Wild Flag : Rumpelmonster und Rennpferde

Vom Spaßprojekt zur tollen Indierock-Band: Wild Flag versammelt alte Riot Grrrls-Heldinnen. Im Berliner Lido spielen die vier Amerikanerinnen ein druckvolles, unterhaltsames Konzert.

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Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein. Empirische Untersuchungen scheint es noch nicht zu dem Thema zu geben. Aber egal ob Bauchgefühl oder Summe von eher unsystematischen Beobachtungen: Schlagzeugerinnen spielen anders als ihre männlichen Kollegen. Irgendwie scheint es ihnen weniger wichtig zu sein, dass man ihre Instrumentenbeherrschung mit Attributen wie „virtuos“ belegt. Woraus sich oft ein erfrischend unkonventionelles Geklopfe ergibt. Janet Weiss von Wild Flag ist so ein Rumpelmonster. Wie sie im gut gefüllten Lido mit wirbelnden Armen ihrem in Kniehöhe aufgebauten Drumset einen garagenrockig scheppernden Keksdosensound entlockt, jede Tempoverschärfung und jedes Break der zerklüfteten Songs souverän meisternd, das Ganze ohne eine einzige Angebergeste, ist ziemlich großartig.

Wild Flag ist ein eher zufällig entstandenes Spaßprojekt von vier verdienten Musikerinnen. Würde es nicht so unangemessen großtuerisch klingen, müsste man wohl von einer „Supergroup“ sprechen. Neben Janet Weiss war auch die furiose Sängerin und Gitarristin Carrie Brownstein früher bei Sleater-Kinney, jenen Riot-Grrrls von der US-Westcoast, die für ein gutes Dutzend Jahre den Beweis antraten, dass lärmender Gitarrenrock keine Macho-Domäne sein muss. Mary Timony, die in den Neunzigern bei der Folkrock-Band Helium war und irritierenderweise ein gewisses Lolita-Image pflegte, spielt auch Gitarre und singt, beides weniger rotzig, weniger aufgekratzt als Brownstein. Vierte im Bunde ist die Keyboarderin Rebecca Cole, Ex-The Minders, die auf einer zweiten Tastatur die undankbare Aufgabe hat, eine Bassistin zu ersetzen, ansonsten aber eher unauffällig bleibt, wenn man von gelegentlichen Background-Gesangssätzen absieht.

Die meisten Stücke von Wild Flag kommen im Nu auf den Punkt, halten ein hohes Energieniveau und transportieren erstaunliche melodische Qualtitäten. Das Ganze hat nicht den Anspruch, weltbewegend zu sein. Hier wird nichts neu erfunden, aber den bewährten Indierock-Formeln des Laut/Leise, Schnell/Langsam, Schroff/Sanft neues Leben eingehaucht. Besonders spannend wird es immer dann, wenn Wild Flag die straffen Songzügel etwas schleifen lassen. Etwa, wenn das kristalline „Glass Tambourine“ in eine krautrockige Jam mündet oder „Racehorse“ zu einem zwölfminütigen Lärmepos mutiert, bei dem sich Timony und Brownstein in ironische Gitarrenheldinnenposen werfen.

Die Stimmung im Publikum ist während des einstündigen Hauptsets ausgelassen und kocht bei der Zugabe sogar ein wenig über, als die vier Riot Ladies mit brillanten Coverversionen von „See No Evil“ (Television) und dem von den Ramones 1977 mit Punk-Lorbeeren bekränzten Teeniepop-Evergreen „Do You Wanna Dance“ Kennerschaft und Spielfreude demonstrieren. Klasse Band, bitte wiederkommen!

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