Kultur : Willkommen in der Schattenwelt

Ein Schau-Spiel mit Raum für Assoziation: Robert Wilson inszeniert eine leere Bühne in der Berliner Galerie Nordenhake

Christina Tilmann

Wenn die Welt eine Bühne ist und wir die Spieler darauf, dann fühlen wir uns auf dieser Ebene recht unsicher. Der Boden knirscht unter den Schritten, gibt nach, bricht ein. Risse sind entstanden, an den Ecken scheint der Raum abzubröckeln. Fußabdrücke von Stilettos und breiten Absätzen beweisen, dass schon vor uns jemand da war. Und doch wirkt die Fläche auf den ersten Blick seltsam unberührt: eine Mondlandschaft.

Etwa zehn Zentimeter hoch hat der Künstler und Theaterregisseur Robert Wilson goldgelben Lehm gleichmäßig im zentralen Ausstellungsraum der Galerie Nordenhake verteilt. Das getrocknete Material ist brüchig geworden, aufgerissen und hat ein Ornament ganz eigener Art entworfen: ein feines Geflecht aus Rissen, mal dicker, mal dünner, verästelt, kreisförmig, netzartig. Man scheut sich zunächst, den Raum zu betreten, zu beschädigen, wo die Natur tätig war – und der Künstler zurücktrat. Die Installation hat etwas Archäologisches, wirkt wie eine Spurensuche nach längst vergangenen Lebenszeichen – und hat gleichzeitig etwas sehr Jungfräuliches.

Das Prinzip ist simpel – und komplex: Es stößt eine Vielzahl von Assoziationen an. Der Künstler und Filmemacher Andy Goldsworthy kommt einem in den Sinn und die Bescheidenheit, mit der er die Schönheit der Naturereignisse inszeniert. Oder Walter de Maria mit seinem legendären „New York Earth Room“ von 1977. Auch Yves Tanguys surrealistische Wüstenszenen sind nicht weit weg. Vor allem aber werden Erinnerungen an Theaterszenen wach: Die sturmgepeitschte Heide, durch die der wahnsinnige King Lear irrt, die Wüste in „Warten auf Godot“. In der Galerie Nordenhake ist eine Bühne ohne Darsteller zu erleben. Wilson bleibt immer ein Theaterregisseur – auch wenn er Kunst macht.

Von seinen verschiedenen Facetten kann man sich derzeit in Berlin überzeugen. Das Berliner Ensemble feiert Triumphe mit seiner Inszenierung von Büchners „Leonce und Lena“, von der Nordenhake einige Skizzen zeigt (je 4500 Euro): Wilson, der routinierte Theatermagier. Die Armani-Show in der Neuen Nationalgalerie wurde von ihm für die obere Glashalle adaptiert, als endlose Spirale im rigiden Raum: Wilson, der Raumausstatter. Und die Galerie Nordenhake zeigt – neben der Lehminstallation „On a clear day you can see your Mother II“ – auch das, was der Meister nach eigenem Bekunden am liebsten ist: Wilson, der Stuhldesigner.

Zwei Entwürfe, beide kleine Editionen, sind in den Galerieräumen zu sehen: Der beunruhigende Kafka-Chair, der auf drei Beinen schwebt und sein viertes wie einen Henkel – oder ein Käferbein – in die Luft streckt (mit der zur Installation gehörenden Nickel-Platte „There There There ... Is Is ...“ 16 000 Euro). Und der noch schönere „Hanging Chair (Freud)“ aus zartem Drahtgeflecht, der wie in einer von Wilsons Theaterinszenierungen schwerelos an der Decke hängt und einen filigranen Schatten wirft (15000 Euro). Fehlt nur noch Dr. Caligari, um ihn herunterzuholen. Wilson ist ein Künstler – auch wenn er Theater macht.

Galerie Nordenhake, Zimmerstraße 88-91, bis 3. Juni; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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