Kultur : Willkommen in der Ich-Zone

Generation Trabant: Sie wollen keine Bewegung sein, aber ein Trend sind sie bereits – junge Ostautoren erzählen Geschichten aus ihrer Jugend

Norbert Kron

Von Norbert Kron

Die Zonenkinder streiten sich. Gerade hat der Buchmarkt sie zu seinen neuesten Helden erkoren. Sie werden von den Verlagen umworben und finden großen Anklang bei den Lesern, da wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, als Teil einer neuen Bewegung zu gelten. Dabei lässt es sich nicht leugnen: Eine ganze Schar jüngerer Autoren, allesamt in der DDR geboren und im Nachwende-Deutschland erwachsen geworden, haben in den letzten zwei Jahren ihre Jugenderinnerungen veröffentlicht. Jugenderinnerungen? In der Tat geht es der Generation der um die 30-Jährigen um die Frage: Wie wurden wir, was wir sind? Und die Antwort geben sie in Form von Erzählungen und Essays, in denen sie sich ihre Geschichten der 80er und 90er berichten.

André Kubiczek schildert in „Junge Talente“ die Tristesse banale der Prenzlauer-Berg-Bohème. Falko Hennig erzählt von Jugendträumen in der DDR, symbolisiert im Wunsch nach dem eigenen „Trabanten“. Jakob Hein versammelt in „Mein erstes T-Shirt“ skurrile Episoden aus Schul- und Familienalltag einer realsozialistischen Kindheit. Und schon die Titel vieler Bücher betonen die Identitätssuche der jungen Ost-Autoren in der Abgrenzung: „Denn wir sind anders“ (Jana Simon), „Ich aber bin hier geboren“ (Gregor Sander), „Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt“ (Andreas Gläser). Man muss kein Literaturexperte sein, um da einen neuen Trend auszumachen. Die „Literarische Welt“ jedenfalls rief als Antwort auf die Generation Golf sogleich die „Generation Trabant“ aus. Wer mag da widersprechen?

„Ich empfinde einen Trend als Abwertung“, sagt Jochen Schmidt, der mit seinem ersten Roman ebenfalls auf dieser Welle zu surfen scheint. „Mir war es immer wichtig, zu keinem Wir zu gehören, sondern ein Ich zu sein. Das ist keine Generation, sondern eher eine Zwangsgemeinschaft.“ Der 32-jährige Ostberliner, von Idiom und Mutterwitz her so etwas wie der literarische Sohn von Katja Lange-Müller, ist mit seinen Auftritten auf der „Chaussee der Enthusiasten“ zu einer festen Größe des Berliner Lesebühnenlebens geworden. In seinem komischen Roman lässt er sein Alter Ego Jochen Schmitt die ganze Lebens- und Liebesuntüchtigkeit Revue passieren, die den Prozess des Erwachsenwerdens in der Nachwendezeit kennzeichnete. Schmitt will Schriftsteller werden, versucht sich als Punkmusiker, reist in die Bretagne und nach New York, wo er mit den Frauen aber auch Schiffbruch erleidet.

Zurück bleibt er nach all den Jahren mit einer halbseitigen Gesichtslähmung. Dieses unfreiwillige Grinsen, das ihm als einzige Reaktion auf seine Orientierungslosigkeit bleibt, gemahnt an die letzte verlorene Instanz, die seiner Generation geblieben war. Wie unglaubwürdig die DDR auch geworden sein mochte, wie zweifelhaft der Anschluss an die Demokratie der BRD – es gab immer noch Heiner Müller, der ein grinsendes Bonmot zu jeder Lage der Nation parat hatte. Die Ostalgie kommt bei Schmidt also ironisch daher, wie es schon der Titel seines Roman formuliert: „Müller haut uns raus“.

Damit liegt Jochen Schmidt, keine Frage, voll im Trend. Dennoch beharrt der Autor darauf: „Dass diese Bücher jetzt herauskommen, heißt nicht, dass sie erst jetzt geschrieben werden. Das hieße Verlagspolitik mit Literaturgeschichte verwechseln.“ Die beste Bestätigung für diese These ist seine Generationskollegin Jana Hensel. In Leipzig gab die 26-Jährige die Literaturzeitschrift „Edit“ heraus, in der sie schon seit vielen Jahren die Manuskripte jener Ost-Autoren veröffentlichte, die nun en vogue sind. „Ich habe immer wieder bemerkt, dass die Texte sehr ähnlich sind. Alle handeln von der DDR, von Herkunftssuche, von der Auseinandersetzung mit dem neuen System. Da habe ich mich gefragt: Warum setzt sich nicht jemand hin und schreibt das resümierend auf – in Form eines erzählenden Essays?“

