Kultur : Willige Vollstrecker, Teil zwei

HARALD MARTENSTEIN

Der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen, der Autor von "Hitlers willige Vollstrecker", hat für den Balkan eine "deutsche Lösung" vorgeschlagen.Damit meint Goldhagen, daß die NATO Serbien vollständig besiegen, besetzen und die Bevölkerung Serbiens umerziehen soll.So, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg mit Deutschland geschehen ist, unter dem Oberbegriff Reeducation.Die Kombination aus totaler Niederlage und Zwang hätten, so Goldhagen, aus Deutschland und Japan funktionierende Demokratien gemacht, die ihre Nachbarvölker nicht mehr bedrohen.

Kann man Menschen überhaupt umerziehen? Der Glaube an die Umerziehbarkeit unserer Gattung ist, seit den Tagen der Französischen Revolution, ein Kennzeichen der großen Ideologien gewesen.Wahrscheinlich überschätzt Goldhagen den Effekt der Reeducation ein wenig, und er unterschätzt den Anteil, den das Wirtschaftswunder an der Domestizierung der Nachkriegsdeutschen gehabt hat.Er unterschätzt auch den Generationenkonflikt von 1968 und den Wunsch der Deutschen, von den anderen Völkern wieder gemocht zu werden.

Aber das alles ist nicht so wichtig.Viel wichtiger ist die Tatsache, daß Daniel Goldhagen an die Erziehbarkeit des Menschen glaubt, ein moderner Optimist, im alten Geiste Rousseaus.Goldhagens Haltung ist typisch.In diesem Geist wird von der NATO zur Zeit Krieg geführt.Besonders typisch für das, was die NATO bewegt, ist vielleicht folgender Satz des Historikers Goldhagen, aus seinem Text für die "Süddeutsche Zeitung": "Jedes Volk, das einen Unterwerfungskrieg führt, das Massenmord begeht und unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder attackiert, hat das Recht auf den Schutz verwirkt, den die Normen und Konventionen der Souveränität normalerweise garantieren."

Sind es wirklich "Völker", die Massenmord begehen? Oder sind es nicht eher Täter? Konkrete Personen? Goldhagen konstruiert hier eine Gesamthaftung jedes einzelnen Serben für Milosevic, ähnlich, wie er in seinem Bestseller eine Gesamthaftung der Deutschen für Hitler konstruiert hat.Die Ideen der Menschenrechte und der nationalen Souveränität beruhen im übrigen darauf, daß diese Rechte unveräußerlich sind - die Souveränität einer Nation zum Beispiel kann nicht von ihrem Wohlverhalten abhängig gemacht werden.Gewiß, das ist in den letzten Wochen oft gesagt worden: Es wird aber trotzdem immer wieder das Gegenteil behauptet.

Goldhagen, ein paar Zeilen später: "Die einzig bedeutsamen Argumente dagegen sind die hohen menschlichen und materiellen Kosten sowie die Schwierigkeiten mit Rußland."

In der Tat.Wer nüchtern Kosten gegeneinander abwägt, betreibt sogenannte Realpolitik.Und wie soll man das andere nennen, die Haltung Goldhagens? Am Ende eines Jahrhunderts, in dem die Hoffnung auf das Absolute die Menschheit mehr als einmal an den Rand des Untergangs geführt hat, am Ende des Jahrhunderts der teuflischen und berückendsten Utopien kehrt die Utopie also noch einmal zurück.Aus Amerika.Denn nichts anderes als Utopie ist es, von der großen Umerziehung zu träumen, von einer Welt, in der es keine Kriege mehr gibt (die fast immer "Unterwerfungskriege" sind) und keinen Mord.

"Jedes Volk", schreibt Goldhagen.Jedes: Die USA und die NATO möchten ihre Werte bis in den hintersten Winkel der Welt tragen.Es sind gute Werte.Trotzdem bleibt es ein Kreuzzug.Ein Kreuzzug, der im Namen hehrer Ideale geführt wird, bleibt trotzdem ein Kreuzzug.Auch ein Totalitarismus des Guten ist totalitär.Und es wäre, wenn es denn schlimmstenfalls im Weltkrieg endet, nicht das erste Mal, daß im Namen an sich begrüßenswerter Ideale eine Katastrophe angerichtet wird.Das tendenziell Amoralische der sogenannten Realpolitik mit ihren "Normen" und "Konventionen" hat etwas Beruhigendes, verglichen mit einem Totalitarismus des Guten.

Hinter Goldhagens Argumentation steckt der uralte moralische Dualismus - gut und böse.Für die Kindererziehung ist er brauchbar.Realpolitiker und auch die Demokratietheorie arbeiten mit anderen Kategorien, zum Beispiel dem Interesse.Falls man sich aber wirklich auf die schwierige Kategorie des Bösen einläßt, läßt sich verbindlich nur eines sagen: Es ist ewig.Mord zum Beispiel wird es immer geben, solange es Menschen gibt.Damit müssen wir uns abfinden.Trotzdem verfolgen und bestrafen wir die Mörder.Wir finden uns mit dem einzelnen Mörder nicht ab.Aber wir halten Maß.Zum Beispiel verzichten wir darauf, Mörder hinzurichten, in den meisten zivilisierten Ländern.Der Kosovo-Krieg dagegen hat etwas Maßloses.Maßlos moralisch.

Die Gegenposition zu Goldhagen hat in der "Frankfurter Allgemeinen" György Konrád bezogen, Präsident der Berliner Akademie der Künste.Auch Konrád sieht, daß es in diesem Krieg um Erziehungsfragen geht, um eine blutige Variante der Erwachsenenpädagogik: "Sollte es der NATO erlaubt sein, ohne angegriffen worden zu sein, quasi aus pädagogischen Erwägungen die Städte anderer Länder zu bombardieren?" Nein, sagt Konrád: "Menschen im Namen der Menschenrechte zu bombardieren, ist ein Irrtum."

In der Diskussion über den Kosovo-Krieg gelten die alten Grenzlinien zwischen links und rechts nicht mehr.Ob jemand für oder gegen die Bombardements ist, scheint eher eine Frage des jeweiligen Menschenbilds zu sein: die Pragmatiker stehen gegen die Utopisten, die Pessimisten gegen die Optimisten.Egon Bahr gegen Erhard Eppler, zum Beispiel.Dem Utopisten kommt auf das Prinzip an, der Pragmatiker zählt nur die Toten.Wenn dieser Krieg bis zum bitteren Ende geführt wird, bis zur totalen Niederlage des Bösen, die Goldhagen fordert, dann werden es am Ende eine Menge Tote sein.Die totale Niederlage Milosevics würde mehr Tote kosten als eine Verhandlungslösung - Albaner, Serben, NATO-Soldaten.Der Utopist nimmt das hin.

Eine Verhandlungslösung darf es nicht geben, sagt Goldhagen.Milosevic muß besiegt werden.Goldhagen irrt sich.Um es in seinen Kategorien zu sagen: Man kann und muß das Böse eindämmen, aber man kann es nicht endgültig besiegen, schon gar nicht mit den Mitteln des Krieges.

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