Kultur : Wild das Leben, harmonisch die Kunst

Die ideale Stadt: Florenz würdigt den Begründer der Renaissance, Leon Battista Alberti, mit einer grandiosen Ausstellung

Vincenzo delle Donne

Er schrieb Sonette in der neuen italienischen Literatursprache „Volgare“ und philosophische Traktate, dazu Bücher über Geometrie, Topografie und Mechanik. Er war Architekt und Maler, Künstler und Literat und verfasste die ersten großen Traktate der Neuzeit: über Malerei (De pictura, 1435–36), Architektur (De re aedificatoria, 1447–52) und Skulptur (De statua, 1450). Ein Universalgenie, das Leonardo, Michelangelo, Raphael und andere Künstlerschulen von Florenz beeinflusste.

Leon Battista Alberti gilt als Begründer der Renaissance. Er studierte die Bildkomposition, die Perspektive, das Verhältnis zwischen Licht und Farben und entwickelte Werkzeuge für die Bildhauerei. Die Architektur war jedoch seine eigentliche Passion. Sie war für ihn die höchste Kunstform, höher und „philosophischer“ als die Philosophie selbst.

Mehr als sechs Jahrhunderte nach seiner Geburt widmet Florenz Alberti nun die bislang wohl umfangreichste Ausstellung, die seinen Werdegang und Einfluss auf folgende Künstlergenerationen plastisch veranschaulicht. Insgesamt werden im gewaltigen Palazzo Strozzi 170 Objekte ausgestellt. Darunter sind einzigartige Meisterwerke von Donatello, Ghiberti, Beato Angelico, Filippo Lippi, Verrocchio oder Botticelli, deren Kunst sich entscheidend auf Albertis Handbücher gründet.

Leon Battista Albertis Lebensweg war mit etlichen Schwierigkeiten gepflastert. Er erblickte 1404 als unehelicher Sohn des reichen florentinischen Kaufmanns und Bankiers Lorenzo Alberti das Licht der Welt. Allerdings nicht in Florenz, sondern in Genua. In die ligurische Seerepublik musste die reiche Familie seines Vaters flüchten, nachdem sie aus Florenz verbannt worden war. Einen Stammbaum der mächtigen Kaufmannsfamilie, bestehend aus 141 Namen, den Alberti selbst zeichnete und den die Paläografin Paola Massalin entdeckte, zeigt die Ausstellung erstmalig. Die Pergamenthandschrift trug Alberti immer bei sich.

Nach dem frühen Tod des Vaters begann der Ärger mit seiner Familie. Sie verstieß den unehelichen Sohn. 1428 wurde der Bann gegen seine Familie aufgehoben. 1432 landete Alberti schließlich in Rom, wo er den Posten eines apostolischen Abbreviators erhielt.

Die Schönheit, schrieb Alberti, sei eine Harmonie, die dank der Wissenschaft des Verhältnisses zwischen den Formen mathematisch ausdrückbar ist. Als Alberti diese Erkenntnisse zu Papier bringt, ist er auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Zum Bauen selbst kam Alberti allerdings erst spät. Seine einzigartigen Architekturentwürfe führte er in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten aus. Er gestaltete in Florenz den Palazzo Rucellai, der als Wohnhaus einer wohlhabenden Patrizierfamilie stilbildend wurde. Daneben entwarf er das Tempietto des Heiligen Grabs in der Kirche San Pancrazio und eben sein unvergleichliches Meisterstück: die Fassade der Kirche Santa Maria Novella. Computeranimationen zeigen in der Ausstellung eindringlich, wie Alberti die romanischen Elemente an der Kirche aus dem 14. Jahrhundert mit seiner „neuen Klassik“ verschmolz. Ferner hinterließ Alberti seine architektonische Handschrift an Medici-Villen in Fiesole und Poggio a Caiano sowie am Tempio Malatestiano in Rimini und an den Kirchen San Sebastiano und vor allem Sant’Andrea in Mantua.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist indes das Gemälde der „Idealstadt“, das zum Symbol für die Klassik und für die Perfektion der Renaissance-Architektur und -Urbanistik wurde. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert, bis heute rätseln Kunsthistoriker über den Urheber. Eine unlängst vorgenommene Röntgenanalyse förderte Sensationelles zutage: Alberti könnte auch hier seine Hand im Spiel gehabt haben. Unter der Oberfläche des Tafelbildes entdeckten die Kunsthistoriker der Universität Urbino eine Zeichnung, die sie Alberti zuschreiben. Die Übereinstimmungen sind in der Tat frappierend. Das Original wird in der Ausstellung neben der Zeichnung ausgestellt.

Alberti starb 1472 in Rom. 13 Jahre nach seinem Tod brachte Lorenzo de’ Medici Albertis Werk über die Baukunst heraus, versehen mit einem Vorwort von Poliziano. Seine Unsterblichkeit auf dem Gebiet der Kunst nahm so ihren Lauf.

Florenz, Palazzo Strozzi, bis 23. Juli. Katalog 56 Euro .

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