Kultur : Wilde Mädchen fallen tiefer

Die Krise als Normalzustand: Martin Kusej zeigt Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ am Wiener Burgtheater

Petra Rathmanner

Von einem Moment auf den anderen wird es stockfinster im Zuschauerraum des Wiener Burgtheaters. Musik kracht aus den Boxen, Elektrobeats sägen sich durch den Raum. Es wird ungemütlich. Willkommen bei einem Theaterabend von Martin Kusej. Dann sieht man nichts als ein nacktes Damenbein, grell ausgeleuchtet von zwei Lichtkegeln. Das Bein gehört Sylvie Rohrer. Die Schauspielerin liegt in einer randvoll mit Wasser gefüllten Wanne. Während sie planscht, mal Arme, mal Beine streckt, erzählt sie, dass sie vor acht Monaten „abgebaut“ wurde, seitdem ohne Einkommen ist, jedoch „den Kopf nicht hängen lässt".

Tatsächlich wird Sylvie Rohrer den Kopf niemals hängen lassen. Sie ist in der Hauptrolle als Elisabeth in der zweistündigen Aufführung von „Glaube Liebe Hoffnung“ fast immer auf der Bühne. Doch egal was ihr widerfährt, das Haupt trägt sie stets hoch erhoben. Denn dieses Fräulein ist eigentlich ein wildes Mädchen: Sie hat grellrote Lippen, eine kesse Kurzhaarfrisur und trägt ein dünnes Sommerkleidchen, auch wenn alle rings um sie bereits in warme Wintermäntel gehüllt sind. Sogar in ihrer Todesstunde schlägt die Unbelehrbare noch um sich und beißt mit letzter Kraft ihren Lebensretter in die Waden.

Womöglich hat Ödön von Horváth, der bitterböse Chronist der Spießer, Kleinbürger und Angestellten, so ein Mädchen wie Sylvie Rohrers Elisabeth vor Augen gehabt, als er seine Fräuleins ins Unglück geschickt hat: eines, das stocksteif und stur die Blessuren entgegennimmt, aber auch kräftig austeilen kann. Eben eine würdige Gegnerin, bei der es so richtig Spaß macht, ihr noch eins draufzusetzen. Immer sind es bei Horváth die jungen Frauen, die mit ihrer unangepassten Vorstellung von Glück und ihrer sinnlosen Suche nach Liebe am tiefsten fallen.

Am Anfang vom Untergang steht bei Horváth der Entzug von Arbeit. Wer ohne Arbeit ist, wird aus der Gesellschaft vertrieben und in die eigene Depression entlassen. Wir wissen heute aus zahlreichen Studien, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für die Betroffenen einem Realitätsentzug gleichkommt. Diese Einsicht macht sich die Inszenierung zunutze: Alles wirkt von der Realität abgerückt, wie Szenen aus einem Albtraum. Die Bühne liegt die meiste Zeit im Halbdunkel, und das Bühnenbild ist wie eine überdimensionierte Gerüstbaustelle. Hoch über den Köpfen der Schauspieler ziehen Wolken über einen Videobildschirm – freilich schwarze.

An diesem finsteren Schauplatz bewegen sich die Figuren kaum, sie beäugen einander misstrauisch, als ob vom anderen immer schon Gefahr ausginge, meiden sie die Nähe. Ihre kargen Dialoge sprechen die Einzelkämpfer so weit wie möglich voneinander entfernt und lassen sich dabei unheimlich viel Zeit. Zwischen jedem Satz der fällt, ist Platz für zwei, drei ungesagte. Die einzige Person, der sich alle sorglos nähern, ist Elisabeth. Sie ist das Ventil, bei ihr greift man ungeniert zu: Sie wird am Ellbogen gepackt, gerüttelt, geschüttelt und nach Herzenslust angebrüllt.

Man schreit einander hier sehr texttreu an. Inhaltlich orientiert sich der Textanalytiker Kusej an Horváths letzter, sehr straffer Fassung: Die arbeitslose Elisabeth will ihren Leichnam verkaufen, um das Geld für einen Wanderschein zum Verkauf von Unterwäsche zu erhalten. Da das nicht geht, verwickelt sie sich in harmlose Betrügereien, bleibt bei einem „kleinen Paragraphen hängen“ und landet im Gefängnis. Nach ihrer Freilassung verliebt sie sich ausgerechnet in einen Polizisten. Für einen Moment schein alles gut zu werden – bis der pflichtgetreue Geliebte von den Vorstrafen erfährt, um seine Karriere im Staatsdienst bangt und Elisabeth verlässt. Aus Hunger und Verzweiflung stürzt sie sich in den Fluss, wird sogar noch aus dem Wasser gefischt, aber stirbt bald darauf an den Folgen der Strapazen.

Diese kleine böse Geschichte wird ohne viel Regiebrimborium erzählt. Die gewaltigen Bilderfindungen, für die Kusej bekannt ist, hat er sich diesmal weitgehend untersagt. „Glaube Liebe Hoffnung“ hat Kusej bereits 1990, etliche Jahre vor seinem Durchbruch am deutschsprachigen Theater, in Ljubljana inszeniert. Überhaupt gilt Kusej als idealer Horváth-Regisseur. Georg Diez hat in seiner kürzlich erschienenen Kusej-Hommage „Gegenheimat – Das Theater des Martin Kusej“ (Edition Burgtheater) eine Reihe von Verbindungen zwischen Autor und Regisseur hergestellt. Am nächsten sind sie sich wohl bei ihrem nahezu naturwissenschaftlichen und völlig mitleidlosen Interesse am Menschen. Diese Vermutung hat Kusej mit seiner vierten Horváth-Aufführung eindrucksvoll bestätigt: In „Glaube Liebe Hoffnung“ wird die Krise als Normalzustand durchdekliniert.

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