
1993 - In weiter Ferne, so nah!
Die mit einem abgewandelten Walter-Benjamin-Zitat überschriebene Fortsetzung von „Himmel über Berlin“ verliert sich leider weithin in Rührseligkeit und einem kruden Thrillerplot. Doch diese 4 Minuten 10 sind stark und anrührend. Heinz Rühmann, bei der Premiere 91 Jahre alt, spielt in seiner letzten Rolle den Chauffeur Konrad, einen faltigen Alten mit Nickelbrille und Schirmmütze. In einer halb verfallenen Werkstatt spricht er, beobachtet von Otto Sander als Engel Cassiel, mit seinem Dienstwagen, einem Adler vom Baujahr 1938.
Die Szene ist das Gegenstück zum Auftritt von Curt Bois im „Himmel über Berlin“, der vergeblich auf einer West-Berliner Mauerbrache den alten Potsdamer Platz mit dem Haus „Vaterland“ suchte. Und eine Hommage an Helmut Käutners Trümmerfilm „In jenen Tagen“, in dem ein Horch durch die NS-Zeit bis in die Nachkriegsgegenwart kreuzte. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie das war, als du rauskamst“, sagt Rühmann und beginnt zu erzählen: der „Anschluss“ Österreichs, Einmarsch in der Tschechoslowakei, Kriegsbeginn.
Es geht, wie oft bei Wenders, um deutsche Geschichte, um Mauern, Schutt und Schuld. Rühmann hatte unter den Nazis Karriere gemacht - auch mit Propagandafilmen wie „Wunschkonzert“ und „Quax, der Bruchpilot“. Otto Sander kramt im Fußraum des Autos und zieht eine Schuhcremedose hervor, auf der ein Hakenkreuz prangt. Ein Symbol des Mitläufertums? Nein. In ihr steckt bloß ein alter Zahn. CHRISTIAN SCHRÖDER

1998 - Buena Vista Social Club
Ein festliches, bis auf den letzten Platz gefülltes Theater in den Augenblicken davor. Die noch leere Bühne. Stimmen. Raunen. Schemen. Wim Wenders filmt eine Musikerwartungsmasse im Halblicht. Wann wäre eine Masse schöner? So fängt das an. Schon manche haben diese Sekunden festgehalten: Ende der wirklichen Welt, Beginn der Musik. Aber so wie hier? Endlose Verzögerungen. Dann endlich die ersten Töne des „Chan Chan“, Schwenk auf die Uferpromenade von Havanna: Der Ozean wirft sich zum dunklen Schlag der Trommel auf den Malecón, gewalttätig und zärtlich zugleich. Gischt auf der Fahrbahn. Untergang? Aufgang?
Auch dieses Motiv – Atlantik auf dem Malecón – könnte man verbraucht finden. Aber das gilt nur für kleinere Regisseure. Originalität heißt nicht, etwas zum ersten Mal zu zeigen, sondern es wie zum ersten Mal zu zeigen. Wenders macht selbst den Ozean zum Komplizen seines Films. Einmal heißt es, Kuba sei ein Land voller Perkussionisten, die keine sind. Sie hätten „diesen sanften Anschlag, der so selten zu finden ist“. Wenders besitzt genau diesen Anschlag, in jedem Film neu, in jedem anders. Er ist ein Perkussionist des Kinos. KERSTIN DECKER

2000 - The Million Dollar Hotel
Ganz bestimmt ist „The Million Dollar Hotel“ kein Meisterwerk des Meisters. Erst 15 Jahre alt, scheint die damals leicht futuristisch gemeinte Geschichte um das Außenseiter-Narrenschiff in einem ramponierten Hotelkasten in L.A..sogar um ein Vielfaches gealtert. Und ganz üble Nachredner werden behaupten, der Film sei heute beim besten Willen allenfalls unter dem Einfluss jener bewusstseinstrübenden Drogen durchzugucken, die auch den meisten Figuren dieser cineastischen Freakshow das Hirn vernebeln.
Aber.
Da ist TomTom, der zarte Zappelphilipp und gute Geist der verarmten und verrückten Dauergäste. Und da ist die total verspulte Eloise, über die der schüchtern verliebte TomTom sagt, sie lebe nur tags in ihrem Körper, „und nachts überlässt sie ihn anderen“. Und da ist, nach ein paar dem lärmenden Ensemble weggestohlenen Annäherungen, eine scheu hingebrachte letzte Nacht. Kaum eine Minute dauert die Szene: Eloise liegt, Kopf am Fußende, auf dem Bett, TomTom sitzt am Boden, beider Köpfe schmiegen sich verkehrtrum aneinander, Eloise wispert was und krault dem wie elektrisiert Zuhörenden die Wange, und von draußen stürzt das Nachtlicht herein, als wär's ein Bild von Edward Hopper.
Nur diese Szene wiedersehen (und dazu die erste und die ziemlich letzte, die fast dieselben sind), das wäre es. Jeremy Davies und Milla Jovovich jedenfalls waren im Kino nie wieder so zart, so stark. Und so schön. JAN SCHULZ-OJALA

2015 - Every Thing Will Be Fine
Zur Magie wird ein Moment oft durch seine Überraschung. Ein plötzliches Ereignis – und vor den Filmfiguren und den Zuschauern tut sich ein Abgrund auf. Und der Abgrund schaut, wie Herr Nietzsche sagte, in uns zurück. Ebendiesen Augenblick existenzieller Verfremdung ruft die Schlüsselszene in Wim Wenders’ jüngstem Film wach. Der Schriftsteller Tomas fährt abends durch die kanadische Schneeeinsamkeit, als ihm vom Abhang bei einem erleuchteten Holzhaus ein Junge auf einem Schlitten jäh ins Auto fährt. Nur ein dumpfer Schlag, Tomas (James Franco) steigt aus, vor der Stoßstange des Pick-ups hockt der Bub, schreckensstarr, aber äußerlich unverletzt. Tomas bringt ihn und den Schlitten hoch zum Haus, und die Mutter (Charlotte Gainsbourg) in der Tür fragt: „Where is Nicolas?“ In ihren Augen spiegelt sich sofort alles Ungesehene, aber Geschehene. Gemeint ist der kleinere Bruder des geretteten Christopher – es war also ein zweites Kind auf dem Schlitten. Von nun an ist die schiere Handlung, alles Melodramatische, Elegische oder die überflüssige 3-D-Technik unwesentlich. Vielmehr liegt ein stiller Schrecken auch in den vermeintlich heilen Bildern: Verschwindet etwa ein Kind kurz auf einem Rummelplatz, ahnt man sofort, wie nah dem Glück auch die mögliche Katastrophe ist. Dies eher beiläufig zu erzählen, ist Wim Wenders’ Kunst. PETER VON BECKER
- Magische Momente
- Filme von 1993 bis heute

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