Kultur : Willkommen in der Zeitmaschine

Der WETTBEWERB ist ziemlich retro – und verrät, wie schnell wir uns vom 20. Jahrhundert entfernen

Jan Schulz-Ojala

Wir schreiben das Jahr 1907. Das Kino, erfunden von den Gebrüdern Eclair kurz nach der Französischen Revolution, hat seinen 100. Geburtstag schon lange hinter sich, und in der Hauptstadt des Deutschen Reiches feiert man die 75. Berlinale. Der Wettbewerb, von der großen „Vossischen“ bis zur bunten „Berliner Illustrirten Zeitung“ auch Kaiserdisziplin des Festivals genannt, eröffnet mit einem Biopic über das bewegte Liebesleben der französischen Romancière George Sand. Zu seinen weiteren Höhepunkten zählen die minutiöse kinematografische Nachstellung der Schlacht von Königgrätz, bei der Preußen Österreich 1866 vernichtend schlug, sowie eine britisch-russische Koproduktion über Napoleons Ende auf der Insel St. Helena. Stefan Süderberg beschließt das Festival mit seiner Coming-of-age-Story über den Maler Carl Spitzweg – und holt damit den begehrten Postkutschen-Sonderpreis.

Eine fiktive Zeitreise, klar. Eine (T-)Raumreise auch. Entrückend und vergegenwärtigend wie das Kino selber steht die Versuchsanordnung für das doppelte Fremdeln, das die Festivalbesucher vor exakt einem Jahrhundert befallen haben könnte. Ein irgendwie vertrautes Fremdeln, oder? In jenen Nullerjahren leben die Weltbewohner – zwischen Imperialismus und Kolonialismus, zwischen maroden Monarchien und marodierendem Proletariat – einer Explosion entgegen, die schon bald im Ersten Weltkrieg ihre Schreckensform findet. Nur: Sie haben noch kein Bewusstsein dafür. Zugleich entgleitet ihnen unmerklich jenes Jahrhundert, in dem sie doch biografisch zu Hause sind. Das Massenmedium Kino zeigt sich einstweilen fast hilflos retro: Der hier erfundene Berlinale-Wettbewerb jedenfalls fokussiert sich auf die Sammelgebiete historisch erledigter Konflikte und Biografien. Ein Filmfestival als bloße Geschichtsstunde aber, hätte wohl der Kritiker der „Vossischen Zeitung“ geschrieben, ist der pure Eskapismus.

Heute beginnt die – tatsächliche – 57. Berlinale, und ihre Filme, überwiegend Weltpremieren, sind naturgemäß zunächst Blanko-Verheißung. Manches aber deutet darauf hin, dass auch der Wettbewerb des Jahres 2007 in einer vergangenen Lebens- und Wertewelt verharrt. Dabei fremdeln auch wir schon den Katastrophen des noch so jungen Jahrhunderts entgegen, den Klima-, den Armutswanderungs-, den religionskriegerischen, den womöglich atomaren Katastrophen; und spüren zugleich, dass die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, seine Konflikte und Beben, zur Bewältigung der neuen Hindernisse immer weniger tauglich sind. Eine Berlinale-Programmierung mit reichlich Retro-Touch ist da riskant: Wer auf die Vergegenwärtigung der Gegenwart verzichtet, lässt das Vergangene bald mausetot erscheinen.

Geradezu akribisch macht die Zeitmaschine des Wettbewerbs an verschiedenen Punkten des 20. Jahrhunderts Station. Die knappe Hälfte der Filme jener immer noch Königsdisziplin genannten Reihe beharren auf der Gültigkeit des Gewesenen, und dort, wo sie politische Themen in ihre Mitte rücken, tun sie dies fast vollständig. Eröffnungs- und Abschlussfilm, beide aus Frankreich, funktionieren als glamouröse Klammer, im realen und fiktiven Künstlerinnen-Biopic. Erst die Piaf von den zwanziger bis zu den sechziger Jahren, dann François Ozons „Angel“, Verfilmung eines Romans von 1957. Ziemlich retro auch tönt der Slogan für dieses Jahrhundertwende-Dichterinnenporträt: „Erfolg, Ruhm, Liebe – ist das nicht zuviel für eine einzige Frau?“

Den Löwenanteil der Geschichtsfilme machen jene fünf Titel aus, die die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben oder jene Epoche, im Rundbogen des ausufernden period piece, zumindest streifen – von Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“, der seine mit „Anatomie“ gewonnene Spannungserfahrung ins KZ zu verlegen sucht, über die Kleineleute-Kollaborateursperspektive in Jiri Menzels Hrabal-Verfilmung „Ich habe den englischen König bedient“ bis zu Robert De Niros CIA-Gemälde („The Good Shepherd“), das ohne Bilder aus dem zerbombten Berlin, ohne fliehende Naziwissenschaftler und KGB-Agenten nicht denkbar wäre. Außer Konkurrenz kommt Clint Eastwoods (Anti-)Kriegsfilm „Letters from Iwo Jima“ hinzu, der die 62 Jahre zurückliegende Pazifikschlacht zwischen Japan und Amerika re-inszeniert. Bei all diesen Filmen wird zu fragen sein, wer aus seinem suggestiven Plot noch Wucht für das Heute zieht – und wer das zentrale Trauma des 20. Jahrhunderts, zwischen Rekonstruktion und Kintopp, nur auf seine Weise kinematografisch beerdigt.

Und jene Werke aus aller Welt, die historisch näher an unsere Gegenwart rücken? Auch sie behandeln, zumindest laut Papierform, abgeschlossene Epochen. Cao Hamburger leistet mit seinem Jugendlichenporträt aus der brasilianischen Militärdiktatur nachgetragene Erinnerungsarbeit. Bille August entdeckt mit „Goodbye Bafana“ Nelson Mandelas Gefängnisjahre fürs Kino – aber selbst die Apartheid der Weißen, die Südafrika für ein halbes Jahrhundert ins ideologische Mittelalter zwängte, ist mit dem Sieg des ANC seit 13 Jahren zumindest institutionell überwunden. Sogar Joseph Cedars „Beaufort“, scheinbar brandaktuell, behandelt eine zeitgeschichtlich exakt kartografierte Epoche: Es geht um die israelische Besetzung Libanons von 1982 bis zur Räumung vor sieben Jahren – der Bombenkrieg im Sommer 2006, der im Nahen Osten wieder alles auf Anfang setzte, kam für diesen Film zu spät.

Damit kein Missverständnis entsteht: Film ist immer auch Gedächtnisarbeit, und die jüngere Vergangenheit generiert als Stoffreservoir nach wie vor erinnerungstaugliche Werke. Nichts wäre zudem abwegiger, als das Kino zu hektischem Interventionismus zu animieren – erst letztes Jahr bot die Berlinale hierfür mit Winterbottoms „Road to Guantanamo“ ein ebenso lautes wie folgenloses Beispiel. Andererseits entgleitet das 20. Jahrhundert rasend schnell: Sollten die Filme- und Festivalmacher uns mit unserer gefühlten Heimatlosigkeit, indem sie fast manisch das Überholte ins Zentrum rücken, unfreiwillig ins 21. Jahrhundert treiben – schließlich muss der Mensch ja irgendwo und irgendwann zu Hause sein?

Im Berlinale-Wettbewerb scheint allein „Bordertown“ für jene mitunter brennende Virulenz zu stehen, die sich mit dem politischen Profil des Festivals verbindet. Gregory Navas amerikanischer Independent-Film lenkt den Blick auf eine turbokapitalistisch degenerierte Industriestadt an der Grenze Mexikos zu den USA: Dort sind in den vergangenen 15 Jahren über 300 junge Fabrikarbeiterinnen vergewaltigt und getötet worden, ohne dass Polizei und Justiz ernsthaft eingeschritten wären; 200 weitere gelten als vermisst. Hier führt, an einem neuralgischen Punkt moderner Armuts- und Ausbeutungsmigration, eine Männergesellschaft Krieg gegen die Frauen. Nicht aus ideologischem oder religiösem Fanatismus, sondern ungestraft und mörderisch und konkret. Ein Sciencefiction-Horrorthriller, der Realität entnommen: So roh ist das Jahrhundert, in dem wir längst angekommen sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar