• Winter in Prag – als sie Madlenka war: Madeleine Albright schreibt ihre tschechische Familiengeschichte auf

Winter in Prag – als sie Madlenka war : Madeleine Albright schreibt ihre tschechische Familiengeschichte auf

Die frühere Außenministerin der USA, Madeleine Albright, hat ihre tschechische Familiengeschichte aufgeschrieben. In Wirklichkeit ist der 500 Seiten lange Roman aber eine Liebeserklärung an Tschechien und seine glorreiche Vergangenheit.

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Madeleine Albright unterzeichnet die holländische Fassung ihres Buches "Winter in Prag" in Den Haag.
Madeleine Albright unterzeichnet die holländische Fassung ihres Buches "Winter in Prag" in Den Haag.Foto: dpa

Die Tschechen hatten sich schon daran gewöhnt, dass im Prager Caféhaus auf einmal Madeleine Albright auftaucht, die frühere Außenministerin der USA. Mit Vaclav Havel hat sie sich oft getroffen, auch mit vielen anderen einstigen Dissidenten. Madlenka Korbelová hieß sie einst, bevor sie mit zwölf Jahren mit ihren Eltern nach Amerika emigrierte, und weil sie nach dem Ende ihrer Amtszeit oft in Prag war, gehörte sie für viele Tschechen irgendwie dazu.

„Der Winter in Prag“ ist offiziell eine Art Familiengeschichte, aber in Wirklichkeit eine 500 Seiten lange Liebeserklärung an Tschechien und seine glorreiche Vergangenheit. Der Ausgangspunkt für Albrights Recherchen ist ihre tragische Familiengeschichte: Dass ihre Großeltern in Auschwitz ermordet wurden, dass fast zwei Dutzend ihrer Verwandten in den Konzentrationslagern starben – das haben ihr die Eltern nie erzählt. Albright erfuhr es Ende der 90er Jahre, damals schon bekannte Politikerin, aus dem Brief einer alten Dame aus Tschechien, die sich an ihre Großeltern erinnerte. Danach versuchte sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei gibt es wohl nur wenige Familienforscher, die so viel Wirbel auslösen: „Da ich wegen meiner Kandidatur für das Amt der Außenministerin eine Sicherheitsüberprüfung durchlief“, schreibt sie, „informierte ich auch Präsident Clinton und seine engen Berater“. Albright war damals 59 Jahre alt und musste alles, was sie über ihre Familie zu wissen glaubte, revidieren. Das ist der Moment, an dem die Recherche zu „Winter in Prag“ beginnt.

Dabei ist das Buch zu einer einzigen langen Antwort geraten – auf die Frage, was passiert, wenn einem Menschen mit einem Schlag alte Gewissheiten abhanden kommen. Madeleine Albright reagiert mit einer Überidentifizierung, mit einer Glorifizierung des Landes, das einmal ihre Heimat gewesen ist. Das Buch changiert deshalb zwischen allen möglichen Ansprüchen: Über die weiteste Strecke erzählt Albright in ihm die Geschichte der Tschechoslowakei im 20. Jahrhundert, zurückreichend in die Jugend ihrer Eltern und Großeltern. So sehr versenkt sie sich in diese Betrachtungen, dass das Vorhaben des Buches – eine persönliche Erinnerung an ihre Kindheit in Prag – fast zum Randaspekt gerät.

Die Reise durch die Zeitläufe beginnt Madeleine Albright in ihrer Garage. Ihr Vater war Diplomat, er diente in der ersten tschechoslowakischen Republik als Botschafter und dann während der deutschen Besetzung unter der Londoner Exilregierung. Aus seinem Nachlass stammten die Kisten, die Albright in ihrer Garage findet. „Da waren etwa die Originalentwürfe der Vorträge, die mein Vater über die Persönlichkeiten gehalten hatte, für die er besondere Bewunderung hegte: Tomas G. Masaryk, den Gründer der modernen Tschechoslowakei, und seinen Sohn Jan, den ehemaligen Vorgesetzten meines Vaters.“ Anhand dieser Dokumente rekonstruiert Albright die Vergangenheit – weniger die Familiengeschichte als vielmehr die große Politik. Wenn es um die Erste Republik geht, dann um die krisengebeutelte Zeit rund um das Münchner Abkommen, in dem die Aufspaltung des Landes diktiert wurde, dann spricht aus Albrights Zeilen die Stimme ihres Vaters: Seine Bewertungen macht sie sich über weite Strecken zu eigen – auch wenn es um die Exilregierung geht, die kommunistische Machtübernahme oder, in abgeschwächter Form, die Vertreibung der Sudetendeutschen. Es ist ein verklärender Blick, über den Albright in ihrem Buch den wesentlichen Sprung versäumt: Herunter vom privilegierten Beobachterposten des Elitediplomaten in das Leben ihrer Familie. Über die letzten Jahre ihrer jüdischen Großeltern ist nur wenig bekannt, das wird in dem Buch immer wieder deutlich, so dass sich Albrights Spurensuche auf wenige Begegnungen mit alten Weggefährten der Verwandtschaft beschränkt oder auf Besuche in den alten Familienwohnungen.

Wenn die Madeleine von heute über die Madlenka von damals schreibt, bleibt sie oft im Atmosphärischen. Was sie als kleines Mädchen damals in Prag erlebt hat, liegt nach den vielen Jahrzehnten unter einer dichten Nebeldecke. Was bleibt, ist die dunkle Erinnerung an ein Lebensgefühl, an eine lang vergangene Epoche.

Madeleine Albright: Winter in Prag. Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg. Siedler Verlag, München 2013. 544 Seiten, 24,99 Euro.

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