Kultur : Wild rational

Hansjörg Schertenleibs Roman „Cowboysommer“

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Das Paradoxon der Jugend: Hier das wilde und rohe Leben, das Wissen um einen privilegierten Übergangszustand. Dort der ständige Wille, diese paradiesische Zeit schnell hinter sich zu lassen, um, wie man sagt, erwachsen zu werden. Hansjörg Schertenleibs Roman „Cowboysommer“ bezieht seinen Antrieb aus dem Spannungsfeld von Unvernunft und Rationalität, hitzigem Aufbegehren gegen die Zwänge der Herkunft und der Etablierung in einem bürgerlichen Arbeitsumfeld. Hanspeter heißt Schertenleibs Erzähler. Seine biografischen Daten und Umstände weisen viele Parallelen zu denen des Autors auf. „Cowboysommer“ ist der Roman einer Freundschaft in den Siebzigern. Die Rahmenhandlung bildet ein desillusionierendes Wiedersehen im Jahr 2010.

Walter Roth, allseits Boyroth gerufen, ist der Gegenpart und Anziehungspunkt in Hanspeters Leben. Typ Rockstar, ein Draufgänger, der alles wagt und vieles kann: Fußball spielen, frisierte Mofas fahren, der Welt die Stirn bieten. So einer stellt schnell alle in den Schatten, so auch Hanspeter – „Cowboysommer“ ist nicht nur die Geschichte einer komplizierten Freundschaft, sondern eine permanente Emanzipationsbewegung. Die Musik spielt eine wichtige Rolle im Roman, dem gar eine Liste mit Boyroths Plattensammlung angehängt ist. Wehe dem, der seinerzeit Supertramp hörte!

Dass Hanspeter sich in Boyroths Schwester verliebt; dass diese Beziehung in der Schwebe von Gelingen und Lächerlichkeit verharrt, liegt an dem unsicheren Charakter des Erzählers. Wer sich seiner selbst nicht sicher ist, kann sich schwer eines anderen gewiss sein. Als Hanspeter allein auf eine längere Reise geht, ist das vor allem eine Flucht vor dem übermächtigen Freund, hin zu sich selbst. Er kehrt zurück, und alles ist anders geworden. „Freundschaft“, heißt es, „kann man genauso wenig erklären wie Liebe; doch was wären wir, wenn wir es nicht versuchten?“ Ein in diesem Fall höchst gelungener Versuch. Christoph Schröder

Hansjörg Schertenleib: Cowboysommer. Roman. Aufbau, Berlin 2010, 244 S, 19,95 €.

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