Kultur : Windgott mit Schwalbenschwanz

JOACHIM LANGE

Daß Jean-Philippe Rameaus letzte Oper fast zweihundert Jahre lang in der Versenkung verschwand, bis John Eliot Gardiner "Les Boréades" 1975 konzertant und dann in Aix en Provence 1982 szenisch wiederentdeckte, gehört zu den sonderbarsten Aufführungsgeschichten bedeutender Alterswerke.Rameau vollendete seine Boreaden 1762, zwei Jahre vor seinem Tod.Da mag das Grollen des großen Umbruchs schon seine Schatten vorausgeworfen haben und Rameau mit seinem Werk dem untergehenden Ancien régime zugerechnet worden sein.

Auch war Rameau mit dieser Komposition ganz bei sich selbst, ohne auf die Spielbarkeit Rücksicht zu nehmen.Sir Simon Rattle hat für das Orchestra of the Age of Enlightenment sogar einige Instrumente nachbauen lassen, um seine Vorstellungen von historischer Aufführungspraxis umzusetzen.Er belegte mit Sensibilität und Dynamik die Spielbarkeit dieses Meisterwerkes des französischen Barock.Aber nicht nur die Musiker, sondern auch die Protagonisten der Aufführung bewältigten die geforderte Virtuosität der Verzierungen und den französischen Sprachrhythmus der Rezitative.Vor allem Barbara Bonney als Alphise und Heidi Grant Murphy als Amor gelang das überzeugend.Das Verschwinden dieser Partitur war wohl eher Zufällen und nicht zuletzt der Dominanz anderer Entwicklungslinien der Oper geschuldet, ihre Wiederbelebung im Rahmen der Besinnung auf die Barockmusik in den letzten Jahrzehnten zwangsläufig.

Für "Pfingsten Barock", das 1999 zum zweitenmal Salzburgs Ruf als Festspielstadt zusätzlich unterstreichen soll, ist diese Oper prädestiniert.Erfreulich auch, daß man mit einer konzertanten Aufführung von Marc Minkowskis jüngster Pariser "Platée"-Produktion, die auf einer größeren Tour hier Station macht (und auch bei den Händelfestspielen in Halle Anfang Juni zu hören sein wird), gleich noch eine zweite Rameau-Oper erleben kann.Im Repertoire wird das die Boreaden wohl dennoch nicht etablieren.Schon der hohe Anteil von rein instrumentalen Zwischenspielen und Balletten und der für heutige Ansprüche an Musiktheater auffallende Mangel an Dramatik dürfte das, ungeachtet der delikaten Musik, verhindern.Und doch hat es der Stoff eigentlich in sich.

Immerhin rebelliert eine Königin gegen die traditionelle Ordnung, die ihr nur zwei Freier zur Auswahl läßt.Die sind zwar göttlicher Abstammung, doch ihr Herz gehört dem Außenseiter Abaris (Charles Workman).Ihre Aversion erweist sich als berechtigt, denn als sie sich öffentlich zu ihrem Geliebten bekennt und sogar auf ihren Thron verzichtet, wird sie von den "rechtmäßigen" Freiern, den Söhnen des Windgottes Borée, Calisis (Jeffrey Francis) und Borilée, entführt und massiv bedroht, nachdem der Papa mit einem Sturm das Land verwüstet hat.Daß diese Liebesaffäre auf ein Happy-End zusteuert, wird bald klar, denn mit den Liebenden verbündet sind keine Geringeren als die Götter Apollon (Roberto Scaltriti) und Amor.Die Menschen hängen wie Marionetten an Strippen, an denen letztlich die Götter ziehen.Daß göttliche Hierarchie das ordnende Prinzip bleibt, weil sich Abaris als Sohn Apollons herausstellt, dürfte die bourbonischen Zensoren versöhnt haben.Aber die Auflehnung gegen die Verhältnisse bleibt der Kern der wenn auch mageren Handlung.

Leider wird das in der Inszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann nur ganz vorsichtig angedeutet.Mit einem effektvoll stilisierten Barockoutfit bei den Kostümen kommen sie nicht allzuweit über das Decouvrieren der leeren Vergnügungsgesellschaft des französischen Absolutismus hinaus.Das hat Esprit und Spielwitz vor allem, wenn sich unter Borilées (mit komödiantischem Schmiß: Russell Braun) aufgetakelt knalligen Schwalbenschwänzen wirklich die Federn für ein aufgeplustertes Balzritual verbergen.Wenn die Höflinge sich spreizen und à la Lagerfeld mit ihren Fächern wedeln und gockeln, was das Zeug hält, wird das Leben zum bloßen Schein.Auch als sich die Liebenden am Ende finden, bleibt eine flott überspielte Traurigkeit und Melancholie der Leere im Raum.In diesem szenischen Porträt einer auf Vergnügung erpichten Gesellschaft, mit der die französischen Könige ihren Adel durch hochorganisierten Leerlauf bewußt beschäftigen, gelingt subtile Nähe zur Gegenwart.Aber die Revolte geht im silbrigen Konfettiregen und den Schaueffekten der Tänzer und Akrobatentruppen unter.So verpufft schließlich der potentielle Knaller des Stücks in der Inszenierung als ein Tischfeuerwerk des schönen Scheins.Die Choreographin Vivienne Newport hatte es schwer, im begrenzten Rahmen der Bühne des Kleinen Festspielhauses, dazu eingeengt durch die Wände des Pavillons, die Unmasse von Balletteinlagen einfallsreich über höfische Tanzfiguren hinaus zu bewältigen.Monsieur Jean (Lutz Förster) schafft als Tanzmeister und Spielführer Verbindungen, verselbständigt sich aber gelegentlich.Und auch die permanente Anwesenheit der Götter auf der Galerie nimmt dem Handeln von Abaris und Alphise jeden selbstbestimmten Sinn.Die Herrmanns präsentieren alles in allem eine Festspielproduktion, die es vermeidet, allzu viel zu hinterfragen und damit dem zahlungswilligen Publikum möglicherweise den Musikgenuß zu vermiesen - nach der Premiere reagierte es denn auch entsprechend begeistert.

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