prozent Wien“, eine Variation jener „statistischen Kettenreaktion“, die sie vor zwei Jahren zum 100. Geburtstag des Hebbel-Theaters in Berlin in Gang gesetzt hatten. Und René Pollesch präsentiert eine neue Folge seiner Theater-ist-Kino-Show, mit dem herrlichen Titel „Peking Opel“.

Nach den Prinzipien ihres Semi-Dokumentartheaters filtert Rimini Protokoll 100 „Experten des Alltags“ aus der Wiener Bevölkerung: 100 Wienerinnen und Wiener repräsentieren, ausgewählt nach Alter, Geschlecht, Beruf und Wohnbezirk die 1,7 Millionen Einwohner der österreichischen Hauptstadt. Auf der grünen Drehbühne beantwortet diese Hundertschaft Fragen in Form einer Massenchoreografie; ein pensionierter Botschafter neben einem türkischen Musiker und einem Kind mit Teddy im Arm.

Mehr als die Hälfte glaubt an Gott, nur sieben trauen den Medien und nur einer saß bereits im Gefängnis. Die diversen Tagesabläufe werden pantomimisch in einem großen Gruppenbild dargestellt und die Frage nach dem größten Wiener in Form kleiner Menschenkolonnen vor Antworttafeln beantwortet: Freud siegt über Falco. Sonst ist es im Wiener Museumsquartier nicht viel anders als in Berlin, schließlich erinnert das alles an Fernsehshows, in denen der Einzelne seinen Kurzauftritt hat und wieder in der Anonymität verschwindet.

Auch René Pollesch sucht nach dem Echten im Vorgetäuschten, mit einem starken Hang zum Glamour. Ein kirschroter Vorhang enthüllt die Bühne für „Peking Opel“, auf der ein roter Gala-Teppich auf einer verlängerten Rampe bis in die ersten Reihen des Zuschauerraums führt. „Fame on you“ steht wie eine Drohung in großen Lettern über einer Künstlergarderobe. Zunächst sieht man einen Schwarzweißfilm mit den Protagonisten. Wenn sich die Leinwand hebt, erscheint ein Urwald aus Palmen: Catrin Striebeck, Martin Wuttke, Marc Hosemann und Volker Spengler, das Berliner Pollesch-AllStar-Quartett, verheddert zwischen tropischen Grünpflanzen. Nach Umwegen über die Hinterbühne sind die Helden der Medienwelt schließlich in der Wirklichkeit des Akademietheaters angekommen. Und sie fragen sich: Wie soll man existieren in der durch die Dominanz der Ökonomie forcierten Künstlichkeit des Daseins? „Die Wirklichkeit war doch meine Kategorie, mit der ich mein Leben ordnen konnte“, sinniert Martin Wuttke als Theaterautor Tom Chambers, flankiert von dem Maler George Curtis (Marc Hosemann im karierten Anzug) und beider Muse Gilda Farrell: Im mondänen Abendkleid teilt sich Catrin Striebeck diese Rolle mit Volker Spengler, der zugleich Gildas Ehemann Max Plunkett spielt. Kein kleines Verwirrspiel der Identitäten vor dem assoziativ-travestierten Hintergrund von Ernst Lubitschs Lustspiel „Serenade zu dritt“ von 1933 – und aus Gedankensplittern philosophischer Texte von Giorgio Agamben, Jean Luc Nancy und Klaus Theweleit.

„Ich will Liebe!“, schreit Martin Wuttke, „du Selbstverwirklichungsfanatistensau!“ Tragikomisch und in zunehmender Verzweiflung vollführt er klassischen Slapstick, spielt Xylophon und verwickelt sich im roten Teppich, stürzt, rappelt sich hoch, fällt erneut. „Nettigkeit ist die Bananenschale unter dem Fuß der Wahrheit“, kommentiert Volker Spengler, die Muse. Wuttke ist in dieser Uraufführung das souverän-durchlässige Zentralgestirn, dessen Mitspieler wie Trabanten um die Sonne kreisen.

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