Das Resultat dieser Überlegung war das schmale Buch, das den jungen Autoren aus dem Osten ihren Namen gab: „Zonenkinder“. Ein schneidiger Begriff, aufgeworfen von einer klugen attraktiven Autorin mit rebellischem Haarschopf: Kein Wunder, dass Hensel von den Medien (bis hin zu Harald Schmidt und der Johannes B. Kerner-Show) bestürmt wurde und zur Bestsellerautorin avancierte. Doch ausgerechnet von ihren Altersgenossen, die sie unter dem „Wir“ ihrer Erinnerungen subsumiert, bläst ihr nun scharfer Gegenwind ins Gesicht. Die Art, wie sie die Anpassungssucht der pubertierenden Ost-Teenies im Nachwendewesten schildere, hält Jochen Schmidt für eine Fehlwahrnehmung der Sächsin: „In Berlin haben wir uns eher als was Besseres gefühlt. Man hat nicht versucht, wie ein Westdeutscher auszusehen – schon gar nicht wie die, die zu uns kamen. Das waren Hausbesetzer und Kiffer.“

Und nicht nur regionale und soziokulturelle Differenzen sorgen für Widerspruch – auch scheinbar unerhebliche Altersunterschiede bedingen entscheidende Erfahrungsabweichungen. So erinnert sich etwa der Publizist Jens Bisky, zehn Jahre älter als Hensel, an eine weitaus differenziertere Alltagswelt im Osten, als sie in der verkürzten und schlagwortartigen Nennung von DDR-Emblemen und -Begriffen durch Hensel aufscheine: „Das entspricht in etwa dem Bild, das die ,Junge Welt’ oder die Pionierzeitschrift ,Trommel’ von der DDR-Jugend gezeichnet hätte – mit etwas anderen Akzenten. Das ist zu glatt. Ein Designer-Ossitum.“

Ein verblüffendes Phänomen. Den Platz, den bis vor kurzem die Popliteraten aus dem Westen in den Medien einnahmen, haben nun die Zonenkinder inne. Nachdem ihre Erinnerungen und Fiktionen lange wenig Aufmerksamkeit bei den Lektoren fanden, stapeln sich ihre Werke nun zuhauf in den Buchhandlungen – übrigens zumeist von Westverlagen wie Piper, Beck oder Rowohlt verlegt. Aber siehe da, die Autorinnen und Autoren wollen diese Form trendiger Aufmerksamkeit um keinen Preis. Sie wollen sich nicht über einen Kamm scheren lassen – ja, sich nicht einmal in den Texten der Kollegen wiedererkennen. Selbst Jana Hensel räumt ein: „Die Wir-Form in meinem Buch ist eine bewusste Provokation, um die Leute anzustoßen. Wenn sie sagen, ich gehöre nicht zu dem Wir, dann fangen sie an, ihre eigene Geschichte zu erzählen.“

Das Bedürfnis, sich ihrer eigenen Biografie zu vergewissern, verbindet die Zonenkinder. Jana Hensel wollte sie mit ihrem Buch gleichsam „heraushauen“ – aber das Bedürfnis nach individueller Identität ist zu groß, als dass die letzte DDR-Generation sich dies von irgendjemandem, und sei es einer Altersgenossin, abnehmen ließe, geschweige denn von einem neuen Verlagstrend. Sie, die „jungen Talente“ und „stolzen Söhne des Proletariats“, mit ihren Träumen von „Trabanten“ und „ersten T-Shirts“, bestehen auf der Einzigartigkeit ihrer Geschichten.

Gewiss eignen sich für die Erinnerungsarbeit fiktionale Texte besser als essayistische – wie man es an Jochen Schmidts eigenwilligen, aber zuweilen belanglosen Jugenderinnerungen ablesen kann.

Auf ironische Weise sind die Zonenkinder damit vollends Teil der westlichen Ich-Kultur geworden. Indem sie auf die Singularität ihrer Erinnerungen beharren, fällt ihre Biografie dem allumfassenden Individualismus anheim. Nicht einmal die „Zwangsgemeinschaft“ der späten DDR-Geburt verleiht ihnen noch eine kollektive Identität, die sie vom Westprivatismus unterscheidet. Im Individualdenken sind sie genauso gleich wie ihre Altersgenossen aus dem Westen.

Hier steht keine „Generation Trabant“ gegen eine „Generation Golf“: Die um die 30-Jährigen teilen in Ost und West dieselbe Haltung zu Konsum, Kommerz und zur eigenen Biografie. Sie leben in einer monadischen Ich-Zone und verwenden ihre Herkunft als Spielmaterial, um sich eine lebenstüchtige Identität zuzuschreiben. Damit sie eine gute Figur machen – auf der „Chaussee der Enthusiasten“ oder der „Spiegel“-Bestsellerliste.

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