Kultur : Willkommen in der Bonbonniere

Joel Schumacher trägt das Musical „Phantom der Oper“ feierlich ans Ende der Verwertungskette

Frederik Hanssen

Die Zeit war reif für diesen Film. Seit 1986 treibt das „Phantom der Oper“ sein Unwesen auf den Bühnen der Welt, zunächst in London, dann in New York, in Wien, seit 1990 auch in Hamburg. Stets in derselben Optik, wiedererkennbar wie jedes andere weltweit vertriebene Markenprodukt.

Weltweit zählt die Statistik über 60 Millionen Kartenkäufer. Über acht Millionen Zuschauer haben das Spektakel in Deutschland gesehen; am 23. Mai dieses Jahres senkte sich nach 600 Vorstellungen der letzte „Phantom“-Vorhang im Stuttgarter Palladium-Theater. Dieser Tage hatte zwar noch eine Klonversion in Tokio Premiere, doch der Megaseller scheint am Ende der Verwertungskette angekommen zu sein – sonst hätte Komponist Andrew Lloyd Webber kaum einer Verfilmung seines Hits zugestimmt. Nach einer ganzen Serie von Flops kann Webber eine neue Tantiemenquelle gut gebrauchen.

Die Rechnung könnte aufgehen: Denn jeder, der das schauerliche Melodram im Theater gesehen hat, ist ein potenzieller Kunde der cinematografischen Zweitverwertung – und wer das Opus auf der Bühne mochte, wird die librettogetreue Filmversion lieben. Man muss es neidlos zugeben: Was Regisseur Joel Schumacher („Batman & Robin“) da gezaubert hat, ist ein echtes Phantom of the Cinemascopera. Effektvoller, kitschiger, teurer als es je ein privater Theaterbetreiber auf die Szene bringen könnte.

Wenn nach dem Prolog zurückgeblendet wird, verwandelt sich das völlig heruntergekommene Pariser Opernhaus dank feinster Tricktechnik unter den Augen der Zuschauer in Sekundenschnelle zurück in eine rotplüschige, stuckstarrende Bonbonniere, wie sie kein Architekt je zu träumen gewagt hat. Von diesem Moment an rätselt man, was hier ernst gemeint ist und was nicht. Das Drehbuch hält sich streng an den Musical-Plot – und doch setzen Regie und Ausstattung (Alexandra Byrne, Andrew Pratt) in jeder Szene noch eins drauf: Es gibt mehr Bühnennebel als im Original, mehr Kunstschnee, mehr Kerzen im unterirdischen Palast des Phantoms. Und selbst das Monster (Gerard Butler) sieht rund um die Gesichtsmaske so attraktiv aus, dass Christine (Emmy Rossum) zunächst gar nicht abgeneigt scheint. Die ersten Szenen aber gehören Minnie Driver. Als superzickige Primadonna Carlotta setzt sie die Maßstäbe für alles, was in den folgenden zwei Stunden noch kommen wird. Verglichen mit dem Temperament dieser singenden Nervensäge ist der Operngeist ein fader Zeitgenosse, und sowohl die Intendanten Simon Callow (der Todesfall aus „Vier Hochzeiten“!) und Ciaran Hinds wie auch der Regisseur beschäftigen sich ganz offensichtlich lieber mit den Launen der Diva als mit den anmaßenden Forderungen des Phantoms. Wenn Mrs. Driver so richtig in Fahrt kommt, werden süße Erinnerungen wach an die hyperhysterische Medusa aus dem Zeichentrick-Klassiker „Bernhard und Bianca“ – und das Direktoren-Duo steht so feierlich-deppert daneben wie Schulze & Schultze aus den „Tim-und-Struppi“-Heften.

Überhaupt funktioniert die Dramaturgie hier genauso wie in den gelungenen Disney-Filmen: Das hohe Paar ist in seiner barbiepuppenhaften Perfektion nur deshalb auszuhalten, weil ihm diese schrillen Knallchargen gegenüber stehen. Das Liebesduett von Christine und Raoul (Patrick Wilson) auf dem Dach des Opernhauses, der Schwertkampf der Kontrahenten auf dem verschneiten Friedhof, der Showdown in den Gewölben der Opéra – die Schauplätze sind so kunstvoll-künstlich, die Lichtstimmungen so wattig, die Konturen so weich gezeichnet, dass die echten Schauspieler sanft hinübergleiten ins Reich der Comichelden.

Sogar der Sound ist unnatürlich-überirdisch: Bombastisch rauscht das Riesenorchester auf, wie man es in keinem Privattheater jemals zu hören bekäme. Da streckt dann selbst der Fan authentischer Opernpartituren die Waffen, gibt sich dem Rausch der Untiefe hin, staunend, wie schamlos hier einer die billigsten Tricks musikalischer Stimmungsmache ausschlachtet – und wie unglaublich effektvoll die Chose aufgeht. Das Warten hat sich gelohnt: Dieser 143-Minuten-Film bietet genau das, wonach Andrew Lloyd Webber bei der Komposition des Musicals stets gestrebt hatte: perfekten Kitsch.

In 20 Berliner Kinos, Originalfassung im Cinestar SonyCenter, untertitelte Originalversion im Odeon

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