Kultur : Willkommen in der Lebebatterie

Matrix und Fanfan: Das 56. Filmfestival von Cannes startet mit einem Blick in die Zukunft – und einem Beispiel klassischen Popcornkinos

Jan Schulz-Ojala

Das Schöne an „Matrix I“ vor vier Jahren war, dass man sich über einen Actionfilm endlich auch einmal wunderbar den Kopf zerbrechen konnte. Der ebenso unerwartete wie phänomenale Welterfolg der jungen amerikanischen Gebrüder Larry und Andy Wachowski wirbelte seine Figuren in bis dato nie gesehenen Kung-Fu-Szenen durch die Luft und stellte zugleich, in einem popkulturellen Thesen-Mix aus Bibel, griechischer Mythologie und Science-Fiction-Klassikern von Stanislaw Lem bis Philip K. Dick den landläufigen Realitätsbegriff mit fast schon philosophisch zu nennender Strenge in Frage.

Was, wenn das, was wir Wirklichkeit nennen, eine von Maschinen am Computer erschaffene Fälschung wäre? Was, wenn die Menschheit, gefangen in gigantischen Lebebatterien, in einem kollektiven Dauertraum den Maschinen die Energie zum Funktionieren spenden würde? Und weiter: Verbringen nicht auch wir irgendwie real existierenden Menschen immer mehr Zeit in einer Art Matrix, am Tropf von Apparaturen also, die uns Realität teils vorgaukeln, teils massiv entziehen – vom guten alten Fernsehen übers Internet bis zu den Videogames? Sogar das Kino selber, Realitätsverzehrer par excellence, passte zu solcher Ideologiekritik; und dass ausgerechnet Kinomacher die Frage stellten, machte sie – und das Medium – gerade so unverwundbar wie die menschlichen Matrix-Helden Trinity, Morpheus und Neo.

Gar nicht mal verkehrt, dass da „Matrix Reloaded“ zeitgleich mit dem US-Start und eine Woche vor dem Deutschlandstart fast am Anfang des Festivals von Cannes steht – schließlich ist auch Cannes eine Matrix, ein zwar von Menschen gemachter, aber maschinell funktionierender Organismus, der für zwölf Tage sein nach Zehntausenden zählendes Publikum strukturell in Trance versetzt. Die wirkliche Welt dagegen, eine hässliche Welt: Eine Welt, in der etwa ein Generalstreik die Anreisenden daran erinnerte, dass sie einen lästigen eigenen Körper haben, den man zur Not via Zug durch Italien und mit dem Taxi von Ventimiglia ans Traumziel transportieren muss.

Pünktlich zu Festivalbeginn aber legten die Protestierer der wirklichen Welt einstweilen die Waffen nieder – und die Festivalgäste tauchten flugs in ihr Virtualparadies ein. In eine Traumstadt, übersät mit den „Viva il Cinema“-Plakaten der Schrift-Artistin Jenny Holzer, eine Hommage an das vor zehn Jahren gestorbene Traumgenie Federico Fellini. In ein Städtchen, durch das abends alle Männer plötzlich in Frackschwarz gehen, als seien sie der Matrix unmittelbar entsprungen. In ein Wuchermetropölchen schließlich, in dem ein Frühstück mit dem Allernötigsten schon mal 15 Euro kostet, und die Akkreditierten legen das Geld mit entrücktem Lächeln hin.

„Matrix Reloaded“ gab’s für Journalisten am Donnerstag sogar schon vorm Frühstück, in der 8.30-Uhr-Schiene, und der Film machte die Dämmernden zumindest zeitweise wach. Man darf sagen, gegen allen Hype und maschinell programmierten Welterfolg: eine Enttäuschung. Nicht nur, weil das geistige Setting und das Figurenarsenal – von Neo (Keanu Reeves) über Trinity (Carrie-Anne Moss) und Morpheus (Laurence Fishburne) bis zum diesmal vielfach geklonten, an den frühen Schwarzenegger erinnernden Agenten Smith (Hugo Weaving) – überwiegend bekannt sind; nein, der Film macht, abgesehen von einigen rasanten Action- und Massenszenen, auch bestürzend wenig draus. Die philosophischen und dramaturgisch notwendigen Fragen werden, eines der Grundübel des Actionfilms, auf lexikalisch magerstem und zugleich zeitraubendstem Niveau abgehandelt. Der Rest sind Special Effects – sie fraßen ein Drittel des 360-Millionen-Dollar-Budgets für die zusammen abgedrehten „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ (Start: 6. November) – und eben Kampf um Kampf, Kloppe an Kloppe.

Woran wird man sich zwei Tage nach der Erstbesichtigung von „Matrix Reloaded“ erinnern? An die Story, schlackerndes Bindeglied zwischen Teil I und III, wohl am allerwenigsten: Ein paar tausend menschliche Energiespender haben sich in eine riesige Innenerdhöhle namens Zion geflüchtet und sollen nun zur Strafe exterminiert werden, aber auf diesen Angriff der Maschinenwelt wartet man bis zum Schluss; stattdessen verpixelt sich der Film sofort in Szenen, eine Verfolgungsfahrt etwa, in der Trinity als Motorrad-Geisterfahrerin überzeugt, oder Neos – fraglos brillant digitalisierter – Kampf erst gegen ein, dann zehn, dann hundert Agenten namens Smith. Und da ist vielleicht noch Morpheus’ markerschütternder Durchhalte-Gottesdienst vor den ausnahmslos schönen Zionskindern, der in einen hübsch anzusehenden, riesigen Trommel-Rave mündet. Ansonsten registriert man mit einer gewissen Erleichterung, dass auch in Matrix-Welten die Kämpfer stets fein gewichstes Schuhwerk tragen, nie einen Tropfen Schweiß (und selten einen Blutes) vergießen und ihnen die bangenden Frauen vor der Schlacht unbedingt noch ein süßes Schmuckkettchen zustecken mögen. Darauf einen Eimer Popcorn, bitte!

Reines Popcorn-Kino, freilich von der öden, ja, ärgerlichen Art, ist auch der Eröffnungsfilm „Fanfan la Tulipe“, Gérard Krawczyks Remake des Christian-Jaque-Klassikers „Fanfan der Husar“ von 1952 – damals spielten der französische James Dean, Gérard Philipe, und die 25-jährige Gina Lollobrigida die Hauptrollen. Der Film dieses französischen Popcornkino-Regisseurs („Taxi“) richtet sich nicht an ein Festival-, auch nicht an ein Großstadtpublikum, sondern an französische Hinterwäldler, die seit 50 Jahren nicht mehr ins Kino oder, Gott bewahre, über ihren Heuschober hinaus sonstwohin in die wirkliche Welt gegangen sind. Die von Luc Besson produzierte Mantel-und-Degen-Schmonzette mit dem dauergrinsenden Vincent Perez und einer mäßig aufgelegten Penelope Cruz schleppt sich von Heu-Liebesszene zu Gerätenschuppen-Kampfszene dahin und bringt ihre Geschichte mit Witzen auf Kosten unter anderem von Schwulen, Polen und Deutschen über die Zeit. Man könnte Skandal schreien, wenn es nicht so belanglos und so traurig wäre. Nichts trauriger als eine Komödie, in der außer den Schauspielern niemand lacht.

Und das vielbeschworene Qualitätskino der in Cannes seit jeher hochgehaltenen und in Würde alternden Autoren? Nun, auch bei der Pressevorführung von Raoul Ruiz’ schweizerischer Satire „Ce jour-là“, auch sie sicher beißend komisch gemeint, verzog kaum jemand eine Miene. Dieser erste eigentliche Wettbewerbsfilm erzählt von der familienseitig eingefädelten Intrige gegen eine etwas verwirrte Milliardenerbin (madonnenhaft: Elsa Zylberstein); Pech nur, dass der zum Zweck ihrer Ermordung trickreich aus dem Irrenhaus befreite Serienmörder (Bernard Giraudeau) stattdessen die Familie massakriert. Ruiz empfiehlt sich damit einmal mehr als Epigone Bunuels und absolut humorfreier Bruder Chabrols, der mit Lesefrüchten von Ionesco bis Dürrenmatt (der englische Untertitel lautete auf „Darrematt“) zu imponieren sucht. Hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass der Surrealismus im allgemeinen, das absurde Theater im speziellen und ganz besonders das Postkutschenüberfallkintopp Geschichte sind?

So hatten wir uns die Matrix nun auch nicht vorgestellt, das Abheben in das schönste Paralleluniversum der Welt. Dann schon lieber Generalstreik. Damen und Herren Gewerkschafter gegen die Rentenpläne der Mitte-Rechts-Regierung: Haltet durch, lasst uns darben! Welcome to the real world!

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