Kultur : Willkommen im Schlammloch

Fast 15 Jahre dauerte der Bürgerkrieg in Liberia. Hunderttausende starben. Das Land liegt am Boden. Ist ein Wiederaufbau überhaupt möglich?

Jochen Förster

Die große Zuversicht von Monrovia wohnt dieser Tage im Innenministerium, Erdgeschoss, Raum 017. Vor der Tür: eine Dutzendschaft älterer Herren in loser Reihe, fein herausgeputzt, Formular in der Hand, Feierabend um die Mundwinkel. Hinter der Tür: ein sehr langer Furniertisch, vor dem die Herren platziert werden. Ihnen gegenüber: die Jungen, die Uniformierten, die im Saft, ihre Nachfolger. Auf ihren Gesichtern: ein Sieger-Lächeln, gepaart mit Genugtuung, vielleicht Schadenfreude, derweil sie den müden Alten die Modalitäten erklären. 5000 Polizisten und Leibgardisten sollen so in vier Wochen ausgetauscht sein, das macht 5000 Ex-Taylorianer weniger im Staatsdienst, aber vor allem: 5000 Ex-Kombattanten weniger auf der Straße. Ganz hinten im Raum, am Ende des Furniertisches, sitzt Hauptkommissar Peters, der Aufpasser aus Übersee, und ist fürs Erste zufrieden.

Peters kommt aus Brühl, er war schon im Kosovo, jetzt soll er hier die reibungslose Stabübergabe, den großen Generationswechsel in der liberianischen Staatspolizei organisieren. Das ist nicht irgendein Job, das ist elementar fürs Land, Peters weiß das. „Wenn die Regierung die jungen Ex-Kämpfer nicht bald von der Straße kriegt, geht’s hier bald wieder los“, sagt er. Arbeitslose Ex-Kämpfer gibt es hier zu Hunderttausenden, in der Hauptstadt, in den Vororten, auf dem Land. Kaum einer, der in den knapp 15 Jahren Bürgerkrieg zwischen 1989 und 2003 auf keiner Seite stand, keine Kalashnikov besaß, keinen auf dem Gewissen hat. Egal, jetzt strahlen sie, ihnen gehört die Zukunft, sie sind jetzt der neue Staat, das neue Liberia, seine Hausmacht und Hoffnung. Ellen Johnson-Sirleaf würde Raum 017 sicher gefallen.

Sie hat nicht allzu viele solcher Momente erleben dürfen in den fünf Monaten, seit sie, Johnson-Sirleaf, 66, angetreten ist, Afrikas älteste Demokratie wieder auf die Beine zu bringen. Viele sagen, Liberias Präsidentin habe den schwersten Job der Welt. Die Zahlen sagen, schlechter kann es kaum werden mit Liberia, es kann nur aufwärts gehen unter Ellen Johnson-Sirleafs Führung. Liberia 2006 ist ein Land fast ohne alles. Kein Stromnetz, kein Leitungswasser, die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 85 Prozent. Fast kein Essen – 46 Prozent gelten als unterernährt. Sowie natürlich fast kein Geld – der Staatshaushalt liegt bei rund 70 Millionen Euro für ein Land von der Größe der Ex-DDR, jede deutsche Kleinstadt hat mehr. Die Lebenserwartung liegt bei 42 Jahren, jedes vierte Neugeborene überlebt die ersten fünf Jahre nicht. Das alles zusammen brachte Liberia 2004 auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen Platz 178 ein, unter 178 Ländern.

Johnson-Sirleaf ist einen langen Weg gegangen mit Liberia. In den 70ern, zur Zeit des korrupten Präsidenten William Tolbert, war sie Staatssekretärin, doch nachdem Sergeant Samuel Doe Tolbert 1980 massakriert hatte und die 80er noch maßloser gerieten als ehedem, überwarf die studierte Harvard-Ökonomin sich mit dem Regime, ging zweimal ins Gefängnis, emigrierte und erwarb sich bei der Welt- und Citibank den Ruf einer harten, jedoch integren Wirtschaftsexpertin. Als Charles Taylor 1989 mit einer Hand voll Rebellen von der Elfenbeinküste aus in Liberia einfiel und sich nach und nach zur Hauptstadt vorkämpfte, war Johnson-Sirleaf zunächst auf seiner Seite. Bei den – relativ freien – Wahlen 1997 trat sie gegen Taylor an und verlor haushoch. Taylor bekam circa drei Viertel der Stimmen, Johnson-Sirleaf ein Zehntel.

