Kultur : Wilde Gesten

Von der Scholastik bis zum Fluxus: Berlins Kulturforum zeigt „Sprechende Hände“

Ulrich Clewing

„Der Kopf zeichnet, die Hand denkt.“ Dieses Zitat des Hamburger Konzeptkünstlers Franz Erhardt Walther ist in seiner bewussten semantischen Sinnverdrehung nicht nur provokant, es enthält auch einen wahren Kern von so beträchtlichem Umfang, dass darin eine ganze Ausstellung Platz hat. „Sprechende Hände“ lautet der Titel der letzten Schau, die Bernd Evers am Kulturforum veranstaltet, bevor er sich im Mai in den Ruhestand verabschiedet. Zehn Jahre trug sich der Direktor der Berliner Kunstbibliothek mit dem Gedanken, immer kam etwas dazwischen. Nun kann man von Glück sagen, dass es mit dem Vorhaben doch noch geklappt hat, denn was dort auf engstem Raum an den Wänden und in Vitrinen vor dem Besucher ausgebreitet wird, ist ein atemberaubendes geistesgeschichtliches Panorama, dessen Wurzeln bis in die Antike zurückreichen.

Wer weiß heute schon, dass sich unser digitales Zeitalter von dem lateinischen Begriff digitus für Finger ableiten lässt? Dass die menschliche Hand in ihrer gestischen Ausdruckskraft über mindestens so viele Möglichkeiten verfügt wie das Gesicht, mag eine alltäglich zu beobachtende Eigenschaft sein. Doch wem ist geläufig, dass Rhetoriker diesem Umstand bereits im römischen Kaiserreich ausführliche Abhandlungen widmeten, welche seit der Wiederauffindung von Quintilians „Zwölf Büchern über die Ausbildung des Redners“ im Jahre 1416 auch die Neuzeit prägten?

Dass die zehn Finger beim Kopfrechnen (sic!) hilfreich sein können – auch dies ist eine alltägliche Erfahrung. Aber wer hat die Haupt- und Seitenwege der mittelalterlichen christlichen Scholastik so präsent, dass er auf Anhieb jene 200 Punkte zu benennen vermag, mit denen der Autor des „Schatzbehalters“, der Nürnberger Franziskanermönch Stephan Fridolin, 1491 in einer schematischen Darstellung die Hände markierte, damit sich die Gläubigen dadurch die Leidensgeschichte Christi vergegenwärtigen konnten?

Dies sind die kulturhistorischen Pfeiler, die Evers eingeschlagen hat, um darum herum verschiedene Kapitel zu gruppieren. Dabei ist die Ausstellung nicht chronologisch gegliedert, und auch thematisch geht es bunt durcheinander. Doch das erhöht in diesem Fall nur das Vergnügen, sich von einem Aspekt zum nächsten forttragen zu lassen. Präsentiert werden – bei einer Ausstellung der Kunstbibliothek nahe liegend – wertvolle Handschriften und Bücher vom 12. bis zum 18. Jahrhundert. Und das ist längst nicht alles.

Da die Auswahl durch Bestände der Staatsbibliothek und verschiedener anderer Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie des Bauhaus-Archivs und des Georg-Kolbe-Museums angereichert und ergänzt wurde, treffen hier freundschaftlich aufeinander: die fantastische frühchristliche, knapp sechs Zentimeter hohe bronzene Votivhand des Sabazios aus dem 3. Jahrhundert (aus der Berliner Antikensammlung) und Georg Kolbes Skulptur der schlanken, emporgereckten „Frauenhände“ aus dem Jahr 1927; Traktate über die Chiromantie (die Kunst der Weissagung aus der Hand), temperamentvolle Zeichnungen des italienischen Barockmalers Federico Barocci mit Handstudien und ein aus dem sogenannten Welfenschatz stammendes Handreliquiar der Hl. Maria Magdalena vom Ende des 15. Jahrhunderts. Max Klingers für die Entwicklung des Surrealismus so wichtige Radierungsfolge „Ein Handschuh“ von 1898 ist ebenso vertreten wie Albrecht Dürers „Selbstbildnis“, eine grandiose, in der Kombination äußerst rätselhafte Federzeichnung seines Antlitzes, eines zerknautschten Kopfkissens und einer ihrer Gestik nach leicht maliziös gehaltenen linken Hand. Ein Künstler, der sich eingehend mit diesem kompliziertesten körpermechanischen Apparat des Menschen beschäftigte, war natürlich auch der akribische Alltagserforscher Adolph Menzel. Von ihm zeigt Bernd Evers nicht nur das berühmte Ateliergemälde mit den Gipsfragmenten zweier Arme an der Wand, sondern auch die reizende Pastellzeichnung, der Menzel 1849 den für ihn typischen, fast pedantisch protokollierenden Titel „Rechte Hand eines Mannes, auf dem Knie ruhend“ verlieh.

„Die Hand des Künstlers“ lautet die Abteilung, in der die Ausstellung eine Brücke schlägt vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Da begegnet man dann der lustigen „Hand Show“ des Fluxus-Künstlers Robert Filliou, der in den sechziger Jahren Künstlerkollegen wie Pablo Picasso, Jasper Johns und Andy Warhol bat, ihre Hände auf eine Glasplatte zu legen und vor schwarzem Hintergrund zu fotografieren, was den gewissen Kopiergerät-Effekt ergab – ohne dass das Kopiergerät selbst schon erfunden worden wäre.

Man sieht die archaisch und geschunden wirkenden, teilweise übermalten Handbilder von Günter Brus und Dieter Appelt. Oder Plakate, die souverän die Grenzen zwischen Gebrauchsgraphik und großer Kunst aufheben, wie jenes, das Helmut Brade 1977 für die Aufführung von Oscar Wildes „Lord Arthurs pflichtbewusstes Verbrechen“ am Landestheater Halle schuf. Das Gleiche gilt für Rosens und Bernhards Werbeposter für die „Reklame Schau“ in Berlin 1927 oder Edward McKnight Kauffers grandiosen Entwurf für eine Ölfirma von 1934. „Magicians prefer Shell“: kann sein. Aber wenn, dann tun sie es per Hand.

Kulturforum, bis 17. April

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