Wilhelm von Boddien : Das Spenderherz

Der Traum vom Berliner Schloss: Wilhelm von Boddien hat ihn zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Zunächst ein eher einsames Hobby.

Verena Mayer
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Förderer der ersten Stunde. Auch bei der heutigen Bekanntgabe der Jury-Entscheidung über das Schloss ist Wilhelm von Boddien...

Wilhelm von Boddien kritzelt einen Halbkreis auf ein Blatt Papier, eine Art Diagramm zur Mandateverteilung im Bundestag, nur dass links "Ja" steht und rechts "Nein". Dazwischen ein koalitionsgroßes Feld mit "Vielleicht". Boddien senkt die Stimme. "Es gibt Leute, die für das Schloss sind, Leute, die gegen das Schloss sind, und Leute, die vom Schloss nichts wissen, die schweigende Mehrheit." Schnell zeichnet er einen Pfeil vom "Vielleicht" zum "Ja". "Und die will ich überzeugen, dass auch sie das Schloss wollen."

Seit Jahrzehnten tut Wilhelm von Boddien nichts anderes, als Leute zu überzeugen, dass sie ein Schloss wollen. Genauer gesagt, das Berliner Stadtschloss, das 1950 gesprengt wurde und bis 2015 wieder aufgebaut werden soll. Wie, das wird an diesem Freitag um 14 Uhr bekannt, wenn im Kronprinzenpalais die Architekten und Sachverständigen der Schloss Jury den Sieger des Architekturwettbewerbs verkünden. Auch Wilhelm von Boddien aus Hamburg wird dabei sein. Boddien, den sie in Berlin das Schlossgespenst nennen, vielleicht, weil er immer wie aus dem Nichts auftaucht, sobald es um das Stadtschloss geht. Boddien ist Geschäftsführer des "Fördervereins Berliner Stadtschloss", der seit Jahren Spenden für die Schlossfassade sammelt. 80 von den 552 Millionen, die das Schloss kosten soll, will der Verein zur Verfügung stellen.

Boddien, 66 Jahre, sitzt in einem Café Unter den Linden, einen Teller Rindsuppe vor sich. Er kommt gerade von der Verleihung der "Goldenen Erbse", eines Märchenpreises, daher der festliche dunkle Anzug. Im Revers blitzt ein goldener Anstecker, er hat die Form des Stadtschlosses. Alles an Wilhelm Dietrich Gotthard Hans Oskar von Boddien ist alter Adel. Der Siegelring, seine Art, einen Handkuss anzudeuten, der Stammbaum mit all den preußischen Adeligen und Königlichen Rittmeistern. Boddien wuchs in Hamburg auf, den Vater hat er kaum gekannt, er wurde von einem englischen Militärfahrzeug überrollt. Boddien spricht mit Hamburger Akzent, und wenn er erzählt, kommt der Kaufmann durch, der er eigentlich ist. Dann sagt er Dinge wie "Marketing-Kommunikation" oder "Unique Selling Proposition". Dass der Köder dem Fisch schmecken muss, nicht dem Angler. Oder er schnappt sich den Block der Journalistin und zeichnet etwas auf. Ein Diagramm, ja, nein, vielleicht.

Für das Schloss interessierte sich damals kein Mensch

Verkaufserfahrung hat Wilhelm von Boddien. Er hat eine Lehre zum Landmaschinenkaufmann gemacht und Traktoren, Mähdrescher und Melkmaschinen verkauft. 20 bis 30 Stück im Jahr, er ist zu den Bauern aufs Feld gegangen und hat ihnen die Mähdrescher vorgeführt. Ein schwieriger Markt mit viel Verdrängungswettbewerb, sagt er. 2004 hat seine Firma pleite gemacht, die Mähdrescher wurden zwangsversteigert.

Eine Zeit lang hat er dann mit Begeisterung Berlin verkauft, der Hamburger war 1994 erster Geschäftsführer der Marketingfirma "Partner für Berlin". Doch der damalige Slogan von der "Venture Capital", der Hauptstadt des Risikos, kam nicht wirklich an, und seine "Christo-Packages", Kurzurlaube zum verhüllten Reichstag, wollte auch kaum einer. "Ein Sargnagel in meiner Karriere", gibt Boddien zu und löffelt schnell die Suppe aus. Nach zwei Jahren wurde er abgelöst.

Aber da wusste er schon, was er wirklich an den Mann bringen wollte: den Traum vom neuen alten Schloss. Boddien spricht jetzt von Schlüters Barockfassaden. Er tut das in demselben schwärmerischen Plauderton, mit dem er vorher vom Schneidwerk der Mähdrescher oder von der Hauptstadt des Risikos sprach. Boddien war 19, als er zum ersten Mal auf dem Schlossplatz, damals Marx-Engels-Platz, stand. Anfang der sechziger Jahre war das, die "Trostlosigkeit des desaströs einsamen Aufmarschplatzes" habe ihn gleichzeitig abgestoßen und fasziniert. Vor allem faszinierte ihn, was vor 1950 dort gewesen war. Boddien sammelte, was er über das Schloss finden konnte, er wühlte sich durch Akten und Fotos, organisierte Druckkostenzuschüsse für Publikationen über das Schloss.

Ein einsames Hobby. Für das Schloss interessierte sich damals kein Mensch, weder im Osten noch im Westen. Doch dann kam die Wende, und das Schloss der Preußen tauchte plötzlich wieder auf. Als Symbol für das, was die Mitte Berlins ausgemacht hatte. Der Publizist Wolf Jobst Siedler schrieb: "Das Schloss lag nicht in Berlin - Berlin war das Schloss." Andere Intellektuelle folgten ihm. Und dem Hamburger Landmaschinenverkäufer wurde klar: Da ist etwas möglich.

"Eine Verrücktheit, wie sie nur in Berlin möglich ist"

Einsam liegt der Schlossplatz in der Winterkälte. Eine typische Berliner Brache, Zugluft, Bagger, ein paar Trümmer, wo einmal das Humboldt-Forum stehen soll, mit der rekonstruierten Schlossfassade drum herum. So hat es eine Experten Kommission im Jahr 2000 vorgeschlagen und der Bundestag zwei Jahre später beschlossen. Einmal war das Schloss schon wiedererstanden, zwischen 1993 und 1994, als Attrappe. Wilhelm von Boddien hatte Sponsoren und Politiker gewonnen und eine Fassade aus Textilbahnen aufziehen lassen, auf die maßstabsgetreu das Schloss aufgemalt war. Als er das erste Mal davorstand, sei er selbst erstaunt gewesen, "wie riesig das eigentlich ist".

Das "Plastikschloss", wie es genannt wurde, war ein Coup. Die Berliner kamen in Scharen, selbst die Gattin des Bundespräsidenten habe ihm gratuliert und gesagt, er sei ein Filou, weil man sich nun an "die Kiste" gewöhne und sie nicht mehr weghaben möchte. Boddien, der inzwischen hauptberuflich für das Schloss lebt, blickt schelmisch auf sein Diagramm.

Gegen einen begnadeten Verkäufer wie Boddien wirkt einer wie Philipp Oswalt machtlos. Oswalt, 44 Jahre, ein ruhiger Architekt im dunklen Strickpulli, ist einer der aktivsten Kritiker Boddiens. Oswalt gehörte zu den Leuten, die den Palast der Republik vor seinem Abriss zu einem Veranstaltungsort gemacht haben, für Ausstellungen, Partys und Diskussionen. Oswalt schwärmt noch heute, wie "intensiv und offen" diese Zeit war, "eine Verrücktheit, wie sie nur in Berlin möglich ist". Wie die Schlossattrappe traf auch die Palastruine einen Berliner Nerv. Sie war das Symbol für eine Stadt, in der Künstler und kreative junge Leute Orte erobern. Obwohl oder gerade weil sie um die Vergänglichkeit dieser Orte wissen.

Für Oswalt ist die Neugestaltung des Platzes ein nationales Kulturprojekt. Er will nicht, dass es von Leuten wie Boddien repräsentiert wird. Auch zweifelt Oswalt Boddiens Seriosität an. Er sagt, der Förderverein habe bislang nur gut neun Millionen Spenden eingenommen und dieses Geld größtenteils schon wieder ausgegeben. 80 Millionen hat Boddien versprochen, und der Bund hat das Geld bereits in seine Finanzplanung einbezogen.

Etwas Großem auf der Spur

Boddien hält dagegen, er habe 17 Millionen zusammen, "zehn Millionen in Cash, sieben sind zugesagt". Geld habe er für die laufenden Fix- und Personalkosten ausgegeben und um Baupläne erstellen zu lassen; 300.000 Euro Personalkosten verzeichnet der auf der Internetseite des Vereins nachzulesende Jahresplan 2008. Wie viel Geld zur Zeit genau vorhanden ist, da bleibt Boddien vage und geht schnell zum nächsten Punkt über. Er habe viel erreicht in den Jahren. "Erst waren nicht mehr als zehn Leute für das Schloss, und dann eines Tages hatten wir eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag." Stehe erst einmal fest, was auf dem Schlossplatz gebaut werde, würden auch die Spenden fließen. Auch das zuständige Bauministerium gibt sich zuversichtlich, wie eine Sprecherin sagt. Oswalt glaubt, dass die Politik den Förderverein als eine Art Feigenblatt brauche. Für den Bürgerwillen, dass in Berlin ein altes Schloss wiederaufgebaut werden soll. Vielleicht verkörpert Wilhelm von Boddien, der Adelige mit den Landmaschinen, aber auch nur etwas sehr Berlinisches. Eine Weltläufigkeit, der etwas ziemlich Bodenständiges anhaftet.

Auch für die Rentnerin Hella Wanckel ist Boddien eine Art Identifikationsfigur. Hella Wanckel nennt Wilhelm von Boddien "Willi", wie einen exzentrischen Verwandten. Die Witwe eines Hautarztes verfolgt jeden seiner Schritte. Erst war sie fasziniert, inzwischen glaubt sie, dass etwas nicht stimmt. Hella Wanckel sitzt am Kaffeetisch ihrer Wohnung im Grunewald, an den Wänden hängen alte Bilder und Stiche, auf vielen ist das Stadtschloss zu sehen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als das Schloss, der Palast der Republik hieß in ihrer Familie nur "Roter Platz".

Ihre Mutter hat 200 Euro für den Förderverein gespendet. Hella Wanckel wollte wissen, was das für ein Verein sei, auf dem Amtsgericht ließ sie sich die Vereinsprotokolle geben. Sie fand Dinge, die sie stutzig machten, einmal stimmte ein Name nicht überein, auf einer Seite fehlten die Unterschriften, in die Vereinssatzung war nachträglich etwas eingeklebt worden. Hella Wanckel glaubte, etwas Großem auf der Spur zu sein, einem Spendenskandal. Ein Anwalt hat gegen Boddien und die Führung des Fördervereins Anzeige wegen Untreue erstattet.

Offenbar sehnt sich die Stadt nach dem Glanz alter Bedeutsamkeit

Doch die Berliner Staatsanwaltschaft konnte nichts Unrechtes erkennen. Die Ermittlungen wurden Ende vergangener Woche mangels Anfangsverdacht eingestellt. Hella Wanckel will trotzdem weiterforschen, auf den Perserteppich hat sie kistenweise Papiere, Kopien und Zeitungsartikel ausgekippt, jede Seite voller Anmerkungen. Der Schloss-Verein ist auch ihre Lebensaufgabe geworden. Wie der Architekt Oswalt findet sie, dass sich eine exponierte Figur wie Boddien auch mal unangenehme Fragen gefallen lassen muss.

Wilhelm von Boddien nennt sich in Sachen Schloss gerne "Spinne im Netz". Er habe sich ein Netzwerk aufgebaut und sei so durch "Türen gegangen, durch die ich sonst nie gekommen wäre". Unermüdlich rührte er die Werbetrommel, irgendwann wollten plötzlich alle das Schloss, von den Berliner Verkehrsbetrieben bis zum Bundestag. Selbst Gerhard Schröder gefiel es. "Ich bin für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, weil es einfach schön ist", sagte er kurz nach seinem Amtsantritt 1998. Boddien erinnert sich noch gut an die Begegnung mit dem Kanzler. Irgendwie passt das, der Landmaschinen-Mann und der Basta-Kanzler.

Wilhelm von Boddien verabschiedet sich mit Handkuss und geht hinaus in die Berliner Nacht. Der Traum vom Schloss ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Tags darauf erzählt er am Telefon von seiner ersten Pressekonferenz, im Roten Rathaus unter Diepgen, er stellte die Schloss attrappe vor. Journalisten, Kameras, Mikrofone - er kam sich vor "wie Graf Koks von der Gasanstalt". Da habe er gewusst, er müsse weitermachen, "um nicht als Spinner aus Hamburg dazustehen".

Und so macht Wilhelm von Boddien weiter, ein Mann, der Berlin gibt, wonach die Stadt sich offenbar sehnt: nach dem Glanz alter Bedeutsamkeit. Dass dieser Glanz erst Attrappe war und jetzt auf einer Fassade wiedererstehen soll, ist eine hübsche Ironie der Geschichte.

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