Für Fremde ist im Rückblick kaum nachvollziehbar, wie Taylor, der für einen der dreckigsten Bürgerkriege aller Zeiten Hauptverantwortliche, bei den ’97er Wahlen 75,33 Prozent der Bevölkerung hinter sich bringen konnte. Taylor ließ in seinen Truppen massenhaft Kinder kämpfen, wahlweise vollgestopft mit Marihuana oder Amphetaminen, je nach Auftragslage. In Taylors Namen traten die „Heartmen“ auf, jene Krieger, die mal die Herzen ihrer Opfer aßen, mal deren Köpfe pfählten. Taylors bis heute hohe Popularität hat wohl mit seinem Mythos als Rebell zu tun, der sich wie einst Fidel Castro mit ein paar wackeren Kämpen bis zur Hauptstadt durchschlug.

Taylor jedenfalls, der inzwischen in Den Haag seinem Kriegsverbrecherprozess entgegensieht, ist in vieler Hinsicht heute noch Johnson-Sirleafs Hauptproblem. Die Präsidentin hat viel versprochen in den Tagen des Wahlkampfes. Einfache Dinge: Wiederaufbau. Kampf der Korruption. Strom, Wasser und Essen für alle. Aber es werden unglaublich schwierige Dinge, wenn man sie ohne die Zusammenarbeit mit Leuten nicht verwirklichen kann, wegen deren Existenz die „internationale Gemeinschaft“ jede Wirtschaftshilfe ablehnt. Es ist wie oft nach dunklen Epochen: Ohne die Wiedereingliederung ihrer Protagonisten scheitert ein Neuanfang, mit ihnen erst recht.

Joe W. Mulbah kennt das Dilemma, er sieht es täglich am Arbeitsplatz. Die University of Liberia, deren Medien-Fakultät er vorsteht, residiert in einer Ruine ohne Wasser und Strom, die Computer funktionierten nur, wenn er, Mulbah, durch gute Beziehungen aus alten Tagen mal wieder etwas Öl für den Generator locker gemacht hat. Unter Taylor war Mulbah Informationsminister, heute beteuert er, ein bis zwei Journalisten seien während der Taylor-Ära inhaftiert worden, ansonsten sei alles recht fair verlaufen.

Leute wie Mulbah stützten Taylor während dessen Regierungszeit, indem sie eine Pressekultur schufen, deren Schlüsselwort „Cato“ hieß. Hatte Taylor den Medien etwas zu sagen, bestellte er sie ein und sagte ihnen, was sie zu berichten hatten, gegen reichlich „Cato“, Handgeld. Von Taylors Verstrickungen in den Diamantenschmuggel, vom barbarischen Handel mit den so genannten „Blutdiamanten“ bekam die Öffentlichkeit entsprechend wenig mit. Diamanten, mit deren Erträgen Taylor und seine Verbündeten jenen Bürgerkrieg im Nachbarland Sierra Leone finanzierten, der zigtausende Minderjährige zu Krüppeln machte, da die herrschende Junta allen, die qua Abstammung einmal zum Nachwuchs der Opposition zählen könnten, wahllos Gliedmaßen abschnitt. Joe W. Mulbah sagt, den Begriff „Cato“ kenne er nicht.

Europäer und Amerikaner reagierten auf Taylors Praxis mit einem weit reichenden Embargo, das bis heute gilt. Für Diamanten, Gold und Edelholz verhängten sie ein striktes Exportverbot. Seit Johnson-Sirleafs Regierungsantritt wurde das Holzembargo aufgehoben, das Waffenembargo gelockert sowie ein Ende des Diamantenembargos in Aussicht gestellt – allerdings nur, wenn klar sei, dass nicht wieder die falschen Leute daran verdienen.

Allein, um dies sicherzustellen, verfügt Ellen Johnson-Sirleaf weder über Geld noch Militärmacht. Wichtige Entscheidungen müssen laut der liberianischen Verfassung vom 30-köpfigen Senat abgesegnet werden, dem unter anderem angehören: Jewel Taylor, Ex-Frau des Ex-Staatschefs. Prince Johnson, der Ex-Präsident Doe 1989 vor laufenden Kameras in dessen Einzelteile zerlegte und sich heute als geläuterter Prediger geriert. Oder General Adolphus Dolo, einer der schlimmsten Schlächter. Taylors Schwiegersohn Edwin Snowe ist Sprecher des Parlaments. Der Großteil dieser Politiker war schon vor Sirleafs Wahlsieg im Amt, in jenen beiden Jahren der von Gyude Bryant angeführten Übergangsregierung also, während der nach bisherigem Stand 32,5 Millionen US-Dollar aus der Staatskasse verschwanden – und das bei geschätzten Staatsausgaben von 85 Millionen Dollar pro Jahr. Genaue Zahlen gibt es nicht, bislang gibt es ja nicht einmal ein Finanzamt. Wenn überhaupt jemand Geld, Arbeit und Hoffnung ins Land bringt, dann die Hilfsorganisationen. Rund 40 Mitarbeiter hat die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) landesweit, die meisten von ihnen bemühen sich irgendwo im Dschungel um die einfachen Dinge: Reis, Hygiene, Trinkwasser. Es gilt, weit mehr als einer halben Million Flüchtlingen beim Neuanfang zu helfen. Von etwa 330 000 in die Nachbarländer geflohenen Liberianern kehrten bislang knapp die Hälfte zurück, hinzu kommen rund 450 000 Binnenflüchtlinge.

Die DWHH setzt dabei nicht auf Finanztransfers, das Geld würde eh irgendwo versacken, sondern auf Direkthilfe vor Ort. Im Südosten, der strukturschwächsten Region Liberias, sollen pro Jahr 50 Brunnen enstehen, 1000 Eigenbau-Latrinen und so viele Reisfelder wie möglich. Nichts braucht die Landbevölkerung so dringend wie agrarisches Knowhow, denn 15 Jahre Bürgerkrieg haben nebenbei eine Generation kreiert, die von Landwirtschaft nichts versteht.

„Willkommen im Schlammloch“, sagt Marcus Sack gern, wenn er Gäste aus Europa begrüßt, und fügt gleich an, er meine diesen Satz geografisch und soziologisch. Bevor Sack die Leitung der DWHH-Sektion vor Ort übernahm, war er lange im Kongo, er kennt die Bedeutung des Schlammloch-Wortes, in Liberia allerdings versacke alles noch schneller. Geld. Jeeps. Rohstoffe. Es herrsche uneingeschränkt die Stammes- und Vetternwirtschaft, bis dato sei das Einzige, was Liberia erkennbar zu einem Staat mache, die Grenze. Und die Waffen. Wie viele Waffen noch illegal im Umlauf sind, kann niemand sagen, zigtausende wurden nach Ende des Bürgerkrieges abgegeben, ungezählte werden von den Stammesverbänden aus der Bürgerkriegszeit irgendwo versteckt gehalten.

Mit ihren paar tausend handverlesenen Polizisten wird Johnson-Sirleaf gegen die Heerscharen arbeitsloser Ex-Kombattanten wenig ausrichten, auch deshalb ist die Präsenz der UN-Blauhelme im Land so wichtig. 15 000 Soldaten haben die Vereinten Nationen im Rahmen der teuersten Mission ihrer Geschichte nach Liberia entsandt, die gefühlte Anzahl weißer UNMIL-Jeeps in den Straßen Monrovias ist nochmal so hoch. UNMIL vergibt die lukrativsten Jobs in der Hauptstadt, UNMIL-Soldaten sind gut ausgerüstet und schießen scharf, die UNMIL hat im Zweifelsfall das Sagen in Liberia, nicht der Staat. Das sagt so zwar niemand, aber wenn es hart auf hart kommt, verbirgt es auch niemand.

Hart auf hart kam es zum Beispiel im vergangenen Jahr, als es um die Besetzung des Rates zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen ging, die so genannte „Truth and Reconciliation Commission“ (TRC). Bryants Übergangsregierung hatte schon im Frühjahr 2004 die Besetzung des neunköpfigen Gremiums verkündet – allerdings ohne vorher UN-Chef Jacques-Paul Klein zu fragen. Kleins damaliger Assistent Adam Abdelmoula fasst die Folgezeit zusammen: „Es gab einen starken Konflikt, wir haben gewonnen.“ Inzwischen ist die Kommission nach UN-Maßgabe neu besetzt, hat im Februar die Arbeit aufgenommen und ist befugt, Kriegsverbrechern bei umfänglichen Geständnissen Straffreiheit zu versprechen. Vermutlich werden sie davon Gebrauch machen, sie müssen ja, allein weil das rudimentäre liberianische Justizsystem sonst auf Jahrzehnte überfordert wäre. Nur einen werden sie sicher nicht schonen, Charles Taylor, den ganz sicher nicht. Wegen Taylor kam es zum bisher letzten Mal hart auf hart, am 29. März diesen Jahres, zwischen der Staatsmacht und den USA. Amerikas Einfluss in Liberia ist stark, seit zurückgekehrte Sklaven 1847 die Republik Liberia gegründeten, Afrikas zweitältesten unabhängigen Staat. Die Verfassung ist eng am US-Modell orientiert, sogar die Fahne sieht aus wie eine „Stars and Stripes“-Variante. Die US-Außenpolitik dagegen hatte an Liberia stets ein weniger demokratisches denn strategisches Interesse. In den 80ern stützte sie Samuel Does korrupte Präsidentschaft, dann Charles Taylor und schlie ßlich seit 1999 die Guerillakämpfer der L.U.R.D., welche die Taylor-Regierung von Guinea aus angriffen, wo sie vom CIA ausgebildet und -gerüstet worden waren.

Warum sich USA und Taylor entzweiten, darüber kursieren viele Versionen. Am verbreitetsten ist die, der bekennende Panafrikanist Taylor habe sich bei der Vergabe von Ölförderungslizenzen renitent gezeigt. Er habe George W. Bush brüskiert, und dessen Ehrgefühl sei nunmal texanisch, sagt ein ranghohes UNMIL-Mitglied. Sicher ist, die Amerikaner sind nicht sonderlich populär in Liberia – sie reden öffentlich von Moral und verteilen heimlich Waffen, sie geben wenig Geld und dann brechen sie auch noch Abmachungen, lautet die gängige Meinung.

Die Abmachung wurde am 29. März 2006 gebrochen, als Charles Taylor am Ende einer politischen Farce an der Grenze von Nigeria und Kamerun festgenommen wurde. In Nigeria lebte Taylor seit 2003 im Exil, im Rahmen einer Abmachung mit UN und USA, die ihm bei freiwilliger Ausreise nach Nigeria Straffreiheit garantierten. Taylor sagte zu, der Bürgerkrieg ging unblutig zu Ende. Das war im August 2003. Im November setzte der US-Senat ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf Taylor aus, ab Dezember tauchte Taylor auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher bei Interpol auf. Nigeria verkündete, es werde Taylor ohne Haftbefehl aus Liberia nicht ausliefern.

Ellen Johnson-Sirleaf zierte sich, zu fragil erschien ihr der Frieden, zu doppelmoralisch die US-Fehde mit Taylor, in der L.U.R.D.-Verbrechen nicht vorkamen. Womit Bush Johnson-Sirleaf umstimmte, ist unbekannt, vermutlich mit Aussicht auf eine Aufstockung der bewilligten 50 Millionen US-Dollar Soforthilfe. Johnson-Sirleaf forderte Taylors Auslieferung am 18. März 2006, am 25. sagte Nigerias Regierung zu, dann floh Taylor unter mysteriösen Umständen, landete aber dann doch am 29. nach einer Zwischenlandung in Monrovia im Spezialgefängnis von Sierra Leone. Seit Juni ist er in Den Haag.

„Charles Taylor hat eine harte Strafe verdient“, sagt der Hamburger Afrikanist Heinz Jockers, 64, der für die Adenauer-Stiftung liberianischen Politikern vor Ort Demokratie beibringen soll. „Allerdings merken die Leute, dass die Amerikaner mit zweierlei Maß messen.“ Gut für die Lehre demokratischer Spielregeln sei das nicht.

Aber am Ende wenigstens gut für Liberia? Ellen Johnson-Sirleaf sucht sichtlich eine enge Anbindung an die US-Regierung, bei ihrer Inaugurationsrede waren Condoleezza Rice und Laura Bush anwesend, jüngst reiste sie bereits zum zweiten Mal nach Washington und trat sogar bei Oprah Winfrey auf, in der vermutlich werbeträchtigsten Sendung der Welt. Auf eine Erhöhung der seit einem Jahr zugesagten 50 Millionen Dollar wartet sie seither vergebens.

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