Kultur : Wilmersdorfer Wüste

BODO MROZEK

Schatten flackern geheimnisvoll über den Vorhang, im Hintergrund klingeln einarmige Banditen.Aus dem Dunkel lösen sich zwei geisterhafte, mit Mönchskutten vermummte Gestalten, ein Diaprojektor verwandelt die Bühne ins Dorado der Glücksritter und leichten Mädchen: Welcome to Las Vegas! Dann fallen Vorhang und Kutten, es glitzern hautenge Bodies vor einer Galaxie spiegelnder Diskokugeln.Derart effektvoll inszenieren Joey Arias und Sherry Vine in der Bar jeder Vernunft ihren Auftritt.Schon der erste Song führt ins Thema des Abends: "Money makes the world go round!" Die New Yorker Drag-Queens sind back to Berlin und kreisen um das ewig aktuelle Thema des amerikanischen Traums, dessen Aufstieg und Niedergang ein Jackpot-Gewinn einleitet.

Sherry Vine, der große Blonde mit Barbiepuppenfrisur und bürstenhaften Wimpern gibt die verführte Unschuld vom Lande, die sich zum selbstverliebten Vamp mausert.Joey Arias, mit schulterlangen Handschuhen und lackschwarzer Betty Page-Frisur ist - wie könnte es anders sein - Sternchen und Star, Zicke und Dame zugleich.Damit sind die Pole des Genres auch schon bezeichnet, nicht mehr und nicht weniger weit reicht die Spannbreite des Travestieprogramms.Den Klangteppich legt die vierköpfige Jazzband, am Flügel glänzt Eliot Douglass.

Bei allem Glamour bewahren sich die Herren Damen eine genreuntypische Schlichtheit, die Kostüme sind zwar knapp und aufreizend, aber verhältnismäßig dezent.Im Vordergrund steht die Stimmgewalt, sanft vibrierend und bisweilen schrill variieren die zweifelhaften Ladys Standards à la Della Reese und Billie Holiday.Das Nichtraucher-Publikum muß zwischendrin ganz und gar nicht damenhafte Zoten über sich ergehen lassen, die Herren sind vor indiskreter Kontaktaufnahme mit den Stars alles andere als sicher.

"The cheep hot girls" träumen ihren Traum vom großen Bühnenglück.Der ist tatsächlich schon lange in Erfüllung gegangen, wie das beeindruckende Schaffen beider Multitalente auf dem Laufsteg (Thierry Mugler, Wolfgang Joop) und im Filmgeschäft (Joel Schumachers "Flawless") beweist.Hier ist nicht das Märchen vom Erfolg gespielt, sondern das einsame Elend, in das der Glitzerfaden der Story (Regie: Joshua Rosenzweig) final mündet: Am Ende beweinen sich zwei im Erfolg entzweite, verlassene und derrangierte Bühnen-Diven.Dann funkeln die Sterne kalt und blau, klimpert das Piano melancholisch und der Jazzbesen scheppert blechern.Spätestens jetzt ist man geneigt zu vergessen, daß das Spiegelzelt nicht in der Wüste von Nevada steht, und an den Ladys fast alles so echt ist wie die Wonderbras.

Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, bis 25.April, Dienstag bis Sonntag, 20.30 Uhr

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