Wiener Staatsoper : "Eine lange, miese Geschichte"

Die Wiener Staatsoper will die eigene Geschichte aufarbeiten. Die Ausstellung "Opfer, Täter, Zuschauer" setzt sich damit auseinander, welche Rolle die Verantwortlichen im Haus am Opernring während der NS-Zeit spielten.

Christian Fürst[dpa]

WienAls deutsche Soldaten am 12. März 1938 die österreichische Grenze überschritten, war das Schicksal der 92 jüdischen Mitarbeiter der Wiener Staatsoper besiegelt. Innerhalb weniger Tage und Wochen wurden sie entlassen oder - bestenfalls - in Pension geschickt. Dirigenten wie Bruno Walter oder Josef Krips durften nicht mehr dirigieren, der Regisseur Lothar Wallerstein, der Sänger Fred Destal und zahlreiche andere wurden ins Exil vertrieben. Doch es traf nicht nur die Großen, wie die am Montag in Wien eröffnete Ausstellung "Opfer, Täter, Zuschauer" im Prunkbau am Opernring bis zum 30. Juni demonstriert.

Die Wiener Staatsoper, eines der berühmtesten und traditionsreichsten Opernhäuser der Welt, betreibt zum 70. Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Deutschland eine schonungslose Aufarbeitung ihrer unrühmlichen Vergangenheit; die Aufarbeitung einer "langen, miesen Geschichte", wie einer der beteiligten Historiker meint.

"Verfolgung von ganz unten bis nach ganz oben"

Als die damals 13-jährige Edith Aptowitzer (heute Edith Arlen-Wachtel) am 14. März 1938 zum Ballettunterricht in die Staatsoper will, wird ihr der Einlass verwehrt. "Juden kommen hier nicht mehr rein", heißt es gnadenlos. Edith hatte Glück. Ein Jahr später gelangen ihr und ihrer Familie in letzter Minute die Flucht in die USA, wo sie bis heute mit ihrem Bruder Walter lebt. Doch anderen ging es nicht so gut.

Staatsopernkurator André Lange: "Es waren nicht nur die großen Namen, die jeder kennt, sondern auch die Kleinen, die keiner kennt. Die Verfolgung ging von ganz unten bis ganz nach oben. Vom Bühnenarbeiter bis zur Intendanz. Vom Korrepetitor bis zur Balletttänzerin." Insgesamt gab es so viele Entlassungen, dass die Staatsoper viele große und anspruchsvolle Werke, darunter auch große Wagneropern, gar nicht mehr aufführen konnte." Die "Arisierung" der Führung des Opernhauses nahm schließlich groteske Züge an. Weil die Opernleitung den "jüdischen" Souffleur entließ, stellte man anschließend einen offenbar stocktauben, aber Nazi-treuen Rentner für diesen Job ein.

Dass alles so schnell und reibungslos über die Bühne ging, hat nach Erkenntnissen der Wiener Historiker einen guten Grund. "Schon in den Jahren vor 1938 gab es innerhalb des Orchesters bereits eine soziale Abgrenzung (zwischen Juden und Nicht-Juden)," berichtet Bernadette Mayerhofer, die ihre Diplomarbeit über die dunkle Vergangenheit der Staatsoper schrieb. "Es wird einem sterbenselend, wenn man in die Archive geht."

Ausstellung als Ausdruck einer Suche nach Gerechtigkeit

Doch nicht weniger deprimierend ist das Verhalten der Verantwortlichen und der Politiker nach dem Ende des Faschismus. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg gab es in Österreich praktisch keine Vergangenheitsbewältigung: Künstler oder Angestellte, die nun wieder an der Oper beschäftigt werden wollten, hatten größte Schwierigkeiten. Lorentz Mikoletzky: "Die Entlassungen unter den Nazis hatten in den 50er Jahren noch immer Gültigkeit. Zu dieser Zeit waren in Österreich auch noch fast alle alten Nazis im Amt." Ein typisches Beispiel brachte der amtierende Staatsoperndirektor Ioan Holender vor drei Jahren Kritik ein: "Ist es nicht kennzeichnend, dass der letzte Direktor unter den Nazis (der Dirigent Karl Böhm) auch der erste nach dem Krieg wurde?"

Für Holender ist die Ausstellung, für die Mitarbeiter der Oper neun Monate in den Archiven wühlten, der Versuch, den "Vertriebenen, Verfolgten und Traumatisierten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen". Es gehe darum, "mehr Licht, mehr Helligkeit, mehr Sauberkeit" in das Haus am Opernring zu bringen. Österreich habe sich allzu lange in dem Gefühl gesonnt, eine "Insel der Seligen" zu sein, klagt auch Historikerin Mayrhofer: "Die Staatsoper war eine Insel der Unseligen und ein Spiegelbild Österreichs."

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