Winteroper Potsdam : Judiths Furor

Die 10. Potsdamer Winteroper: In der Friedenskirche am Schlosspark Sanssouci gelingt Regisseur Jakob Peters-Messer mit einem jungen Solistenteam eine packende Inszenierung von Mozarts Jugendwerk „Betulia liberata“.

von
Szene aus "Betulia libarata" mit (v.l.n.r.) Robin Johannsen (Amital), Anicio Zorzi Giustiniani (Ozìa, auf der Leiter), Michael Ihnow (Chronist), Bettina Ranch (Giuditta) und dem Chor
Szene aus "Betulia libarata" mit (v.l.n.r.) Robin Johannsen (Amital), Anicio Zorzi Giustiniani (Ozìa, auf der Leiter), Michael...Foto: Stefan Gloede/Hans Otto Theater

Als sich Judith auf den Weg macht, um Holofernes zu enthaupten, weht ihr der kalte Hauch des Todes entgegen. Und zwar ganz real: Bei der Aufführung der Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche am Schlosspark von Sanssouci wird in diesem Moment nämlich die Mitteltür geöffnet – so dass jeder einzelne Zuhörer die von draußen einströmende Eisluft am eigenen Körper spürt.

Es ist der stärkste Effekt einer an intensiven Bildern reichen Inszenierung von Mozarts Jugendwerk „Betulia liberata“, die Regisseur Jakob Peters-Messer mit einem tollen jungen Solistenensemble erarbeitet hat. Zum 10. Mal findet nun schon die Potsdamer Winteroper statt – und erinnert daran, dass die Hauptstadt des Landes Brandenburg einst eine viel reichere Kulturszene hatte als heute. Koproduzenten sind das Hans Otto Theater, dem in den 90er Jahren seine Musiktheatersparte weggespart wurde und das nun die Bühnenlogistik bereitstellt, sowie die Kammerakademie Potsdam, jene klein besetzte Musikerformation, die sich die Stadt noch leisten mag, nachdem sie ihr Sinfonieorchester just in dem Moment aufgelöst hatte, als es 2000 mit dem neu erbauten Nikolaisaal eine angemessene Spielstätte gehabt hätte.

An die bitteren Zeiten des Kaputtkürzens aber denkt während der Aufführung in der Friedenskirche keiner. Dazu sind die Zuhörer zu sehr gefesselt von der alttestamentarischen Geschichte: Die jüdische Stadt Betulia wird von den Assyrern belagert, die Wasservorräte neigen sich dem Ende zu. Doch was tun die Männer? Sie lesen religiöse Schriften und vertrauen auf Gottes Hilfe. Die Aktiven in dieser „azione sacra“, die der 15-jährige Mozart auf ein Libretto von Pietro Metastasio komponierte, sind die Frauen: Amital, eine junge Mutter (mit packender Leidenschaft gesungen von Robin Johannsen), die versucht, das Stadtoberhaupt Ozia (sanftstimmig: Anicio Zorzi Giustiniani) endlich zum Handeln zu bewegen. Und Giuditta, also Judith, gespielt von Bettina Ranch, die ihrem Alt beeindruckende, aus dunkler Seelentiefe hinaufgurgelnde Töne entlocken kann, und die den Furor der Judith sowie ihre Verwirrung nach der Bluttat so expressionistisch-stummfilmmimisch spielt, dass man an die „Zauberflöten“-Formulierung vom „Tigertier“ denken muss.

Die Kammerakademie Potsdam interpretiert die Partitur des Frühreifen auf ideale Weise

Drei schmale Spielstege stehen Chor und Solisten auf der Dreiecksbühne von Markus Meyer zur Verfügung, dazu Auf- und Abgänge durch das Kirchenschiff. Für Jakob Peters-Messer genug Platz, um packendes Erzähltheater zu machen. Vor dem Blickfang eines gigantischen Saurierskeletts, das sich über die hohe Rückwand der provisorisch in den Sakralraum gebauten Szenerie schlängelt, gelingt es dem Regisseur, die Balance zwischen symbolischem und filmrealistischen Agieren zu halten. So wie auch Mozarts Musik mal nach hinten schaut, wenn sie sich an einer Rhetorik à la Händel orientiert sowie am dreiteiligen Schema der barocken Da-Capo-Arie, und mal weit in die Zukunft, wenn Judith ihre ungeheuerlichen Gefühle eben nicht im Korsett einer fest gefügten, konventionellen Gesangsform auslebt, sondern in faszinierender, freier Klangrede, in rezitativischen Monologen, die so psychologisch wie möglich der Wahrheit des Worts folgen.

Chefdirigent Antonello Manacorda und die in historischer Aufführungspraxis versierte Kammerakademie Potsdam vermögen die Partitur des Frühreifen auf ideale Weise zu verlebendigen, mit Verve, ja durchaus auch mit Schärfe in den bewegten Passagen, mit großer Intensität im Kontemplativen. Dem noblen Schwarz-Weiß des eleganten Kirchenraums, dem sich auch die Ausstattung der Inszenierung anpasst, setzten die Musiker die leuchtende Farbigkeit ihres Klangs entgegen, und verleihen so den Gefühlsausbrüchen der Sänger zusätzliche Kraft, treiben die Handlung mit heißem, drängendem Puls vorwärts. Ein großer Musiktheaterabend.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben