Winnetou August : Buhl gelingt herausragendes Romandebüt

Flucht durch Schlesien: Theodor Buhls herausragendes Romandebüt "Winnetou August" ist wegen seiner erzählerischen Qualitäten weit mehr als ein wertvolles Kapitel der oral history.

von
Untergegangen in Ruinen. Dresden nach dem Bombardement der Allierten im Februar 1945. Foto: bpk/Bayerische Staatsbibliothek Foto: bpk / Bayerische Staatsbibliothe
Untergegangen in Ruinen. Dresden nach dem Bombardement der Allierten im Februar 1945. Foto: bpk/Bayerische StaatsbibliothekFoto: bpk / Bayerische Staatsbibliothe

Als W. G. Sebald Ende der 90er Jahre mit seiner Polemik „Luftkrieg und Literatur“ den Nachkriegsautoren ihr Versagen bei der Vergegenwärtigung des Flächenbombardements deutscher Städte vorwarf, war die Kontroverse groß. Im Blick auf Gert Ledigs Roman „Vergeltung“ musste damals schon Sebald seinen Standpunkt relativieren. Ledigs Roman war 1956 erschienen, aber sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Reihen der Gruppe 47 auf wenig Gegenliebe gestoßen, obwohl er in seiner illusionslosen Schilderung des Grauens im Vernichtungskrieg schon Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“ vorwegnahm.

Offenbar wollte eine Zeit, die unentwegt in die Zukunft stierte, nicht Traumata vorgehalten bekommen, die das Fundament, auf dem der neue Reichtum wucherte, noch brennen sahen. Dies mag mit ein Grund sein, weshalb Theodor Buhl so lange geschwiegen oder gezögert hat, seinen Roman „Winnetou August“ zu veröffentlichen. Weite Strecken, so der Verlag, lagen bereits Anfang der achtziger Jahre vor und sind bereits in Buhls Korrespondenz mit Heinrich Böll und Peter Rühmkorf diskutiert worden. Warum also erst jetzt das Buch?

Theodor Buhl ist kein zweiter Gert Ledig, weder was seine Generation noch seine konkrete Thematik betrifft. Dennoch gibt es neben der späten Ehre, die Ledig gerade noch erleben konnte und die Buhl lange und ausgiebig zuteil werden möge, Parallelen zwischen beiden. Ledig (1921-1999) hatte mit „Stalinorgel“, „Vergeltung“ und „Faustrecht“ ein Triptychon zu Krieg und Nachkrieg verfasst und seitdem geschwiegen.

Der 1936 geborene Buhl erzählt in einem einzigen Roman von derselben Periode, doch Perspektive und Abstand des Erzählers zum Erzählten sind völlig anders. Bei einem, der sich so viel Zeit gelassen hat, um an die Öffentlichkeit zu treten, darf man getrost von einem Lebensthema sprechen, das diese Seiten trägt. „Winnetou August“ ist also ein Lebensroman,der im Kern die Jahre 1944 bis 1946 aus der Perspektive des damals acht- bis zehnjährigen Jungen „Rudi“ erzählt, mit seiner Odyssee zwischen dem schlesischen Lublinitz ins Dresden des 13. Februar 1945 und zurück ins schlesische Reichenau, Bunzlau, Plagwitz unter russischem und polnischem Kommando bis zur Vertreibung in die britische Zone.

Ohne autobiografische Veranlassung wären Passagen wie die von der irrwitzigen Ochsentour durch das besetzte Schlesien kaum denkbar: „Die endlosen Chausseen im Sonnenlicht. Vorn an der Deichsel Willy im Geschirr und hinten links und rechts an ihren Rungen August und Elfriede – und ich in der Mitte, die Hände am Brett – durch Baumgarten, Würgsdorf und über die Wüthende Neiße – an Vogelheerd, Nimmersath, Ketschdorf entlang und ins Katzbachgebirge. August kennt sich aus, der hat von Martin eine Karte mit – die geht nicht bis nach Bunzlau hin, aber fast die halbe Strecke. Den Rest hat August ‚sowieso im Koppe’.“

Wo gibt es noch solche plastisch aus der Schrift tretenden Sätze in der deutschen Nachkriegsliteratur, die einen buchstäblich mitnehmen auf die Spuren der Vertreibung? Genau wegen seiner erzählerischen Qualitäten ist „Winnetou August“ weit mehr als ein wertvolles Kapitel oral history, das zum Zeugnis für die Nachgeborenen schnell noch aufgeschrieben worden ist.

Immer ist da auch dieses andere, heutige Ich anwesend, das natürlich die dem Kind damals unbekannten Fakten und Zusammenhänge reflektiert hat und gar nicht erst versucht, uns die Illusion einer ‚dummen’ Jungenweltsicht vorzugaukeln. Lieber schreibt dieser Erzähler, während er unablässig die Vergangenheit ganz nah, wie unter einem Brennglas, ins Tempus der Gegenwart heranbefördert, von „man“, wo er „ich“ meint – denn zwischen Heute und Damals liegt die Distanz der Erinnerung, die auch dem Erzähler seine eigenen Erlebnisse wie fremde vorkommen lässt.

Da ist vom brennenden Dresden die Rede, aber mehr als der Anblick der zerstörten Stadt schmerzt den Jungen der Druck, mit dem ihn ein SA-Mann an den Armen zum Fenster hebt; oder Willy, der ältere Bruder, hat das verkohlte „Farbfoto-Buch vom Zoo“ aus dem Schutt geklaubt, wo vom Besitzervermerk nur noch die Initialen „fuhs“ übrig geblieben sind, und zwischen den Brüdern entspinnt sich ein geheimer Wettlauf im Lesen, der in den konkurrierenden Karl-May-Lektüren beider – mitten während der Vertreibung – seinen Höhepunkt findet. „Winnetou August“ ist ein Roman, der spät, dafür mit umso größerem Nachdruck eine Lücke in der deutschen Nachkriegsliteratur schließt. Aus Buhls Generation – die zu jung war, um am Krieg teilzunehmen, und alt genug, um ihn ‚für sich’ zu erleben – gibt es wenige Bücher, die sich so in die Voraussetzungen ihres Größerwerdens hineinbegeben. Wenn all diejenigen, die nach der Gegenständlichkeit von Literatur rufen, hier nicht zugreifen, sind sie selber schuld.

Theodor Buhl, der in Düsseldorf lebt und bis zu seiner Pensionierung in der Deutschlehrerausbildung tätig war, verfügt über einen schneidenden Humor und einen manchmal an Céline gemahnenden Sarkasmus, der die Worte der Großen im Innenspiegel der Heranwachsenden als die hilflosen Floskeln bloßstellt, die sie sind.

Die noch nicht für voll Genommenen durchschauen ohne Umschweife die Ausflüchte ihrer Erzeuger: „Elfriede sprach von solchen Sachen nur im Notfall – wenn gründlich waschen an der Reihe war. Schnips hieß das Ding bei ihr, auch Dingrich. Sie sprach dann immer etwas hastig. August sagte anfangs Glied. Als wir älter wurden, nannte er es Pfeife - oder Bottel und Johannes. Bei Flinte wusste man, dass er getrunken hatte. Im letzten Stadium des Suffs hieß es Familienstrunk. Dann ging August nicht mehr kurz aufs Klo, sondern den Familienstrunk auswinden – durch die Zähne, aber gut verständlich.“ Es ist derselbe August, Vater des Erzählers, doch immer nur mit Vornamen benannt, aus dessen linkem Arm 1914 in Frankreich die verkrüppelte „Knoche“ wird, mit der er die Familie durch die ganze Misere dirigiert. Derselbe August, der 1918 in die USPD, später in die SPD eingetreten war und 1937, um Inspektor einer Irrenanstalt zu werden, sich als NSDAP-Mitglied hatte einschreiben lassen. Derselbe, der sich und seine Söhne im polnisch gewordenen Schlesien mit Büchern aus einer verlassenen Wohnung verproviantiert – mit dem „Untergang des Abendlandes“, der „Römischen Geschichte“ und „Winnetou“.

Die Nachgeborenen unter den Autoren, mögen sie wie Gert Loschütz oder Reinhard Jirgl zu den Älteren oder wie Marcel Beyer zu den Jüngern gehören, hätten das erfinden müssen. Nun wird man Theodor Buhl, der all dies miterlebte und über Jahre hinweg in eine unverwechselbare Form brachte, mit ihnen gemeinsam und noch vor ihnen nennen müssen.

Theodor Buhl: Winnetou August. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2010. 320 S., 19,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben