Kultur : William Boyd entdeckt Risse in einem gut abgedichteten Yuppie-Dasein

Kolja Mensing

Kolja Mensing

Wenn Lorimer Black einen Geschäftstermin wahrnimmt, verkleidet er sich. Nur ein kleines bißchen, natürlich: Er zieht zum Beispiel seinen Scheitel einen Fingerbreit weiter links als gewöhnlich oder läßt beim Rasieren etwas Barthaar auf dem Kinn stehen. Nichts, was seinen Gesprächspartnern wirklich auffallen würde: "Die winzigen Änderungen seiner Erscheinung waren vor allem für ihn selbst gedacht, sie dienten seinem eigenen Seelenfrieden und stärkten das Vertrauen in die Maske, die zu tragen er sich entschieden hatte. In gewisser Hinsicht fungierten sie wie eine fast unsichtbare Panzerung, unter deren Schutz er sich in den Kampf wagen konnte."

Lorimer Black ist so etwas wie ein Armadill, ein Gürteltier. Bisher hat sein Panzer ganz gut gehalten, doch dann fährt er eines Tages zu einem Geschäftstermin, und der Mann, den er eigentlich hätte treffen sollen, hat sich umgebracht: "Mr. Dupree war der erste Tote in seinem Leben, zugleich der erste Selbstmord und der erste Erhängte; Lorimer fand diese Häufung von Erstmaligkeiten zutiefst beunruhigend." Das ist der erste Riß in Lorimer Blacks Panzer. In William Boyds Roman "Armadillo" geht es darum, wie dieser Riß immer größer wird. Der erfolgreiche Yuppie Black, der für eine Londoner Versicherungsgesellschaft als Schadensregulierer arbeitet, wird in eine mittelschwere Bauspekulation verwickelt, fällt bei seinen Vorgesetzten in Ungnade und bekommt eine Morddrohung nach der nächsten. Der englische Schriftsteller William Boyd ist, manchmal darf man solche Formulierungen wohl benutzen, ein begnadeter Erzähler. Ein, zwei seiner immer leicht belustigt vor sich hinsummenden Sätze genügen, schon steckt man mit in Lorimer Blacks Harnisch und sieht die Welt wie vor einem halb geöffneten Visier vorbeiziehen. Die Geschichte, die man mit Lorimer Black im Boomtown London erlebt, ist sehr spannend. Viel aufregender ist es allerdings, daß man es sich in seiner engen und hermetisch abgedichteten Yuppie-Dasein ganz gemütlich einrichtet hat - um dann zu erleben, wie es einfach auseinanderfällt.

Lorimer Black versucht in einer Gesellschaft zu leben, vor der es ihm eigentlich graust. So sehr graust, daß er ihr sein eigenes Ich nur in einer zentnerschweren Rüstung präsentieren mag. Und das funktioniert natürlich nicht. Lorimer Black steigt darum am Ende einfach in ein Flugzeug, hinter sich London, ein Finanzskandal, ein Scherbenhaufen. Und vor sich eine vage Verabredung mit einer schönen Frau. Toll.

Man selbst klappt wieder einmal nur ein Buch zu. Allerdings ein richtig gutes, eins, in dem man sich knappe vierhundert Seiten lang vor der Welt verstecken konnte. Auch toll.William Boyd: Armadillo. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Carl Hanser Verlag. München 1999. 381 Seiten, 39,80 DM.
© 1999

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