Kultur : Willig in den Untergang

Zum Abschluss der zehnbändigen Forschungsreihe über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs

Bernhard Schulz

Heute vor 63 Jahren, am 8. Mai 1945, ging der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht zu Ende. Seit der Rede Richard von Weizsäckers 1985 ist es politischer Konsens, in diesem 8. Mai den „Tag der Befreiung“ zu sehen; mag auch in jüngster Zeit verstärkt und in spekulativer Absicht an die ältere Vorstellung vom „Untergang“ angeknüpft worden sein. Die Differenzierungen, die hinsichtlich etwa der Bombardierung der Städte oder des Schicksals der Vertriebenen eingetreten sind, stehen dabei nicht im Widerspruch zu der mittlerweile unumstößlichen Einsicht, dass die Nazi- Verbrechen und das Kriegsgeschehen untrennbar miteinander verflochten sind.

„Die Wehrmacht bildete den militärischen Schild, unter dessen Schutz der Nationalsozialismus bis in den Mai 1945 seine Destruktivität entfalten konnte“, heißt es jetzt in dem vorgestern vom englischen Hitler-Biografen Ian Kershaw in Berlin vorgestellten Werk „Der Zusammenbruch des Deutschen Reichs 1945“. Mit dem in zwei Bücher geteilten Band 10 kommt die seit 30 Jahren in Arbeit befindliche Reihe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ zu ihrem Abschluss. Selbstverständlich war der Zusammenhang von Wehrmacht und Völkermord bis zu der Debatte um die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung in den neunziger Jahren durchaus nicht. Die Einsicht, dass es im „totalen Krieg“ keine Trennung von Politik und Kriegführung geben kann und damit auch keine Verbrechen ohne die überwiegend aktive Teilnahme des Militärs, ist noch nicht alt.

Dabei hätte man diese Erkenntnis bereits Jahre zuvor aus den Darlegungen des Reihenwerkes gewinnen können. Die 10-bändige Weltkriegsgeschichte ist die Hauptleistung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam; nur kam sie lange Zeit nur zäh voran. Es war von vornherein das Ziel dieser Bundeswehr-Einrichtung, „eine moderne Militärgeschichtsschreibung in Deutschland zu begründen“, mithin, so der langjährige Chefhistorikers Manfred Messerschmidt, eine „Geschichte der Gesellschaft im Kriege“ zu liefern. Der Abstand zur früher üblichen Generalstabs-Historiografie kann kaum größer gedacht werden. Insofern ist das Reihenwerk ein Kind der sechziger Jahre, als sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in wegweisenden Arbeiten wie Karl Dietrich Brachers „Die deutsche Diktatur“ niederschlug.

Von Anfang an war klar, dass die Geschichte des Kriegsverlaufes immer auch eine Geschichte der Verbrechen einerseits, der Mobilisierung der gesamten Gesellschaft andererseits sein musste. Das Wort vom „totalen Krieg“, von NS-Propagandaminister Goebbels in seiner berüchtigten Berliner Sportpalast-Rede vom 18. Februar 1943 geprägt, erwies sich als Leitbegriff: Dieser Krieg umfasste alle und alles, er war total wie kein Krieg je zuvor. Der Aufbau des Reihenwerkes trägt dieser Einzigartigkeit des Vernichtungskrieges Rechnung. So ist der vorangehende, erst vor einem Jahr erschienene und ganz hervorragende Band 9 – mit über 2000 Seiten in zwei Büchern – der „deutschen Kriegsgesellschaft“ gewidmet. Die dort vertreten These, „während der letzten zweieinhalb Jahre des Krieges entwickelte sich für Hitler nicht der ,Endsieg‘, sondern die Gestaltung des eigenen Untergangs zunehmend zum Mittelpunkt seines Denkens und Handelns“, hat einiges an Diskussion ausgelöst – und zeigt, wie weit die Darstellung der deutschen Kriegsführung von jeder herkömmlichen Schilderung militärischer Operationen abweichen muss.

Ohne die totale Organisation der Gesellschaft – 1939 waren 69 von 82 Millionen „Volksgenossen“ irgendwo Mitglied! – wäre der Krieg nicht zu führen gewesen. Es bleibt die bittere Einsicht, dass Hitler „auch bei Niederlagen unterstützt“ wurde „von einer breiten positiven Stimmung in Deutschland, die auch bei zunehmender Apathie und Kriegsmüdigkeit nicht den Siedepunkt des öffentlichen Aufbegehrens erreichte“, so der jetzige Gesamtherausgeber Rolf-Dieter Müller in seiner Schlussbilanz.

Die NS-Führung hat das genau kalkuliert. „An der Haltung des deutschen Volkes in der Heimat ist der Krieg unmöglich zu verlieren“, schrieb Propagandaminister Josef Goebbels am 19. November 1943 in schiefem Deutsch ins Tagebuch. Goebbels war sicher, dass „die deutsche Kriegsmoral durch den Luftkrieg“ nicht zu brechen sei. Vier Tage später notierte er nach einem verheerenden Bombenangriff auf Berlin jedoch: „Dieser moderne Krieg ist ein einziges großes Grauen.“

Von diesem Grauen berichten zumal die beiden voluminösen Teilbände von Band 10. Zwar hatte sich die Gesellschaft „von einer militarisierten ,Volksgemeinschaft‘ zu einer fast atomisierten Zusammenbruchsgesellschaft entwickelt“, doch ließen sich die Deutschen „sehenden Auges in den Untergang führen“. So hat auch „der Terror, den das Regime gegen die eigene Bevölkerung sogar noch steigerte, nicht die große Rolle gespielt, die ihm oft zugeschrieben wird“.

An der – in der Forschung immer wieder bestrittenen – zentralen Rolle Hitlers lassen die von insgesamt 56 Autoren erbrachten Forschungsergebnisse des Reihenwerkes keinerlei Zweifel. Rolf-Dieter Müller fasst das Kriegsziel, das die Deutschen noch Jahrzehnte später nicht wahrhaben wollten, zusammen: „Hitlers fanatischer Durchhaltewille wurde aber von der Absicht angetrieben, zumindest dieses Kriegsziel zu erreichen: die ,Ausrottung der Juden‘ zu vollenden. Solange die ,Volksgemeinschaft‘ trotz steigender Verluste und trotz Bombenhagel leidlich funktionierte und die Wehrmacht das schrumpfende Machtgebiet verteidigte, konnte der Völkermord weitergehen.“

Mit den abschließenden beiden Bänden des Reihenwerks liegt nunmehr ein Kompendium vor, das für jede Diskussion über das „Dritte Reich“ und seinen Weltkrieg maßgeblich bleiben wird. Eine großartige Forschungsleistung liegt vor. Sie unterfüttert wissenschaftlich, was mit Weizsäckers Rede von 1985 zur anerkannten Sicht auf die Kriegsführung des Nazi-Regimes geworden ist.

Militärgeschichtliches Forschungsamt: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 9: Die deutsche Kriegsgesellschaft. 2 Bde, 993 u. 1112 S. Band 10: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. 2 Bde, 948 u., 798 S. Deutsche Verlags-Anstalt, München, je Band 49,80 €.

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