Kultur : William Forsythe im Interview: Der tanzende Philosoph

Herr Forsythe[in den Diskussionen um eine Struktu]

William Forsythe leitet seit 1984 das Ballett Frankfurt. Unter seiner Direktion hat sich das Ensemble Weltruhm ertanzt. Der amerikanische Choreograf gilt als wichtigster Neuerer des Balletts. In Berlin war er nur - selten - zu Gast. Zum Abschluss der Berliner "Theaterwelten" zeigt das Ballett Frankfurt im Schiller-Theater noch bis Sonntag Forsythes Stück "Eidos : Telos".

Herr Forsythe, in den Diskussionen um eine Strukturreform des Berliner Balletts wurde immer wieder Ihr Name ins Spiel gebracht. Sie wurden regelrecht als Heilsbringer herbeigesehnt. Ist Ihnen jemals ein Angebot unterbreitet worden?

Gerhard Brunner, der Projektbeauftragte des Berlin-Balletts, hat einmal mit mir gesprochen, aber er hat mir nie ein Angebot gemacht. Brunner ist ein kompetenter Mann, aber ohne politische Unterstützung kann er nichts ausrichten. Aber die Aufteilung in ein klassisches und ein modernes Ensemble halte ich für schädlich und geradezu reaktionär. Das ist meine einzige Kritik.

Die Choreographie zu "Eidos : Telos" entstand in Zusammenarbeit mit dem Ensemble. Sind Sie nicht der alleinige Autor der Stücks?

Ich bin der Autor, das Konzept stammt von mir. Die Choreographie habe ich aber gemeinsam mit den Tänzern erarbeitet. "Eidos :Telos" besteht aus langen systematischen Passagen, das zugrunde liegende System der Bewegung habe ich ausgearbeitet, es liegt in Form einer CD-ROM vor: "Improvisation Technologies. Tool for the analytical eye." Die Tänzer sind dann aufgefordert, diese Strukturen von innen zu erfassen.

Bewegen sich die Tänzer in einem Spannungsfeld zwischen vorgegebenen Strukturen und individueller Freiheit?

Absolut. Es gibt ausgedehnte Improvisationspassagen. Die Tänzer haben viele Wahlmöglichkeiten, sie müssen alleine ihre Entscheidungen treffen.

"Eidos : Telos" sind Begriffe aus der altgriechischen Philosophie. Wie kommen denn Begriff und tänzerische Bewegung zusammen?

Angeregt von der Lektüre des Buchs "Die Hochzeit von Kadmus und Harmonie" von Robert Calasso habe ich viel über Erinnerung nachgedacht. Und über das Apollinische und Dionysische als Sprachphänomen. Aber ich versuche natürlich, das in Bewegung zu übersetzen. Es gibt keine Thematik in meinen Stücken. Es geht allein um die Funktionalität des Tanzes. Aber ich suche ja immer nach Quellen, die mir ein Umdenken ermöglichen.

Stellt "Eidos : Telos" ein Nachdenken über das Wesen der Bewegung dar - oder eine Reflexion über die Tradition des Balletts?

Beides. Meine Arbeiten sind immer in einem weiten Kontext zu betrachten, aber sie stehen ganz ausdrücklich in der Tradition - damit haben wir schon einen Diskurs über Ballett.

Dieses "Umschreiben" des Ballett-Textes wird oft als "Dekonstruktion" beschrieben. Sind Sie glücklich mit diesem Begriff?

Überhaupt nicht. Der Begriff "Dekonstruktion" zeugt doch von Faulheit. Wir selber bemühen uns hingegen jeden Tag darum, eine Sprache zu entwickeln für das, was wir künstlerisch umsetzen. "Umschreiben" ist ein angemessener Begriff. Denn das Ballett ist für mich ein Schreiben - auf der Grundlage der Geometrie. Bedauerlicherweise bewegt sich unser Nachdenken über Ballett - also: finden wir Spiritualität in der Reduktion auf Geometrie? - noch immer in sehr alten Bahnen.

Wie kommt das Erinnern ins Spiel?

Der Körper des Tänzers hat ein inneres Bildgedächtnis. "Eido : Telos" ist eine sehr komplexe, reflexive Arbeit. Die Tänzer sollen sich selbst betrachten.

Der erste Teil "Self meant to govern" lässt eine andere Stoßrichtung ahnen.

Der Titel verrät immer noch ein männliches Denken: "Nur wer sich selbst beherrschen kann, kann auch andere beherrschen."

Ein Gedanke, der auch von zeitgenössischen Philosophen rehabilitiert wurde.

Man lese einmal, was Deleuze über Foucault geschrieben hat! Wenn ich aber an die konkrete Arbeit mit meinem Ensemble denke, kann ich das so nicht unterschreiben. Zumal, wenn man eine Demokratie anstrebt. Bei "Eidos : Telos" war es immerhin möglich, den Tänzern eine große Verantwortung zu übertragen.

Sie sind ans TAT umgezogen. Die Einstandspremiere "Endless House" haben Sie als Auszug aus dem Opernhaus inszeniert. Markiert das einen künstlerischen Neuanfang?

Es bedeutete Diaspora. Die Stadt Frankfurt hat, als Martin Steinhoff als Generalintendant der Städtischen Bühnen anfing, die Entscheidung getroffen, die Oper hochzufahren auf 160 Vorstellungen. Es gab keinen Platz für mehr für Proben und Vorstellungen des Balletts - finanziell und künstlerisch war die Situation für uns katastrophal. Mein Vertrag lief damals aus, und ich habe mit dem Gedanken gespielt, Frankfurt zu verlassen.

Sie bleiben jetzt aber bis 2004!

Wir sind jetzt im Bockenheimer Depot - diese Spielstätte ist schön, aber auch schwierig, weil wir andere Bühnen gewohnt sind. Wir gehen ja oft und gern auf Tournee - müssen es auch, um Geld einzuspielen. Unsere Subvention ist nicht so hoch.

Die Produktionsbedingungen haben sich verschlechtert, obwohl der Ruhm des Frankfurter Balletts bis in alle Welt ausstrahlt?

Ja, darin liegt eine gewisse Ironie. Die Bedingungen müssen nicht optimal sein. Wir verlangen nur Fairness. Oper, Schauspiel und Ballett sollten die gleichen Chance haben, sich zu profilieren.

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