Kultur : Willkommen durch die Seitentür

Triumph für Katja Riemann: Das deutsche Kino feiert beim Festival von Venedig sein internationales Comeback

Jan Schulz-Ojala

Mal ehrlich: Hatten wir sie uns nicht längst abgeschminkt, Katja Riemann, den Komödienstar der frühen Neunzigerjahre? So wie wir uns die deutschen Komödien der frühen Neunzigerjahre überhaupt abgeschminkt hatten – Katja von Garniers „Abgeschminkt“ etwa oder Sönke Wortmanns „Der bewegte Mann“ oder auch Rainer Kaufmanns „Stadtgespräch“ (1995), alles Filme, in denen Katja Riemann die Hauptrolle spielte. Riemann war durch: zu patent für eine Diva und bald, Folge des Erfolgs, zu divenhaft für eine Patente. Jedenfalls für eine, die man mag. Eine, mit der man durch dicke und dünne Kinojahre geht.

Da mochten, erst drei Jahre ist das her, deutsche Frauen zwischen 30 und 50 sie in einer Umfrage noch so sehr zur bekanntesten Schauspielerin des Landes gewählt haben; damals schon waren es nur mehr Fernsehsachen, die von ihrem Nimbus zehrten. Ja, die Riemann, eine Früherblühte und auch Frühverblühte, so spöttelnd sah man hinter ihrer Karriere her. Ein Schicksal wie fürs Tingeltangel – und tatsächlich: Katja Riemann nahm 2000 eine CD namens „Nachtblende“ auf mit eigenen, bald als Schulmädchenpoesie geschmähten Texten und posierte gar nackt auf dem Booklet. Dann veröffentlichte sie, Mutter einer 1994 geborenen Tochter, Kinder- und Hörbücher. Und versuchte sich zuletzt, auch das eher wackelig, im erlernten Bühnenberuf – im Berliner Boulevardtheater am Kurfürstendamm.

Eine dahinschaukelnde, das Absteigen mit allerlei vermischten Nachrichten verschleiernde Karriere schien das zu werden, irgendwann dem Thespiskarren des Tourneetheaters geweiht. Und nun das. Katja Riemann hat mit ihrer Rolle in Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ beim Festival in Venedig den Preis für die beste Schauspielerin geholt, aufgestiegen in einen Olymp, auf dem – um nur ein paar der Ausgezeichneten der vergangenen Jahre zu nennen – Julianne Moore ebenso wie Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ebenso wie Gong Li thronen. Und der deutsche Filmbetrieb, zu dem die deutsche Filmkritik sich gerne zählt, ist baff.

Unsere allerliebste Feindin – sollte sie womöglich doch noch was taugen?

Ganz einfach: Katja Riemann ist einfach gut in der „Rosenstraße“. Sie ist gut als „arische“ Frau, die 1943 eine Woche lang Tag und Nacht zusammen mit Hunderten anderen ausharrt, um in einer Art Schweige- und Manchmal-Verzweiflungsschrei-Demo ihren jüdischen Mann vor der Deportation zu retten. Und sie ist gut auch als Ersatzmutter eines jüdischen Mädchens, das bald dennoch zur Waise wird. Sie gibt eine Verhärmte jener Zeit, aber mutig und zäh. Eine Tapfere, opferbereit bis zur Selbstverleugnung. Undivenhaft, nun gut, das verlangt die Rolle, aber mit stillem, entschiedenem Ernst: wie gegen den karikaturhaften Strich besetzt, wie zu sich selbst gekommen. Gut auch, dass sie, scheint’s, nur pausiert hat: So passt auf einmal alles zusammen. Als hätte da nur eine neue Frische – auch des Blicks auf sie – nachwachsen müssen. Und dass sie selbst ganz verdattert ist beim Gala-Abend am Lido; dass sie auf den Rat ihrer Regisseurin, „jeden Moment zu genießen“, nur zu Protokoll gibt, „ich arbeite noch dran“, macht ihren Triumph umso sympathischer.

Und der Triumph färbt ab. Der Film hat seinen Weg gemacht in Venedig, unterstützt vor allem von der internationalen Kritik, die sich vom sorgfältigen Vergangenheitsbewältigungsversuch der Margarethe von Trotta beeindruckt zeigte. Zugleich markiert er ein ganz außer Mode gekommenes deutsches Happyend-Gefühl am Ende großer Festivals, wo der deutsche Film jahrelang nur am Katzentisch geduldet war – in Cannes sowieso, aber in Venedig kaum minder. Wie schön passt dazu, dass Michael Schorr mit „Schultze Gets the Blues“ in der aufgewerteten Nebensektion „Controcorrente“auch erfolgreich war! Und auch das mit einer konzentrierten, anrührenden Geschichte – gerade so, als hätte den Deutschen schon länger wenn nicht das Portal, so doch die Seitentür ins Rampenlicht weit offen gestanden.

„Schultze Gets the Blues“ ist eine Art Kaurismäki aus Sachsen-Anhalt: lakonisch, langsam, mit leisem Humor und einem geradezu überwältigend stillen Happy End. In seinem ersten Langspielfilm schickt der 38-jährige Dokumentarfilmer einen Frührentner aus seiner kleinen, nicht besonders schönen Provinz in das etwas größere, aber auch nicht besonders schöne Louisiana. Eingebettet in das Leben einer kleinen Gemeinde ist dieser Koloss von Mann (Horst Krause), wie freundlich lebendig begraben in seinem Musikverein auch, der von ihm, dem Hobby-Akkordeonisten, immer nur Polkas und Polkas und Polkas hören will. Und eines Tages hört Schultze im Radio einen Südstaaten-Blues, das was seine Spielmanns-Kameraden „Negermusik“ nennen. Und ist wie elektrisiert von diesen paar Takten. Spielt nur noch diese immerselbe Melodie, die ihn auf eine große Reise führt. Oder sollte man sagen: auf die große Reise? Denn es ist seine Totenglöckchenmelodie.

Dass er das nicht weiß und dass auch die Zuschauer das kaum ahnen, macht den harme dieses betont minimalistischen Films aus. Aber das Wissen um dieses Ende verzaubert ihn umso mehr. Es freut einen – nicht nur aus der so genannten deutschen Sicht, die einem ohnehin auf Kinoreisen so schön abhanden kommt –, dass die Jury diesen Film nicht übersehen hat. Dabei hätte er sich wohl auch ungepriesen davongestohlen, wie es seine Art ist: leise.

Vielerlei Happyends bietet dieses Festival, auch eines für Moritz de Hadeln. Der einstige Berlinale-Chef hat im zweiten Jahr am Lido seinen Job souverän erledigt: nachhaltig streitbar gegenüber den verkrusteten (Infra-)Strukturen der Biennale, die die Mostra auch nach Einschätzung des neuen Biennale-Chefs Franco Bernabè auf Platz drei hinter Cannes und Berlin drängen. Und entspannt, wenn es um die Verteidigung seiner Auswahl ging, auch und gerade bei schwierigen Filmen. Selbst auf das Risiko hin, von den italienischen Journalisten eines Tages ebenso wenig gemocht zu werden wie einst von den deutschen.

Ein Unglück im Glück, auch das gibt es, ist nachzutragen. Der Regisseur des unstrittigen Siegerfilms „Wowrascenie“, der 39-jährige Andrej Swaginzew, brachte nur den jüngeren seiner zwei jungen Schauspiel-Helden mit nach Venedig. Der andere, der 15-jährige Wladimir Girin, ist kurz nach dem Ende der Dreharbeiten in jenem See ertrunken, an dem der Film spielt. Die Nachricht sickerte ganz gegen den Willen des Regisseurs einen Tag vor der Preisverleihung durch. Er habe die Jury nicht mit einem realen Drama beeinflussen wollen, sagt er. Eine noble Zurückhaltung. Doch sein Film, der hoffentlich eines Tages im deutschen Kino zu sehen sein wird, ist stark, ganz von allein.

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