Kultur : Willkommen in der Anarchie

Gabor Steingart schreibt mit „Das Ende der Welt“ einen klugen Nachruf auf eine Zeit, in der auf den Status quo noch Verlass war / Von Arnulf Baring

Wieso Ende, warum Nachruf? Ist die Welt nicht seit dem Beginn der industriellen Revolution in einem immer schnelleren Wandel begriffen? Die Menschen reagieren darauf, in dem sie diejenigen Lebensumstände für normal halten, von denen sie während ihrer Kindheit geprägt wurden. Je älter wir werden, desto fremder wird uns die früher vertraute Umwelt. Gabor Steingart ist nun der Meinung, dass inzwischen mehr ins Rutschen geraten sei als noch vor wenigen Jahrzehnten. Natürlich gebe es auch heute noch Elternhaus, Arbeitsplatz und Kirche. Aber deren Anziehungskraft sei schwächer geworden. An die Stelle der einen Wirklichkeit trete eine Vielzahl von Flüchtigkeiten. Keine neuen Ordnungskräfte des Lebens hätten die früheren ersetzt. Wir lebten in einer „Welt ohne Halt“, wie Ralf Dahrendorf sagte. Heute löse nicht eine neue Normalität die alte ab. Wir seien Zeugen des Endes aller Normalität. Der Aggregatzustand der Gesellschaft wechsle von fest zu flüssig. Es sei nur noch darauf Verlass, dass auf nichts Verlass sei.

Stimmt das denn? War denn in den Jahrzehnten der Kriege und Diktaturen auf irgendetwas Verlass? Sind wir nicht seit 1948/49 ungleich besser dran? Haben wir nicht sechs Jahrzehnte bundesrepublikanischer Stabilität hinter uns, was unseren Vorfahren nicht vergönnt war?

Wieso kann Steingart in unseren Tagen dennoch das Ende aller Selbstverständlichkeiten behaupten? Weil das Kernstück unseres Staatsverständnisses, soziale Gerechtigkeit für den obersten Wert zu halten, ins Wanken geraten sei. Unsere Sozialpolitiker hätten den Mund viel zu voll genommen. Die Sicherheit, die sie versprachen, könne es nicht mehr geben. Stattdessen drohten jetzt unvermeidlich Kürzungen, Sozialabbau, die Notwendigkeit der Eigenvorsorge und vermutlich mehr Umverteilung von oben nach unten. Ist es nicht umgekehrt? Nein. Entgegen einer verbreiteten Meinung bringt das obere Drittel der Steuerbürger – also jene Menschen, die man vorwurfsvoll die Besserverdiener nennt – den Löwenanteil der Staatseinnahmen auf.

Nicht nur innerhalb unserer Grenzen drohen Verwerfungen. Vergleichbares geschieht in der Außenpolitik. Der große Diplomat Jürgen von Alten hat hellsichtig schon 1994 behauptet, erst jetzt, nach dem Ende der Blockkonfrontation, beginne die Nachkriegszeit und damit die Rückkehr zur „ganz normalen Anarchie“. In gleicher Richtung argumentiert Steingart. Er benennt die neue Situation, die vom Aufstieg Indiens und Chinas, vom wieder erstarkenden Russland, von – höchst aktuell! – Volksaufständen in Tunesien und Ägypten, vom neuen Selbstbewusstsein Lateinamerikas und einem sich selbst radikalisierenden Islam gekennzeichnet ist. Ständige Veränderungen charakterisierten die heutige Lage. „Der neue Status quo besteht darin, dass es keinen Status quo mehr gibt.“

Das gilt erst recht in der gegenwärtigen Finanzwelt, die in der Tat so völlig außer Rand und Band geraten ist, dass man wirklich von einem Ende der Normalität reden muss. Steingart erinnert beispielsweise daran, dass in den siebziger Jahren der Wert aller Währungsgeschäfte doppelt so groß gewesen sei wie der Wert des realen Handelsvolumens. Heute übertreffe die Währungsspekulation den Handel um das Zwanzigfache. Während der Wert aller Zinsderivate 1995 rund 18 Billionen Dollar betragen habe, seien es heute 400 Billionen.

Kenntnisreich malt der Chefredakteur des „Handelsblatts“ das Weltfinanzbeben aus und die Unvernunft, mit der die Staaten seine immer neuen Trümmer zu beseitigen versuchen. Unsere Vorstellungen, dass Preise wichtige Informationen transportierten, Märkte sich rational verhielten und bei Irrationalitäten selbst korrigierten, seien sämtlich infrage gestellt. Nur wer diese Einsichten auch ernst nehme, werde bei der Suche nach Lösungen erfolgreich sein. „Doch die Staaten haben sich dieser bitteren Wahrheit verweigert und sind stolz darauf“.





Gabor Steingart:

Das Ende

der Normalität.

Nachruf

auf unser Leben,

wie es bisher war.

Piper, München, 2011. 176 Seiten, 16,95 Euro.

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