Kultur : Willy Brandt: Der Patriot

Stefan Berkholz

"Eines wird man doch Herrn Brandt fragen dürfen", polemisierte Franz Josef Strauß im Februar 1961 in Vilshofen: "Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir gemacht haben." Das war der Ton in der damaligen Zeit, vor vierzig Jahren, deutschnational und durchaus stolz auf die eigenen "Verdienste". Das traf, immer noch, auf breite Zustimmung im Volk.

Brandt war ein Vertriebener, ein Heimatloser, von den Nazis ausgebürgert. Exilant in Norwegen und Schweden, aktiv im Widerstand: Als Kurier und Berichterstatter hatte er sein Leben riskiert im Kampf gegen Hitler. Zugleich hatte Brandt immer an das "andere" Deutschland geglaubt, seine Heimat nicht mit dem Diktator gleichsetzen wollen. Folgerichtig hielt er nach Kriegsende nichts von einer "Kollektivschuld". Brandt war ein gutgläubiger, ein optimistischer Patriot. Im Nachkriegsdeutschland wollte er wieder Position beziehen, Verantwortung übernehmen - im Westen wohlgemerkt, weil ihm liberale Verhältnisse mit Kommunisten ausgeschlossen erschienen nach seinen Erfahrungen im Exil. So hatte er auf den geforderten sozialistischen Umbruch nach Kriegsende verzichtet. Brandt wollte wirken, führen, Einfluss nehmen - und er setzte sich durch. Wurde populär und beliebt als Berliner Bürgermeister, brachte es im Oktober 1969 bis zum Bundeskanzler.

"Die deutschen Emigranten werden kaum eine ausschlaggebende Rolle bei der Reorganisierung der deutschen Gesellschaft spielen", hatte Brandt, so skeptisch wie realistisch, schon im Mai 1944 geurteilt. Er selbst wurde zur herausragenden Ausnahme. Diesem außergewöhnlichen politischen Leben wird nun mit einer ehrgeizigen, zehnbändigen Werkausgabe ein Denkmal gesetzt. Zum Auftakt sind Band zwei und Band vier erschienen, so etwas wie das Kernstück in Brandts Leben markierend: Abschied von Norwegen und Aufbruch vom Exil in Schweden, Texte aus den Jahren 1941 bis 1947 also; und Rückkehr, Wiedereinbürgerung und erste Stationen als SPD-Politiker in Deutschland, Texte von 1947 bis 1972, als Willy Brandt auf dem Höhepunkt seines politischen Erfolges stand. In den Bundestagswahlen vom November 1972 errang die SPD 45,8 Prozent der Stimmen - das beste Ergebnis in ihrer Geschichte überhaupt.

Zwei Vaterländer verloren

Weit reichende Prägungen sind bereitsin Brandts Exilzeit wahrzunehmen, es gab Festlegungen, die Bestand hatten in seiner politischen Karriere. "Ich habe im Laufe dieser Jahre zwei Mal mein Vaterland verloren", schrieb Willy Brandt im August 1943 in einem Offenen Brief, einer Verteidigungsschrift gegen kommunistische Denunziationen, und er stellte klar: "Ich arbeite dafür, zwei Vaterländer wiederzugewinnen - ein freies Norwegen und ein demokratisches Deutschland. Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können."

Als Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt, unterstrich er in seiner Dankrede erneut seine Grundsätze: "Der Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Es geht darum, Kriege abzuschaffen, nicht nur, sie zu begrenzen." Seit 1976 setzte sich Brandt als Präsident der Sozialistischen Internationale für eine weltweite Friedensordnung ein. In seiner Abschiedsrede von 1992 heißt es: "Wo immer schweres Leid über die Menschen gebracht wird, geht es uns alle an. Vergesst nicht: Wer Unrecht lange geschehen lässt, bahnt dem nächsten den Weg. (...) Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer."

"Zwei Vaterländer" - so lautet der Titel des zweiten Bandes. Er enthält 29 Dokumente, Briefe, Reden, Manuskripte sowie Auszüge aus Broschüren und Büchern jener Jahre. Brandt galt als einer der produktivsten und auch erfolgreichsten Autoren im schwedischen Exil. Im Mittelpunkt der Auswahl steht Brandts Auseinandersetzung mit antideutschen Positionen, die als "Vansittartismus" bekannt wurden.

Im vierten Band steht die politische Karriere Brandts im Mittelpunkt, sein bedeutender Beitrag zur Erneuerung und Modernisierung der SPD als "Volkspartei" wird hervorgehoben. Auch Interviews und Tagebuchaufzeichnungen Brandts kommen hier zum Abdruck sowie Dokumente anderer Personen, damit "ein möglichst vielfältiges Bild des Politikers Brandt" vermittelt werden kann, wie die Bearbeiterin Daniela Münkler in ihrer Einleitung schreibt.

"Mein Linkssozialismus schliff sich ab", beschrieb Brandt seine Position im Exil, seine Abkehr von der SAP, einer Splitterpartei der SPD: "Ich betrachtete mich als modernen Demokraten (und demokratischen Sozialisten, was ich nicht für einen Gegensatz halte)." Im Mai 1949 definierte er in einem Grundsatzreferat vor den Berliner Sozialdemokraten das, was er als demokratischen Sozialismus bezeichnete, nämlich das "Bekenntnis zur Freiheit und zum Humanismus, zum Rechtsstaat und zur sozialen Gerechtigkeit". Darauf beruhte nicht nur "das politische Handeln Brandts", schreibt Daniela Münkler, darauf "beruhte dann auch die Reformpolitik der SPD".

Der Weg an die Parteispitze

Die Texte dokumentieren Brandts Weg an die Spitze der Partei, seine frühen, bereits in den 60er Jahren formulierten Stellungnahmen zu ökologischen Fragen, sein Gespür für populistische Wahlkampfstrategien im Stile eines Kennedy, seine Medienpräsenz, seinen Kampf gegen Diffamierungskampagnen des politischen Gegners, seinen kollegialen, freundschaftlichen Überzeugungskurs im Kreis seiner Parteifreunde, seinen ungewöhnlich intensiven Austausch mit Intellektuellen und Künstlern.

Wie repräsentativ diese Auswahl ist, wird nur der beurteilen können, der den Überblick über das Gesamtmaterial hat. Immerhin weist Daniela Münkler in ihrer Einleitung auf Lücken im Archiv hin. "Trotz des umfangreichen Aktenmaterials", schreibt sie, "waren zu einigen zentralen Fragen keine Quellen aufzufinden". Als ein Beispiel nennt sie, dass Brandts vergebliche Bemühungen von 1954 und 1956, in den SPD-Parteivorstand gewählt zu werden, "weder in seinen Korrespondenzen noch an anderer Stelle - mit Ausnahme einer versteckten Andeutung - ihren Niederschlag" gefunden haben. Ob man nun "Bereinigung" zu Lebzeiten zu vermuten hat, bleibt offen.

Die Werkausgabe richtet sich an ein breites Publikum, grundsätzliche Texte sollten ausgewählt werden. Man kann sich ein erstes Bild vom Werk Willy Brandts machen, Kontinuitäten (und Wandlungen) dieses Politikerlebens erkennen. In sieben Jahren soll die Werkausgabe abgeschlossen sein. Durch die ersten beiden Bände eingestimmt, ist man gespannt auf das, was noch folgt.

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