Kultur : Winterreise

„Zemestan“: Kino-Ballade aus Iran

Christiane Peitz

Ein Haus am Bahndamm, ein Mann, eine Frau, ein Kind. Der Mann fährt weg mit dem Zug, weit weg, auf der Suche nach Arbeit. Ein anderer Mann taucht auf, auch er sucht Arbeit und findet das Haus, die Frau, das Kind. Er heißt Marhab, das bedeutet „Willkommen“. Arbeitsmigranten nennt man solche Leute im Zeitalter der Billiglöhne. Marhab (Ali Nicksolat) läuft sich die Hacken ab für einen Job, trotzig und zäh, dabei ist er gar kein Malocher und will lieber Spaß, wie er im Männerwohnheim erzählt. Dann plagt er sich ab an der Werkbank und wird monatelang nicht bezahlt. Der junge iranische Regisseur Rafi Pitts hat den lebensmüden Gesichtern der Arbeitssuchenden ein neorealistisches Kinopoem gewidmet: „Zemestan“ ist eine schmerzlich-schöne Winterreise, ein Klagelied auf die Armut, die Erschöpfung, die Kälte, das Fremdsein. Wenn Marhab durch die leeren Gassen mit den verschlossenen Garagenwerkstätten läuft, wenn seine Gestalt sich unter dem Funkenflug des Schweißgeräts duckt oder in der verkrusteten Schneelandschaft zum Stillleben gefriert, könnte die Welt nicht abweisender sein. Und dein Atem, heißt es im Off-Gesang, wird zur dunklen Wolke, die sich auftürmt wie eine Mauer.

Menschen, Maschinen: die endlos rollenden Güterzüge, die lärmenden Trucks auf der Fernstraße, verkarstete Landschaft, klirrende Kälte, gleichgültig gurrende Tauben – Pitts’ Provinzdrama ist viel zu schroff, um in die Falle der Elendsfolklore zu tappen. Zwar wünschte man sich als Gegengift zu all der Erstarrung eine Prise Humor, sanft oder schwarz, wie es das nicht nur bei Meistern wie Abbas Kiarostami, sondern auch im jüngeren iranischen Kino durchaus gibt. Und warum dürfen die Männer leiden und protestieren, während die Frauen immer nur leiden und reagieren? Aber die emblematischen Bildkompositionen, die kurze helle Hoffnung, als die Frau mit dem Kind sich von Marhabs Werben aufmuntern lässt, und die dokumentarische Genauigkeit, mit der „Zemestan“ den Strudel der Vergeblichkeit erfasst, prägen sich ein – als Chiffren für die düsterste Seite der Globalisierung.

„Ich bin Mechaniker“, sagt Marhab, „ich repariere alles. Das ist doch sinnlos: Dass man ein Handwerk beherrscht und keine Arbeit hat.“ Eine stille, radikale Anklage, ein Teufelskreis. Auch Marhab muss schließlich weg und wartet auf den Zug, mitten im Schnee, diesem bleichen Gevatter. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Eine letzte, verzweifelte Aussicht. Christiane Peitz

OmU. In den Berliner Kinos fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben