Kultur : Wim Wenders: Traum von der unverwundeten Erde

Jan Schulz-Ojala

Butte in Montana: ein gottverlassenes Nest. Und menschenverlassen, wenn Wim Wenders es fotografiert. Hier ist er letztes Jahr herumgereist, um visuelle, inspirative Connections zu knüpfen für seinen neuen Film, den er derzeit mit Sam Shepard schreibt und nächsten Sommer drehen will. Ein Familienepos, sagt er, mitten in der leeren Welt. Montana, eine Location-Suche und mehr: Ein paar Fotos hat er ausgesucht für die Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin, ein paarmal die rotweißgraue Siedlung namens Butte und dazu eine gewaltige Totale: abgeerntete Kornfelder, auf denen die gelben Ballen wie industriell gestutzte, riesige Erdmurmeln liegen, und dahinter sehr fern die Zackenlinie der Rocky Mountains. So leicht geht das, einige Bilder nur, und schon sehen wir uns ein in einen neuen Film. Dabei ist Wenders - ein Filmemacher, der zuallererst in Bildern denkt - Fotograf schon seit fast 20 Jahren, ausdrücklich abseits seiner Arbeit als Regisseur. Gerade so will er sich auch hier verstanden wissen: als einer, der versucht, "so weit wie möglich zu verschwinden" hinter den riesigen Fotos, die er von entsprechend beträchtlichen 6 x 17-Zentimeter-Negativen angefertigt hat; als einer, der mit der Panorama-Kamera loszieht, ohne Stativ, auf Wanderschaft meist an den Tagesrändern, aber immer unter einem Stück Sonne; als einer, der - anders als am Set, wo es um die erfundenen Geschichten geht und all das sonstige Menschengeräusch - allein ist mit den Dingen, allein mit den "Bildern von der Oberfläche der Erde". So hat Wenders die Berliner Schau mit den 34 Fotos genannt, und an den Mars und den Mond habe er denken müssen bei dem Titel, sagt er, vielleicht weil seine Bilder so menschenlos seien und die paar Ausnahmen von der Menschenlosigkeit dann "umso sprechender". Oh ja, Tel Aviv zum Beispiel, eine Hotelpromenade am Mittelmeer unter einem lila Abendhimmel, wie er lilaner gar nicht geht: Hier sind Menschen im Restlicht des Tages und Kunstlicht der Nacht, und sie sind - so häßlich, wie sie sind - schön. Oder der Baseball spielende Junge in den Straßen von Havanna, in dieser fast schon matt gesehenen Buena-Vista-Social-Clubwelt. Oder der anonyme Alkoholiker mit Cowboyhut, der die Tür zum Versammlungslokal in Paris, Texas aufschließt und dabei so etwas wie Wirklichkeit aufschließt mitten im gebauten Bild. Aber die Menschlein, seltsam aufrechte Säugetiere, verlaufen sich auf der Riesenhaut der Erde, die sich von Meteoritenkratern über Moosböden zu Wüstenpisten spannt, so rasend und bestürzend leer wie das Patagonien des Bruce Chatwin; oder sie atmet Stille in texanischen oder japanischen Interieurs, so still wie die Bilder Edward Hoppers, den Wenders seinen Lieblingsmaler nennt. Träume auf Leinwand, Träume von der unverwundeten Erde sind diese Bilder, so lange man ihnen nicht zu nahe kommt. Dann aber, dicht vor den mal quer, mal hochkant gestellten Breitwandpanoramen, sehen wir Grabsteine und wilden Müll in Jerusalem oder, noch einmal Montana, den indianischen Friedhof auf einem Acker im Wind. Holzkreuze stehen herum, grelle Keramikblumen blühen, Farbtupfer für die merkwürdigste Ewigkeit der Welt. So kann man malen, oder fotografieren, nur nicht filmen. Endlich Materie. Endlich Angekommensein. Und ein Aushalten ausprobieren vor den Dingen.

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