Willis Earl Beal im Indiefilm "Memphis" : Mein Name ist Niemand

Botschaften aus der Schattenwelt: Der US-amerikanische Musiker Willis Earl Beal spielt die Hauptrolle im Indiefilm „Memphis“ und gibt am Freitag ein Konzert in Berlin.

Andreas Müller
Willis Earl Beal im Film "Memphis" von Tim Sutton.
Willis Earl Beal im Film "Memphis" von Tim Sutton.Foto: Unknown Pleasures

Ein Mann treibt durch eine Stadt im Süden der USA. Sein dreiteiliger Anzug: fein. Das weiße Hemd: makellos. Der Hut: sitzt keck schräg auf dem Kopf. Die Frisur darunter: auf den Millimeter genau ausrasiert. Der Mann ist Soulsänger, hatte einen Hit und soll nun einen weiteren liefern. Das Talent besitzt er, sagen alle um ihn herum: der Produzent, der einbeinige Ex-Gangster, die Frau, die manchmal mit ihm im Bett liegt, und der Pastor in der Kirche auch. Doch Willis Earl Beal, so heißt der Sänger, will nicht weitermachen und kann es vielleicht auch nicht mehr.

Die Stadt soll Memphis sein, so jedenfalls heißt der Film von Regisseur Tim Sutton, der am heutigen Freitag am Abschlusstag des „Unknown Pleasures“- Filmfestivals im Kino Babylon Mitte gezeigt wird. Die berühmten Orte der Stadt vermeidet er jedoch: Weder Elvis’ Graceland noch das Stax-Records-Gebäude oder die Beale Street sind zu sehen.

Sutton, der von der Berliner Schule inspiriert zu sein scheint, zeigt, wie Afroamerikaner an der Rückseite dieser Stadt ihr Leben leben. Sein eher künstliches als künstlerisches Kameraauge lässt sie wie Fische in einem Aquarium wirken. Dazwischen nun schwebt dieses exotische Exemplar Willis Earl Beal, der im Film so heißt, weil die anderen Darsteller, sie alle sind Laien, auch ihren echten Namen tragen. Es gehe ihm in „Memphis“ darum, hat Sutton in einem Interview gesagt, einen allmählichen Verfall zu zeigen. So werden im Verlauf des Filmes, der weitgehend ohne Plot auskommt, die Häuser immer schäbiger, die Schlaglöcher in den Straßen größer, Willis’ Anzug gerät außer Form und schließlich landet der Sänger, zwar nicht im Rinnstein, aber doch obdachlos geworden in einem Zelt im Wald. Suttons Werk wäre wohl kaum der Rede wert, wenn nicht sein Hauptdarsteller der fiktiven Figur in letzter Zeit immer ähnlicher geworden wäre.

Willis Earl Beal debütierte mit Lo-Fi-Gebräu

Dieser Willis Earl Beal, wahrscheinlich 1983 in Chicago geboren, hat 2012 mit „Acousmatic Sorcery“ ein Album veröffentlicht, dessen Lo-Fi-Gebräu aus Bob- Dylan-Einflüssen, krankem Blues und angeschimmelten Field-Recordings die rauen Experimente seines großen Vorbildes Tom Waits wie Zuckerwatte klingen ließen. Kurz zuvor soll Beal in Albuquerque tatsächlich auf der Straße gelebt und die Gegend, in der er hauste, mit rätselhaften Flugblätter-Comics und zufällig abgelegten, selbst gebrannten, CDs irritiert haben.

Viele Kritiker waren begeistert von seinen Botschaften aus einer Schattenwelt, wie sie in so vielen Serien des neuen US-Fernsehens zu sehen ist. 2013 gelang Beal mit „Nobody Knows“ eines der aufregendsten Alben des Jahres. Minimalistische, fast schon gespenstische Musik, die zwischen gloriosem Gospel, kalter Elektronik und zerhackt abstraktem Blues taumelt, zusammengehalten von einer großen Stimme, die Besessenheit erahnen lässt. Sein Berliner Konzert im selben Jahr geriet zu einer erschütternd intensiven Performance, in der Willis Earl Beal die Pforten zu einer glühenden Hölle zu öffnen schien, bereit, sich hineinzustürzen, um seine Dämonen auszubrennen. Ein Popstar, der die Wut, die Macht und das Feuer des bösen Blues und verheerenden Rock ’n’ Roll in sich vereinte.

Diesem Mann musste die Welt offen stehen. Doch längst arbeitet Willis Earl Beal an seiner Abschaffung. „Nobody Knows“, auf einem Sublabel der renommierten Plattenfirma XL Recordings erschienen, zeigt Zeichen der Verweigerung: „Produced by Nobody“, heißt es im Kleingedruckten. Auf dem Cover prangt eine Art-brut-Version des ikonografischen Smileys – als trage das ewig Lächelgesicht nun die Spuren einer Cracksucht. Seine Band nennt er die Church Of Nobody. Unzufrieden darüber, wie ihn das Label verkauft – man denkt sich unter anderem den Werbespruch vom „Robert Johnson des 21. Jahrhunderts“ aus –, löst Beal seinen Vertrag und sabotiert die Tour zum Album durch alkoholbefeuerte erratische Eskapaden.

Der unruhige Geist Willis Earl Beal

Hatten Fred Wesley und James Brown 1974 noch das Mantra „Damn Right I’m Somebody“ gerufen, um den afroamerikanischen Brüdern und Schwestern Selbstbewusstsein quasi einzubläuen, verkündet Willis Earl Beal: „I Am Nobody.“ Was als Symptom einer Depression gedeutet werden kann – viele andere seiner Äußerungen weisen auf diese Erkrankung hin –, ist sicherlich auch die Frustration darüber, als schwarzer Künstler nach wie vor unfrei zu sein. Denn egal was er tut, er wird immer als Garant einer vermeintlich authentischen Kultur gesehen, die weiterhin nur ganz bestimmte Rollen und Nischen zulässt. Nischen, die für den unruhigen und kreativen Geist Willis Earl Beal, der sich nicht als Bluesmusiker versteht, wie Gefängniszellen wirken müssen.

Sein letztes musikalisches Lebenszeichen, das 2014 im Selbstverlag erschienene Album „Experiments in Time: The Golden Hour“ ist eine 84 Minuten lange düstere Verweigerung. 21 Stücke, geprägt von wenigen, auf dem Synthesizer gedrückten Moll-Akkorden. Redundante Einfachheit, über der diese enorme Stimme des Sängers schwebt.

Im Film verbrennt er sein kleines Keyboard, auf dem er keine Lieder mehr komponieren kann. Für Ende Januar ist ein weiteres Album angekündigt. So ganz verschwinden will Willis Earl Beal dann vielleicht doch nicht.

„Memphis“: Kino Babylon Mitte, 16. Januar, 19.30 Uhr, Konzert: Volksbühne, Roter Salon, 22 Uhr (ausverkauft)

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