Kultur : Wiener Geschichten

ISABEL HERZFELD

Perfektion kann das Langweiligste von der Welt sein; hochkarätige Interpretationen der immer gleichen Meisterwerke führen das im durchschnittlichen Konzertbetrieb zur Genüge vor.Gerade das Festwochenthema Wien, das naturgemäß den Kernbereich europäischen Musikschaffens umfaßt, kann dieser Gefahr nicht ganz entgehen.In rätselvollem Kontrast standen sich Morzart und Bruckner im von Vladimir Ashkenazy geleiteten Programm des Deutschen Symphonie-Orchesters gegenüber.Doch alle Bedenken gegen das oft Gehörte, vielleicht nur Zusammengespannte verfliegen bei einer solchen Interpretation.Ashkenazy und das Orchester sind in Hochform, faszinieren mit einer glühenden Intensität und einer überredenden Liebe zum Detail, wie sie selbst bei der hier vorherrschenden glücklichen Symbiose selten sind.Bruckners "Te Deum" ist so von einer hochfliegenden Klangsinnlichkeit, überwältigend in den wogenden Streicherdreiklängen des Anfangs, denen die Pianoregister der Bläser holzschnittartig gegenüberstehen.Doch das ist keine naive Lobpreisung und auch kein vaterländischer Gipfelrausch, wie es dem "hinterwäldlerischen" Meister von Sankt Florian oft unterstellt wurde: straff und schlank, mit fast opernhafter Dramatik steuert auch der hochdifferenziert von Uwe Gronostay instruierte Rundfunkchor Berlin auf den Aufschrei der Todesangst zu, das "In te, Domine, speravi".Beinahe italienisches Brio geht besonders vom Solistenquartett aus, den farblich perfekt harmonisierenden Stimmen von Luba Orgonasova, Nathalie Stutzmann, Roelof Oostwoud und Michael Eder.

Eine ganz neue, in ihrer Ereignisdichte unmittelbar packende Sicht auf Bruckner - den er hier zum ersten Mal dirigiert - vermag Ashkenazy so zu erschließen.Die lähmenden, leeren, sich monumental erstreckenden Klangflächen, sie sind nicht mehr.Plastische Gesten, scharf geschnitten oder fein ziseliert, beleben auch die völlig unbekannte f-moll-Sinfonie.Der 39jährige Bruckner, der es mit der handwerklichen Ausbildung besonders genau nahm, schrieb sie als Abschlußarbeit seiner Studien in Formenlehre und Instrumentation.Stilistische Meisterschaft zeigt das kontrapunktisch dichte Werk allemal, Schumann und Beethoven sind bis in einzelne Rhythmen etwa des "Andante"-Satzes präsent.Den macht Ashkenazy zum innigen Herzstück, aus bebenden Seufzern sich erhebend und mit einem feurigen "ungarischen" Mittelteil fast den Erzfeind Brahms streifend, reich gegliedert und trotzdem die große Linie wahrend.

Eine so reiche melodische Erfindung ist hier anzutreffen, sich in immer neuen Ideen überbietend und wechselseitig kommentierend, daß der Bogen zu Mozart plötzlich nicht mehr abwegig erscheint.Pinchas Zukerman spielt vor der Pause das Violinkonzert A-Dur KV 216, das letzte Werk des 19jährigen für die Gattung.Der Geiger und der Dirigent, Freunde schon seit langem, haben es in wohlklingender Perfektion nicht nötig, sich hier interessant zu machen - und machen es doch, indem sie völlig uneitel und unvirtuos in die Tiefe gehen.Zur zartfarbigen transparenten Orchesterfolie, in der ein helles weiches Horn hervortritt, erzählt die Geige ihre Geschichten: verspielte elegisch eingedunkelte und zumal im stillen Adagio ganz intime, spinnt ihren seidenen Melodiefaden, der niemals reißt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben