Wilhelm Busch : "Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!“

Die Erfindung des Tempos oder Wie modern ist Wilhelm Busch? Eine Nachlese zum 100. Todestag des Zeichners und Dichters.

Kerstin Decker
Wilhelm Busch
Wilhelm Busch: Urvater des deutschen Witzes. -Foto: Ullstein

Die Schikanen bleiben immer gleich. „Man wird rein zum Sklaven gemacht in diesen Wagen“ – denen der Eisenbahn –, als „Raucher wird man als Schweinigel angesehen, der keine Rücksicht verdient“, bemerkte im Frühjahr 1853 missvergnügt ein junger, mehrfacher Studienabbrecher, dem die Nachwelt eine der tiefsten Einsichten über das Verhältnis des Tabaks zur Gesundheit verdankt: „Drei Wochen war der Frosch so krank!/ Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!“

Kann sein, der allzu moderne Mensch versteht den Urvater des Comics und des deutschen Witzes schon bald nicht mehr. Am 9. Januar vor 100 Jahren ist Wilhelm Busch gestorben. Noch kennt fast jeder seine berühmteste Bildergeschichte „Max und Moritz“. Busch ist der weltbekannte Repräsentant des deutschen Witzes – eines an sich inexistenten Sachverhalts, nach Meinung derselben Welt. Jedenfalls galt das bis vor kurzem. Kann sein, wir haben lachen gelernt. Aber lachen wir noch über Wilhelm Busch?

Ist da nicht eine gewisse Aura der Biederkeit bei all seiner Verachtung von Biedermann und Biederfrau? Vielleicht trennt uns nichts so sehr vom deutschen 19. Jahrhundert wie sein Lachen. Oder man macht den Selbstversuch. Vielleicht kommt es darauf an, diese Geschichten wieder neu zu lesen. Neu zu sehen.

Manche machen dabei eine merkwürdige Erfahrung, sogar Busch-Biografinnen. So ganz wohl, das spürt man, ist der Autorin Gudrun Schury bei dem Mann nicht. Ist dieser Zeichner – um bei „Max und Moritz“ zu bleiben – nicht kinderfeindlich, lehrerfeindlich, schneiderfeindlich, witwenfeindlich, judenfeindlich? Ein sozial weitgehend isolierter Problemmensch mit ausgemachtem Kommunikations-, Alkohol-, Frauen- und Nikotinproblem sowie sadistischen Neigungen?

Frühjahr 1853. Als der junge Wilhelm Busch mitsamt seiner wichtigsten und einzigen Lebensgefährtin, der Meerschaumpfeife, vom Studienort Antwerpen nach Hause fuhr, deutete noch nichts auf den späteren Max-und-Moritz-Autor hin. Eigentlich deutete dieser 21-Jährige auf gar nichts hin. Maler hatte er werden wollen. Das Problem war nur, dass man auf den Malakademien das Malen verlernt. Darum war er aus Düsseldorf weggegangen und soeben auch aus Antwerpen, um fortan bei seinen Eltern in dem weltabgeschnittenen Dorf Wiedensahl im Schaumburger Land in der Dachstube zu sitzen. Er rauchte, zeichnete, trieb Wappenkunde und sammelte sadistische Märchen, die er bei den Bauern der Umgebung hörte. Seine Hauptbeschäftigung aber bestand höchstwahrscheinlich darin, an sich und der Welt zu zweifeln.

Mutter Busch hatte zehn Kinder geboren, gewissermaßen in den Erholungspausen zwischen der Feld-, Garten-, Haus- und Kramladenarbeit. Wenn eine wie sie erst einmal angefangen hätte, Schopenhauer zu lesen wie ihr Sohn! Das ist das Problem aller bildungsnahen Kinder bildungsferner Eltern. Als der junge Nichtstuer überlegte, ob er nicht in München Malerei studieren sollte, flog er raus. Zum letzten Mal gab der Vater seinem Erstgeborenen etwas Geld, berichtet die Schwester. Er brauche nicht wiederzukommen.

Vater Busch irrte. München war genau die richtige Entscheidung.

