Wilder Wedding, zahmer Wedding : Hinterm Gleimtunnel geht’s weiter

Wedding bedeutet Verwahrlosung, Gewalt, Probleme. Von wegen! Ein Verein bietet Touren durch den Kiez. Eine davon heißt „Rap und Religion“.

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Nächster Halt Moschee. Stadtführer Habib im Gotteshaus der pakistanischen Gemeinde. Foto: Georg Moritz
Nächster Halt Moschee. Stadtführer Habib im Gotteshaus der pakistanischen Gemeinde. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Wedding,kieztour,diesterweg-gymnasium,kapp,gröschel,kaie Als Kerstin Kaie nach Berlin zog, brauchte sie ihrer Familie in Bayern gar kein Foto von ihrem neuen Zuhause zu schicken. Das hatte schon „Der Spiegel“ besorgt. „Abstieg zum Slum“ lautete die Überschrift zu einem Artikel, darunter war die Häuserecke im Soldiner Kiez abgebildet, in die Kaie gerade gezogen war. Die Gegend stehe für „Angst und Müll“, hieß es im Magazin, „Kerstin, wo bist du bloß hingeraten?“, hieß es kurz darauf in etlichen Telefonaten. Heute, 14 Jahre später, wohnt Kaie immer noch da und hat die Beschwichtigungsformeln, die sie damals am Telefon erprobte, zu einer ganzen Tour ausgebaut: „Der Montmartre von Berlin – Unterwegs im Soldiner Kiez“ heißt die Führung, die die studierte Mathematikerin anbietet.

Verwahrlosung, Gewalt, Kriminalität. Problemkiez, rechtsfreier Raum, No-Go-Area. Fast sind diese Begriffe zu Synonymen für den Wedding geworden. Der Verein Nächste Ausfahrt Wedding hält dagegen und bietet Kiezführungen an, die zugleich eine Imagekampagne sind. Kaies Tour ist eine davon, in anderen geht es um Kleingärten oder Gott – kurz: alles, was man im Wedding nicht vermutet. Besucher aus New York oder Tokio interessiert das weniger, sie fahren eher zum Brandenburger Tor, dafür kommen Touristen aus Schöneberg oder Mitte – Berliner also, die ihre Stadt kennen lernen und die angebliche Gefahrenzone erkunden wollen.

Treffpunkt für alle Touren ist der Gleimtunnel, früher die Grenze zwischen Ost und West, heute die zwischen Schön und Schaurig: Auf der einen Seite liegt das Berliner Bullerbü namens Prenzlauer Berg, auf der anderen der Wilde Wedding. Auf diesen Tunnel schauten Tanja Kapp und Lothar Gröschel, als sie im Sommer 2007 abends mit Nachbarn vor ihrem Haus im östlichen Teil der Gleimstraße saßen. Wie geht es dahinter weiter, wollten sie wissen. Und so machten sie die ersten Touren aus eigenem Erkenntnisinteresse, das weitete sich aus, bis immer mehr Menschen auch aus dem Wedding zu ihnen stießen, jeder mit einer Idee für eine Kiezführung.

Die Brüder Habib und Etizaz sind seit ihrer Geburt im Wedding zu Hause. An einem Samstag stehen sie vor dem Gesundbrunnen Center. „Willkommen zu Rap und Religion“, sagen sie und benennen damit die zwei Pole ihres Lebens, wobei Etizaz, 20 Jahre, Trainingsjacke mit silbernen Streifen, eher für den Rap und Habib, 18 Jahre alt, schwarze Trainingsjacke mit goldenen Streifen, für die Religion verantwortlich zeichnet. Seit drei Jahren bieten die Brüder, deren Eltern aus Pakistan stammen, monatliche Kieztouren an, zu den Stationen zählen ein orientalischer Laden und eine Moschee. Warum sie sich die Mühe machen, obwohl sie dafür nur ein Trinkgeld bekommen, fasst Habib in eine einfache, fast mathematisch anmutende Gleichung: „Wenn Menschen über den Wedding schlecht denken, denken sie über uns schlecht, denn wir sind der Wedding.“ Zur heutigen Ehrrettungstour hat sich eine geschlossene Gruppe angemeldet. Die Teilnehmer planen ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland, nun wollen sie fremde Kulturen schon mal zu Hause in Deutschland kennenlernen, das geht im Wedding besonders gut: Fast 90 000 Menschen mit Migrationshintergrund leben hier, viele von ihnen Muslime.

So auch Habib und Etizaz. Von der Badstraße führen sie die Gruppe in einen Gewerbehof hinein. „Pak Mohammad Moschee“ steht auf einer niedrigen Tür, hier ist die pakistanische Gemeinde zu Hause, zu der die Brüder gehören. Als kleine Jungen halfen sie bei der Renovierung des Gotteshauses, das mal ein Gemüselager war, die weißen Kacheln erinnern noch daran. Viel Platz bietet es nicht, gerade gestern passten mal wieder nicht alle, die zum Gebet gekommen waren, hinein. „Aber was sollen wir machen?“, sagt Habib, Moscheenbau in Berlin sei eben so eine Sache. Und einen großen Vorteil habe diese Moschee: Sie weise in die richtige Richtung, gen Mekka.

Auch sonst hat Habib eine heitere Gelassenheit, und die kommt ihm heute zugute. Einige der Tourteilnehmer sind so angriffslustig, als wollten sie das Klischee umdrehen. Sie teilen kräftig aus, zumindest verbal, dabei geht es sowohl um die beschnittenen Rechte der Frau als auch um die beschnittene Vorhaut des Mannes im Islam. Selbst als Habib erzählt, dass seine Eltern Geld an eine Familie in Pakistan spendeten, weil Almosen eine der fünf Säulen seiner Religion seien, kommt die kritische Nachfrage, ob man denn nicht soziale Projekte bedenken könne.

Habib ist solchen Widerstand gewöhnt. Er war einer der Schüler des Weddinger Diesterweg-Gymnasiums, denen vor Jahren das Mittagsgebet in der Schule untersagt wurde. Als sein Freund vor Gericht zog, wurde der Fall bundesweit als Gebetsraum-Streit bekannt. Dass sie keinen bekommen haben, findet Habib verständlich, wichtig ist für ihn nur, dass er keins der täglichen fünf Gebete verpasst. Jeden Tag steht er noch in der Dämmerung auf, um das Fadschr, das Gebet vor Sonnenaufgang, zu verrichten. Sein Bruder Etizaz nimmt das nicht ganz so wichtig, seine große Leidenschaft ist der Rap. Bei der nächsten Station, dem Büro des Kiezprojekts Gangway, erzählt er, wie die dort arbeitenden Sozialarbeiter ihm ein Geschäft vorschlugen: Wenn er keine brutalen Texte mehr schreibe, würden sie ihm Auftritte verschaffen. Kurz darauf stand Etizaz mit politisch korrekten Liedern auf der Bühne des Yaam. Inzwischen gibt es im Wedding sogar ein Tonstudio, das Etizaz und seine Freunde benutzen können. Früher war darin mal eine Bäckerei.

In dem „Spiegel“-Artikel, der Kerstin Kaies Familie den Wedding fürchten lehrte, wurde genau das beklagt: Läden schließen, Leerstand breitet sich. Dass darin auch Potenzial steckt, darum geht es auf Kaies Tour. Sie zeigt ein ehemaliges Möbellager, wo eine Künstlerin heute Fassadenmalereien entwirft, und eine Galerie, in der mal ein Kindergarten war. Ein bisschen erinnert das an die neunziger Jahre im benachbarten Mitte, nur dass die Kunst dort inzwischen vielerorts von Kommerz abgelöst wurde.

Vielleicht schlägt die neueste Tour im Programm des Vereins deshalb warnende Töne an: „Der Wedding für Fortgeschrittene“, heißt sie oder: „Kennen Sie Gentrifizierung?“. Das echte Montmartre kann sich schließlich kaum noch ein Künstler leisten.

„Rap und Religion“-Führung: Sa 25.8., 15.30 Uhr, Treff: Gesundbrunnen Center in Kooperation mit „Route 65“, weitere Touren unter www.ausfahrtwedding.de

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