Kultur : Willkommen im Neurosengarten - Ein Epochenbuch

Stefan Goldmann

"Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, dann werde ich die Unterwelt bewegen." Unter diesem Motto und auf das Jahr 1900 vorausdatiert, erschien heute vor hundert Jahren in Wien "Die Traumdeutung" von Sigmund Freud. Mit diesem geflügelten Wort, das Vergil in seiner "Äneis" der zornigen Juno in den Mund legte, hat Freud nicht zuletzt der unterdrückten Weiblichkeit Stimme verliehen. Wie die mythische Juno in ohnmächtiger Wut den Fluss der Unterwelt, an dessen Ufer die Träume lagern, aufschäumen lässt, so äußert sich in Träumen laut Freud das Unterdrückte, der ins Unbewusste verdrängte Wunsch.

Gründungsepos der Psychoanalyse

Freuds "Traumdeutung", von ihm selbst als Gründungsepos der Psychoanalyse verstanden, ist mit seinen vielen Zitaten und Anspielungen ein hoch literarisches Werk, das zu Recht zu den Klassikern der deutschen Literatur zählt. Entstanden ist das Buch in einem Kräftefeld, dessen Pole die medizinisch-therapeutische Praxis mit frei assoziierenden Patienten, Freuds Selbstanalyse und sein weitgefächertes Literaturstudium waren. Das literarische Ergebnis ist eine eigentümliche Mischung von autobiografischem Roman und wissenschaftlicher Abhandlung. Man hat das Gefühl, dass Freud Ernst macht mit der Forderung der Spätaufklärung, Träume zur Selbsterkenntnis und zur Charakterdeutung heranzuziehen. Für ihn sind die Dichter die großen Anthropologen, die der Schulwissenschaft weit vorauseilen. Sie verfügen über tiefe psychologische Einblicke in die Affektzustände und das unbewusste Denken ihrer Helden, wenn sie die Konflikte des Ödipus und des Hamlet schildern und die Träume des Macbeth und des Grünen Heinrich erfinden.

Doch nicht nur die Dichter, auch die Traumwissenschaft des 19. Jahrhunderts hat Freud in die Hände gearbeitet. In dieser verzweigten Tradition, die Freud im ersten Kapitel seiner "Traumdeutung" meisterhaft darstellt, finden sich schon stilistische Vorbilder, die gleichfalls mit der Erzählung und Analyse eigener Träume das Material sich selbst erst erschaffen mussten, von dem aus die Bildung einer Traumtheorie möglich wurde. Auch hatte die Traumforschung des 19. Jahrhunderts einen Wortschatz erarbeitet, der so berühmte Begriffe wie Traumwunsch und Traumarbeit, Traumgedanke und Trauminhalt umfasste. Freud bedient sich dieser überlieferten Begriffe, doch prägt er sie neu aus, indem er sie wie kein zweiter systematisch aufeinander bezieht.

Im Anschluss an Ludwig Feuerbach hat Freud den unbewussten Wunsch ins Zentrum der Traumanalyse gerückt: "Jeder Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches." Nun ist seit biblischen Zeiten bekannt, dass in Träumen auch Wünsche sich erfüllen. Die in physikalischen Begriffen wie Verdichtung und Verschiebung, Widerstand und Verdrängung verfasste Traumpsychologie nimmt Freud zum Ausgangspunkt einer neuen Psychologie, die eine "psychische Topik" des "seelischen Apparates" entwirft und zu den Gesetzmäßigkeiten des "unbewussten Denkens" vorstößt.

Vergleicht man große, doch spät rezipierte Werke wie Arthur Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung" (1819) mit Freuds "Traumdeutung", dann erhält man einen Maßstab für die anfänglich doch bescheidene, dann aber sich überstürzende Wirkung eines Klassikers: Sechs Jahre nach dem Erscheinen von Freuds "Traumdeutung" waren gerade einmal 350 Exemplare verkauft. Als es 1909 zu einer zweiten Auflage kam, hatte sich inzwischen die Wiener Psychoanalytische Vereinigung gegründet, und Freud öffnete sein Traumbuch in den folgenden Auflagen der psychoanalytischen Bewegung.

Die Aura des Grundstürzenden

Jetzt, mit dem lang erwarteten Reprint der Erstausgabe der "Traumdeutung", ist sie in ihrer Urform, mit dem engen Druck und den anschaulichen Kolumnentiteln, endlich wieder greifbar. Doch im Rückblick haftet diesem Buch die Aura des Grundstürzenden an: Seine Wirkung auf unser Weltbild, auf Sprache und Denken ist nicht mehr rückgängig zu machen. "Die Traumdeutung" ist nicht nur ein bewährtes Forschungsinstrument der Neurosenbehandlung, sondern auch ein Grundbuch der Hermeneutik geworden, somit der Textwissenschaften und der Sozialwissenschaften. Sie unterfütterte die psychosomatische Medizin, und selbst von der neurophysiologischen Traumwissenschaft wird sie noch nicht ad acta gelegt. In dem Drang nach vertiefendem Verstehen bleibt Freuds Hauptwerk, trotz heftiger Angriffe, ein nie veralteter Zugang zu den irrationalen, abgespaltenen Aspekten des Menschen.Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Reprint der Erstausgabe. Mit drei in einem Begleitheft versammelten Essays von Jean Starobinski, Ilse Grubrich-Simitis und Mark Solms. S. Fischer Verlag, Frankfurt / M. 1999. 128 Mark.

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