Zuerst trat der Sohn dem Künstlerverein „Jung-München“ bei, dann auch den „Nachtlichtern“ sowie dem Verein „Kassandra“. Der Name des letzteren besagte, die Beilage zum Bier, den „Kas“ (Käse), besorgt immer „a andra“ (ein anderer). Alle drei Mitgliedschaften beinhalteten viel Bier und Rauch, in Gesellschaft von Malern. Auf der Akademie sah man Busch seltener, was einerseits an den ersten drei Mitgliedschaften lag, aber auch an der zeitgenössischen Malerei. Thomas Theodor Heine wird ihre Eigentümlichkeit später so zusammenfassen: „Mit ungeheurem Aufwand malerischer Virtuosität wurden feierlich kostümierte geschichtliche Unglücksfälle dargestellt und sogleich den staatlichen Sammlungen einverleibt, wo sie jetzt meist im Keller aufbewahrt werden.“ Wer sagt, dass Rauchen und Trinken einen im Leben nicht weiterbringt?

Einer trank und rauchte bei „Jung-München“ mit, Caspar Braun. Der war zwar auch ein Studienabbrecher, besaß aber einen Verlag, der ursprünglich „Christkatholische Bilderbogen“ sowie „Kreuzwegandachten“ herausgab. Etwas monothematisch – bis Caspar Braun die „Münchner Bilderbogen“ und die „Fliegenden Blätter“ edierte. Busch-Biografin Eva Weissweiler: „Diese Blätter wurden prägend für die Comics auf der ganzen Welt. Man hat den Verlag Braun und Schneider zu Recht als ,Wiege des Comics’ bezeichnet. Busch zögerte keinen Moment.“ Allerdings war er zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre in München.

Seine Bildergeschichten fielen auf. Er kam mit weniger Strichen aus als andere, mit weniger Figuren, nahm überhaupt von allem weniger. Nur von einem nahm er mehr. Das war etwas, das es bis dahin auf dem Papier gar nicht gab: Tempo! Am besten sieht man das beim „Virtuos“, dieser Studie eines Möchtegern-Liszts sowie seines einzigen Zuhörers. Hochbeschleunigungszeichnen. Busch erfindet das Kino mit dem Bleistift. Schnitts, Schwenks und nichts kann bleiben, wo es ist, nicht mal die Augen des Zuhörers in ihren Höhlen. Wo sah man je solche furios-stationären Ortswechsel? Schluss mit den gezeichneten Pointen, ab jetzt entstehen sie. Buschs Sprache hält Schritt mit seinem Zeichenstift – das ist die Co-Revolution.

max und moritz
Alte Spitzbuben: Briefmarke zu 125 Jahren Max und Moritz.Foto: imago



Geschwindigkeit, Weglassen des Allermeisten und ein großer Temperatursturz – von Mensch zu Mensch sowie von Mensch zu Gott – das sind die Ingredienzen der Modernität, Buschs Modernität.

Die Pointen also. Max und Moritz enden in der Mühle: „Hier kann man sie noch erblicken, fein geschroten und in Stücken“. Der „Eispeter“ schafft nach seinem frostigen Schlittschuhlauf den Rückweg der Aggregatzustände nicht. Er zerfließt einfach am Ofen, weshalb er von seinen Eltern in ein Einweckglas gefüllt und zu den anderen Konserven ins Regal gestellt wird. Die fromme Helene schließlich wird Opfer ihrer eigenen Petroleumlampe: „Hier sieht man ihre Trümmer rauchen./ Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.“ Ein Humanist? Aber ja.

Jeder wirkliche Witz ist menschenfeindlich. An seiner Oberfläche. Jedes wirkliche Künstlertum ist amoralisch. An seiner Oberfläche. Kind einer neuen Zeit zu sein, hieß auch, um die sehr begrenzte Erziehbarkeit des Menschen zu wissen. Darum, nicht aus sadistischer Lust, sind die – vergebens – prügelnden Lehrer in seinem Werk allgegenwärtig.

