Kultur : Wildwuchs und Zerbröselungen Herbert Blomstedt

mit den Philharmonikern.

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Mit 86 Jahren noch so schlank und hochgewachsen sein wie der schwedisch-amerikanische Dirigent Herbert Blomstedt, so gespannt und zugleich leger, so voller Leben und Einverständnis mit der Welt – das wäre etwas. Die Welt, das sind in Blomstedts Fall die Berliner Philharmoniker, die an diesem Freitag in reduzierter Besetzung für Ludwig van Beethovens Vierte Symphonie auftreten, in gewöhnlicher Größe für die Fünfte Symphonie des 1865 geborenen Dänen Carl Nielsen.

Blomstedt ist alt genug geworden, um ein solches Orchester nicht mehr an der Kandare herumzureißen – wenn er so etwas überhaupt je gemacht hat. Er lässt die jungen Leute spielen, und die reagieren stark darauf, ausbüchsend zuweilen, mitunter sogar etwas wildwüchsig. Das Repertoire des Abends passt zu diesem Ansatz, immerhin geht es um eine Symphonie des Mittdreißigers Beethoven, die schon zu dessen Lebzeiten das Publikum wegen ihrer Zuversicht begeisterte, die aus den hellen Terzen im Anfangssatz strömt, gewiss auch wegen des Britzels im Final-Allegro, in dem die Reminiszenzen an den Anfangssatz wirken wie Maulwurfshügel: Da unten ist etwas, man hört es genau, aber es kommt nicht vollends an die Oberfläche.

Nach der Pause wird Nielsens Symphonie gespielt mit ihrer eigentümlichen sandigen Farbe, aus modalem Timbre und Moll-Anmutung gemischt. Die Erstaufführung feierte diese Fünfte 1922 in Kopenhagen unter dem Komponisten selbst. Noch im selben Jahre dirigierte er sie auch bei den Berliner Philharmonikern – und nun gibt sie Herbert Blomstedt Gelegenheit, im ausverkauften Haus noch einmal zu demonstrieren, wie das geht mit der Energieeffizienz. Blomstedt bündelt die vielen Kleinstwiederholungen in den Streichern zu einer sich vorwärtswälzenden Masse, in die das Blech mit schweren Schritten hineinbricht. Er ermuntert die Holz-Solisten und das Schlagzeug zu den seltsamen Zerbröselungen, die Nielsen der Symphonie eingeschrieben hat. Er zieht zum Ende hin alle Farben und Frequenzen machtvoll zusammen. Und dann springt er vom Podium, auch im Alter noch ein Knappe auf dem Weg zum nächsten Turnier. Christiane Tewinkel

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