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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

HeroinBestecke und Leserbriefe

Heute gilt er als der große Virtuose des zeitgenössischen Jazzpianos, doch die immer noch junge Geschichte des Pianisten Brad Mehldau ist auch eine der Suche und Sucht nach einem Ausweg. Mehldau findet, dass seine überstandene Heroinsucht kein Thema für seriöse Musikjournalisten sein sollte, weil es eben nichts aussage über die Musik. Ebenso seien Glaubensfragen keine verlässlichen Koordinaten im Network der Monographen. Wagner und Strauss hätten sehr viel menschliche Musik geschaffen, voller Seele. Ergo: „Man kann ein Riesenarschloch sein und trotzdem große Kunst produzieren.“ Mehldau ist Pianist, er stammt aus Florida, kennt sich bei Thomas Mann aus, liebt Beethoven und zitiert Rilke. Er ist ein Musiker, der nicht akzeptiert, wenn die – ursprünglich nicht notierte – Jazz-Improvisation gegenüber einer klassischen Komposition als minderwertig eingestuft wird. Sein Spiel wurde sehr oft mit dem des „Kind of Blue“-Pianisten Bill Evans verglichen, für den schon seit über zwanzig Jahren ein Nachfolger gesucht wird. Keith Jarrett hatte sich dafür schon des öfteren angemeldet, aber dann hielten gewichtige Leute offenbar Mehldaus Stunde für gekommen. Allein er will davon nichts wissen. Er wähnt solche Typen gar rassistisch infiziert, will das Piano- Trio im Jazz nicht zum „sensitive- white-guys club“ degradiert wissen.

Zunächst hatte Mehldau sich als Begleiter des Saxofonisten Joshua Redman einen Namen gemacht, doch gerade seine eigenen CDs dokumentieren das Ende der neo–traditionalistischen Doktrin. Die Rechnung vieler Produzenten, junge Musiker dazu zu verdammen, alte Jazzhits nachzuspielen, zahlte sich selbst trotz der geringen Produktionskosten nicht aus.

Mehldau ist aber nicht nur als Pianist aktiv, sondern beteiligt sich auch schriftlich an der aktuellen Jazzdiskussion. In Leserbriefen an die „New York Times“ oder das Fachblatt „Down Beat“, sowie in den Liner Notes zu seinen CDs widerspricht der studierte Musiker besonders jenen Kritikern, die ihn als neuen Bill Evans abstempeln möchten. Wie schon der stolze Titel seiner CD-Serie „Art Of The Trio“ andeutet, entwickelt Mehldau seinen Beitrag zur jüngeren Geschichte des Jazz eigenständig. Doch im vergangenen Jahr fiel Brad Mehldau mit seiner zeitgenössischen Fusion-CD „Largo“ so vehement aus dem bisher gesetzten Art-Of-The-Trio und Solo-Rahmen, dass er selbst ganz verblüfft war. Jetzt ist er wieder mit seinem Trio auf Tour, kräftig geprobt wurde dafür in den letzten Tagen in Berlin, das Konzert findet heute im Soultrane (21 Uhr) statt.

Vor einem Jahr gab sie die Frau in „Hide & Seek“, ein Dialog zwischen den Geschlechtern, der ins Absurde läuft. Am klarsten waren die beiden noch an folgender Stelle, er: „A blue of blues“, sie: „Yes. A blue of blues.“ Der Text stammt von Paul Auster, die Musik von Michael Mantler. Das Stück, das auch auf der gleichnamigen CD von Michael Mantler vorliegt, hat eine prominente Stimme: die Rolle des Mannes wird von Robert Wyatt gesprochen. Und die Frau, um die es hier geht, wird von Susi Hyldgaard gesungen. Sie strickt in Dänemark als Sängerin, Pianistin und Akkordeonspielerin auch schon länger an einer eigenen Karriere. Mit ihrer avantgardistischen Jazz-Pop CD „Something Special – just for you” gewann sie 1999 den dänischen Grammy als „Best Jazz Newcomer“. Auf ihrer Homepage www.susihyldgaard.dk kann man ihre Musik auch anhören, bei ihrer aktuellen Tournee stellt sie jetzt eine der überzeugendsten Jazz-Singer/Songwriter-CDs des vergangenen Jahres vor: „Home Sweet Home“. Am Sonnabend spielt sie im Quasimodo (22 Uhr).

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