Busch besaß zwei Kronzeugen seiner Weltsicht, es waren die beiden wichtigsten Autoren seines Lebens: Charles Darwin und Arthur Schopenhauer. So ist er, alle seine Werke sind Zeuge, ein konsequenter Naturgeschichtler geworden. Und muss man noch sagen, dass das Schopenhauersche „Mitleid“ – kein mildtätig-nächstenliebendes christliches, vielmehr ein beinahe verschämt philosophisches, eine Ursolidarität des Lebendigen – hinter allen seinen Bildgeschichten steht, die doch das Gegenteil zu erzählen scheinen? Ein Mitleid, das witzig wird, weil es sonst verzweifeln müsste. Humor ist Härte gegen andere, aber zuerst gegen sich selbst. Er ist das Taktgefühl des Menschen mit mehr als nur ein, zwei Seelen in seiner Brust. Buschs Erfolg war ein Missverständnis.Dass die Kleinbürger des Lebens ihn liebten, war das größte Missverständnis. Aber welche Wirkung eines Werks, welche Liebe ist keins?

Drei Biografien sind erschienen. Gert Ueding hatte schon Ende der Siebziger der Busch-Gemeinde ihren Haushumoristen weggenommen und großen Aufruhr provoziert. Sein Buch, intellektuell am anspruchsvollsten, an keiner Stelle in Gelehrsamkeitsslang abgleitend, ist jetzt erweitert und überarbeitet erschienen.

Gudrun Schury ist die vielleicht anregendste Erzählerin von Buschs Leben, auch wenn ihre Urteile dem moralisierenden, also eher Busch-fernen Durchschnittsbewusstsein der Gegenwart entsprechen. Das Gegenteil geschieht bei Eva Weissweiler: atemberaubend, wie bei ihr zeitgeschichtliche Hintergründe in Werkdeutung aufgehen. Etwa „Max und Moritz“ und die Verelendung von Buschs Heimatdorf: Schon damals reagierte man auf soziale Desintegration mit Verschärfung des Jugendstrafrechts. Diebe über zwölf wurden gehenkt. Nicht mehr nur Banden elternloser jüdischer Kinder fielen in die Dörfer ein, sondern auch christliche. „Max und Moritz“, eine Hommage an die Stärke der Schwächsten.Natürlich siegen sie nie, die guten Kräfte der Anarchie. Also Schrotung. Für alle, denen der krude Antisemitismus Buschs außer Frage steht, ist Weissweiler Pflichtlektüre. Am besten, man liest alle drei Biografien.

Im April 1859, mehr als fünf Jahre nach dem Abschied von zu Hause, erschien in München Buschs erste größere Bildergeschichte. „Der kleine Maler mit der großen Mappe“, eine Variation auf Buschs Grundthema, dass das Leben stärker ist als der Mensch. Wusste er, dass auch für den kleinen Maler Busch die Weichen gestellt waren? Der unerkannte Maler, der erfolgreiche Zeichner: So würde es bleiben. In all seiner Bekanntheit wird sich der Mann mit der zarten Schopenhauer-Seele verkannt fühlen. Aber eine gescheiterte Existenz war er nicht mehr. Noch im gleichen Jahr traute Busch sich erstmals wieder nach Hause.

Mit 40 Jahren kehrte er in den kleinen Ort seiner Kindheit zurück. Fremd im eigenen Dorf. Die Bewohner gingen ihm aus dem Weg. Sie hatten Angst, von ihm porträtiert zu werden. Geheiratet hat er nie, was ihm – auch wegen der „Frommen Helene“ – den Ruf eines Frauenfeinds einbrachte. Aber „Helene“, vom Dasein unterprivilegiert, war ein Teil seiner selbst. Und kann man seine Resignation diskreter formulieren? „Verheiratet ist er auch nicht. Er denkt gelegentlich eine Steuer zu beantragen auf alle Ehemänner, die nicht nachweisen können, dass sie sich lediglich im Hinblick auf das Wohl des Vaterlands vermählt haben. Wer eine hübsche und gescheite Frau hat, die ihre Dienstboten gut behandelt, zahlt das Doppelte. Den Ertrag kriegen die alten Junggesellen, damit sie doch auch eine Freude haben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben