Kultur : Willi Sitte im Interview: "Ich bin nie ein Opportunist gewesen"

N. K.

"Zehn Jahre lang ist es um mich still gewesen", sagt Willi Sitte. Nur wegen der spektakulären Absage seiner für diesen Sommer geplanten Ausstellung im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum interessiere man sich wieder für ihn. Der heute vor 80 Jahren im tschechischen Kratzau geborene Maler ist eine Reizfigur im deutschen Kunstbetrieb. Seit 1970 im Präsidium des Verbandes Bildender Künstler der DDR, gehörte er in den letzten drei Jahren vor dem Fall der Mauer dem ZK der SED an. Mit ihm sollte in Nürnberg unter dem Titel "Werke und Dokumente" eine Ausstellungsreihe zur Aufarbeitung der DDR-Kunst beginnen, die jedoch kurzfristig vom Aufsichtsrat des Museum verschoben wurde und eine erneute Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit ausgelöst hat. Willi Sitte reagierte darauf mit einer endgültigen Absage der Ausstellung. Im Gegenzug präsentiert nun seine Heimatstadt Halle Werke von ihm, die in größerem Umfang in Berlin zuletzt 1994 von der Ladengalerie gezeigt wurden, wo sie bis zu 25 000 Mark kosteten. Der bekennende Kommunist gehörte in der DDR zu den prominentesten Vertretern des Sozialistischen Realismus, der stets kämpferisch gegen den "Formalismus" der Moderne gerichtet war und ein klassenkämpferisches Menschenbild suchte. Sittes Malerei ist nach eigenem Verständnis geprägt von Picasso, Beckmann, Hofer, Guttuso und findet besonderen Anklang heute bei Sammlern im Südwesten der Bundesrepublik.

Herr Sitte, von wem würden Sie sich zu Ihrem heutigen 80. Geburtstag Gratulationen wünschen - und von wem verbitten?

Die werden sich sowieso nicht rühren, von denen ich mir nicht gratulieren lassen wollte. Bei denen brauche ich mich dann auch nicht zu bedanken. Wenn man für eine Sache eintritt, dann ist man automatisch auch gegen etwas. Man hat im Leben nicht nur Freunde, sondern auch Gegner. Von Feinden würde ich dabei nie sprechen. Feinde waren für mich die Faschisten. Aber es gab eben Menschen, die anderer Meinung waren, für die ich heute Feind Nummer eins bin. Ich staune oft, wie ich von anderen gesehen werde.

Wundert es Sie wirklich, dass Sie noch immer polarisieren?

Ich habe mich immer zu dem bekannt, wofür ich seit meiner Jugend angetreten bin. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Wende 1989 hat bei mir persönlich keinerlei eigene Wende ausgelöst - weder in meiner Haltung zum Leben noch zur Politik, Kultur, Liebe ...

Also auch nicht in der Kunst: Sie bleiben beim Sozialistischen Realismus.

Das ist doch klar: Wenn man sich zum Sozialismus bekennt, dann natürlich auch zum Realismus. Das ist eine Symbiose, hat aber nichts mit dem in der Stalin-Ära geprägten Begriff vom "Sozialistischen Realismus" zu tun. Auf einem ganz anderen Blatt steht auch, was für eine Schindluderei dann herausgekommen ist und was von den Gegnern darin gesehen wurde.

Denken Sie nicht, dass diese Reaktion auch mit Ihrer Tätigkeit als Spitzenfunktionär der DDR zu tun hat?

Funktionär - wenn ich das schon höre! Ich habe mich kulturpolitisch eingemischt. Das lässt sich von der Kunst nicht auseinanderdividieren. Natürlich habe ich mit vielen Widersprüchen in der DDR gelebt, aber das war meine politische Heimat, die ich nie verlassen wollte, trotz interessanter Angebote von außen. Ich bin in diese Aufgaben hineingewachsen und habe mich erst bereit erklärt, als Präsident in den Verband Bildender Künstler einzusteigen, als es nicht mehr weiterging - unter der Bedingung, dass es demokratisch zugeht.

Trotzdem gab es strikte politische Richtlinien. Wie haben Sie sich damit als Künstler arrangiert?

Vieles habe ich mir auch anders vorgestellt. Wir hatten Ideale, von denen wir dann das Gegenteil erlebten. Auch ich hatte unter dem Stalinismus mein Paket zu tragen. Und mit Honecker bin ich bis auf Ausstellungsführungen nie zusammengekommen.

Also keine faulen Kompromisse?

Es ist ja nicht so, dass ich allein die Verantwortung trug. Es gab ein Präsidium, einen Zentralvorstand und die Bezirksvorstände - ein ziemlich komplizierter Apparat. Selbstverständlich gab es auch Auseinandersetzungen, und man musste Kompromisse schließen, die aber nie gegen die Würde verstießen.

Wie sind heute Ihre Kontakte zu Künstlern, mit denen Sie damals als Verbandspräsident zu tun hatten?

Ich bemühe mich nicht darum; es gibt auch keine Basis mehr dafür. In den Kreisen, in denen ich heute verkehre, gibt es kaum noch Künstler. Ich hatte schon ein, zwei Tage vor der Wende mein Atelier an der Kunsthochschule in Halle zur Verfügung gestellt, weil ich ahnte, was kommen würde. Und schlagartig kannten mich dann auch diejenigen nicht mehr, die vorher noch dieses und jenes von mir als Direktor der Sektion Bildende und Angewandte Kunst gewollt hatten.

Ist das der Grund, warum Sie seit der Wende nicht mehr in Ost-Deutschland ausgestellt haben?

Nein, das hat andere Gründe: Die hiesige Presse steht mir nicht mehr objektiv gegenüber. In den alten Bundesländern habe ich damit keine Probleme. Dort interessiert eher, was ich heute mache, und nicht, was einmal war. Viele hinterfragen das auch nicht, sondern gehen davon aus, was sie sehen. Das ist anders in den Museen der neuen Bundesländer, auch wenn dort meist die Wessis das Sagen haben und die Ossis, die immer noch im Amt sind, unentwegt beweisen müssen, dass sie noch besser sind.

Plötzlich ändern sich die Verhältnisse: Nürnberg hat Ihre Ausstellung abgesagt, stattdessen bietet sich Ihre Heimatstadt Halle an. Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, dem Sie Ihren Nachlass überantwortet hatten?

Eigentlich ist es fantastisch; mit den Wissenschaftlern stehe ich immer noch auf Du und Du. Nur mit dem Herrn Generaldirektor funktioniert es nicht, der nun behauptet, die Ausstellung sei nie aus Anlass meines 80. Geburtstages geplant gewesen. Na, meine Frau hat jetzt einen alten Brief gefunden, der genau das Gegenteil beweist. Ansonsten aber hatten wir seit 1993 ein freundschaftliches Verhältnis durch unsere Zusammenarbeit entwickelt. Im Grunde bin ich auch nicht allein von der Entscheidung des Aufsichtsrats betroffen, sondern das ganze Museum leidet darunter. Schließlich wurde damit deren Arbeit diskriminiert. Nun werden wir eine andere Basis finden müssen, einen neuen Vertrag aushandeln. Dabei ist es mir nicht leicht gefallen, auf die Ausstellung zu verzichten, denn wir hätten endlich alle großen Bilder, die in den verschiedenen Museen und Depots schmoren, zeigen können. Viele habe ich seit zig Jahren nicht mehr gesehen und werde sie nun vielleicht auch nie mehr wieder gemeinsam zu Gesicht bekommen. Aber unter den jetzigen Bedingungen wollte ich das nicht. Ich lasse mich doch nicht auf die Schlachtbank legen, schon gar nicht von solchen Leuten!

Grund für die Absage war allerdings, dass neben Ihrem zur Verfügung gestellten Privatarchiv neues Material aufgetaucht sei, private Briefe, die Ihre Tätigkeit in ein gänzlich neues Licht tauchen.

Auch in meinen Unterlagen ist alles vorhanden. Man hätte darin sofort zu diesen neuen Vorwürfen den entsprechenden Briefwechsel gefunden. Außerdem kann von einem Privatarchiv nicht die Rede sein. Schließlich hatte ich eine Sekretärin, die für die Hochschule und den Verband zuständig war. Diese Unterlagen sind identisch mit den vermeintlich neu entdeckten Akten aus Berlin; dort sind nur Abschriften.

Wie beurteilen Sie generell die Aufarbeitung der DRR-Vergangenheit?

Die ist beschissen, unsachlich und immer noch aus der Siegerposition heraus, obwohl die Wessis gar nicht die Sieger waren; das haben die Leute hier geschafft. Es wäre sowieso nicht mehr weiter gegangen. Dieser allgemeine Zusammenbruch war schon programmiert. Und es war dann auch gut, dass er gekommen ist.

Und der Umgang mit der Stasi-Vergangenheit?

Darauf würde ich Ihnen genau die gleiche Antwort geben. Ich habe dahinten ein schönes Bild hängen, das nennt sich "Der Wahrheitssucher". Das ist meine künstlerische Reaktion auf die Gauck-Behörde, denn was ist auf diesem Gebiet nicht alles an menschlichem Leid ausgelöst worden. Zugegeben: In dem einen oder anderen Fall ist es ja vorher anders herum gewesen. Das ist die Rache der Gerächten - mit ä! Am Ende sind die aber auch nicht besser als zuvor die Stasi-Spitzel. Im Übrigen hat mich dieses Spitzelsystem selbst überrascht; im Nachhinein musste ich feststellen, dass auch ich als Verbandspräsident observiert wurde.

Warum stehen Sie dann immer noch dazu, im Gegensatz zu Bernhard Heisig etwa, der sich von seiner DDR-Vergangenheit distanziert hat und nach der Wende den Nationalpreis zurückgab?

Das hat mit meiner Biografie zu tun: Mein Vater und Großvater waren beide Mitbegründer der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei, also in Nordböhmen. Unsere Familie ist immer politisch orientiert gewesen; das hat sich auch im Dritten Reich nicht geändert. Ich bin eben kein Opportunist gewesen. Ich habe ehrlichen Herzens und mit wachem politischen Bewusstsein mein Leben in der DDR gelebt. Das muss zum Beispiel auch Bernhard Heisig getan haben, denn sonst wären wir nicht jahrzehntelang eng befreundet gewesen.

Wo sehen Sie heute Ihre gesellschaftliche und politische Position als Künstler? Wären Sie noch immer gerne ein Mitgestalter?

Was heißt Mitgestalter? Ich habe ja keine Möglichkeiten mehr, kann nur Ausstellungen machen. Dafür male ich schon länger an einer Serie zum Thema, wie sich die Menschen in solchen Umbruchsituationen verhalten am Beispiel des "Herrn Mittelmaß", den schon Carl von Ossietzky 1927 in der "Weltbühne" erwähnte, als er über die Französische Revolution schrieb. Ich habe festgestellt, dass es genau den Typ schon immer gegeben hat. Schließlich habe ich etliche gesellschaftliche Umbrüche erlebt, aber es waren immer die gleichen Typen, die sich ganz schnell von der einen auf die andere Seite schlugen. Ohne Hemmungen, ohne Gewissensbisse.

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