Kultur : Windstille

Felix Losert

In Wahrheit war Salieri doch nicht der Mörder Mozarts. Christoph Spering führt mit dem Chorus Musicus Köln und dem Neuen Orchester ein neues Indiz hierfür vor. Er stellt ganz einfach das Requiem des damals berühmten Hofkapellmeisters Antonio Salieri gegen das des bettelarmen Außenseiters Wolfgang Amadé. Salieri hat sein Requiem seinem Testament beigelegt, und das Stück zeigt ein ganz bescheidenes, zurückhaltendes lyrisches Ich - nicht das eines Mörders. Immer wieder hebt Salieri mit empfindsamen Englischhorn-Soli den privaten Charakter des Stücks hervor. Nur selten tritt das vorzügliche Solistenquartett in Aktion. Olga Pasichnyk, Ann Hallenber, Tobias Rapp und Reinhard Mayr präsentieren die Floskeln mit einem so einheitlichen, leuchtenden Klang, als ob es sich um kunstvolle Madrigale handelte. Das Jüngste Gericht als ernste, aber keinesfalls unangenehme Veranstaltung - so malt es sich Salieri aus. Ein Glück, dass dann die Hölle noch einmal so richtig schön heiß gemacht wird, man darf beim "Requiem" schon mehr Dramatik erwarten.

Den Beginn von Mozarts Requiem führt Spering in spannungslosem Zeitlupentempo vor, dann gibt er aber mit dem "Dies irae" doch Zunder. Im "Recordare" können die Solisten ihre ausdrucksvollen, schlanken Stimmen voll entfalten. Und zuletzt macht Spering auch aus dem wiederkehrenden "Requiem aeternam" eine ordentliche Sturm-Musik.

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