Wiesbadener Festival „Neue Stücke aus Europa“ : Ferne Spiegel

Das Wiesbadener Festival „Neue Stücke aus Europa“ treibt die Globalisierung des Theaters voran

Ruth Fühner

Der Mund zum Schrei geöffnet, die Augen schreckensstarr, das Lockenhaar ein Nest züngelnder Schlangen – er ist nicht mehr er selbst, der smarte Jüngling im schwarzen Anzug. Er ist Furie, ist Mänade geworden, wie jene Patrinella aus Patras, die, eine moderne Medea, in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Kind ihres untreuen Geliebten mordete. Nun wird das hölzerne Ebenbild der Hure durch die Stadt getragen, zum Scheiterhaufen.

Reine Raserei ist diese Inszenierung von Theodoros Terzopoulos, die sich die Stadt Patras zum Kulturhauptstadtjahr bescherte. Das Wilde bricht aus den Körpern hervor und wird sofort gezähmt, gebändigt von einer strengen Choreografie, die die Körper in den Boden rammt und wie Fackeln auflodern lässt. Sechs Männer auf der Bühne sind Patrinella, die Wiedergängerin antiker Göttinnen, der Sündenbock, der die heuchlerische Gesellschaft der Stadt verflucht – und sie sind diese Gesellschaft selbst, sind kommentierender Chor und die dämonische Stimme, die durch die Maske des Schreckens klingt. Mit dieser Aufführung des Athener Attis Theaters reicht das Wiesbadener Festival „Neue Stücke aus Europa“ noch hinter die athenischen Wurzeln des europäischen Theaters hinab in die Abgründe von Mythos und Dionysoskult – und in die apollinisch kühle Helligkeit, mit der sich die Moderne gern identifiziert.

Kostas Logaras’ „Die letzte Maske – Fallimento“ war eine Ehrenrettung des Pathos und einer der Höhepunkte des 29 Produktionen starken Festivals. Die „Neuen Stücke aus Europa“ tragen schwer an der Last, dass hier der dramatische Text im Vordergrund steht. Flaue Aufführungen sind so kaum zu umgehen. Und der Wunsch der Festivalleitung, jeweils das Landesspezifische zu zeigen, endet nicht selten im gutgemeinten Europäische-Gemeinschaftskunde-Unterricht – wie im zweiten Beitrag aus Athen, „Die Milch“. Darin erzählt Vassilis Katsikonouris von den Anpassungsschwierigkeiten griechischstämmiger Rückwanderer aus Georgien – ein ferner Spiegel des Russlanddeutschtums. Die ästhetisch antiquierte Inszenierung des Ethniko Theatro erschöpfte sich in hysterischem Gebarme auf einer Bühne voller Erinnerungsmüll.

Nicht zuletzt Festivals wie dieses, das 1992 als „Bonner Biennale“ begann und Intendant Manfred Beilharz nach Wiesbaden mitnahm, tragen dazu bei, dass sich die Welt auch auf der Bühne globalisiert, Stile und Theatersprachen sich annähern. Vielleicht pflegt das Theater im Osten Europas noch engeren Kontakt zu Geistern und eine ausgeprägtere Vorliebe fürs Absurde. Ansonsten lässt sich inzwischen alles überall finden. Manchmal wird daraus das, was man beim Film „Europudding“ nennt. Zum Beispiel bei „Schwarzland“, einer Produktion von Árpád Schilling und Krétakör Színház. Supercool westlich, postmodern gab sich das Stück aus Budapest, hochreflektiert und selbstironisch. Peinlich nur, dass sich die theatralische Wirkung der 13 Damen und Herren in Abendkleidung im Ärger über ein albernes Nummernkabarett erschöpfte, das hohlköpfige Politiker oder Möchtegern-Gangster, den EU-Beitritt Ungarns oder Kindesmissbrauch aneinander reihte.

Anderswo funktionieren Transfer und Adaption westlicher Spielweisen besser. Das Moskauer Teatr.Dok entstand aus einem Dokumentar-Theaterworkshop des britischen Royal Court Theatre. Eingeladen nach Wiesbaden war das Stück „Dok.Tor“ von Elena Isajewa, eine furiose Anklage des kranken russischen Gesundheitssystems, die besoffen machte – auch wegen der Unmengen Wodka, die da flossen, aber vor allem durch ihren kraftstrotzenden Wahnwitz.

Eher kopflastig formierten sich einige Beiträge aus dem Westen des Kontinents zu einem Schwerpunkt: der Fremde bei uns, das Fremde in uns, am liebsten verpackt in eine Liebesgeschichte zwischen weißer Frau und dunklem Mann. Der Niederländer Johan Simons inszenierte Koen Tachelets „Asylsucher“ – ein verschwurbeltes Intellektuellenstück, in dem die Asylsuche zur Metapher existenzieller Verlorenheit verschwimmt. Ähnlich lag die Sache bei dem belgischen Beitrag „Die Lösung“, während der britische Dramatiker Mark Ravenhill das Thema in „Product“ mit einer raffinierten Perspektiv-Verschiebung angeht.

Er selbst spielte (in einer Produktion des Paines Plough Theatre, London) den monologisierenden Filmproduzenten, der einer Schauspielerin eine schmierige Lovestory im Gefolge des 11. September andrehen will. Doch was auf der Bühne stattfindet, ist die symbolische Vergewaltigung eines Starlets durch die geballte (Wort-)Macht eines tuntigen Möchtegern-Tycoons – eine kleine feine Gemeinheit über die Gesetze der Unterhaltungsindustrie. Und schließlich „Weißer Mann, schwarzer Mann“ von Jaime Rochas aus Lissabon – wieder so ein Stück, das klüger war als seine derbe Inszenierung, eine hintersinnige Groteske über die Schwierigkeit, den Rassismus in sich selbst auszutreiben. Gerade wenn man ein Gutmensch sein will.

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