Kultur : Wippe im Pocketpark

FRANK PETER JÄGER

Sie wirken im Verborgenen, die Meister von Landschaft und Gärten.Als dritte große Disziplin der Umweltgestaltung erfährt die Landschaftsarchitektur nur selten ein breites Publikumsinteresse, etwa bei spektakulären Planungen wie dem IBA-Emscher-Park.Dagegen treten Architekten und Städtebauer mit allenthalben spektakulären Entwürfen häufig ins Rampenlicht, und entfachen dabei in schöner Regelmäßigkeit lebhafte öffentliche Debatten.

Der zeitgenössischen europäischen Landschaftsarchitektur ein Forum zu schaffen, war das Ziel eines vor sieben Jahren gestarteten publizistischen Projektes des Callwey-Verlages: "Topos" ist der Titel einer Zeitschrift, die seit 1992 vier mal jährlich herauskommt, kürzlich erschien das 25.Heft.Die Ausgaben sind sorgfältig gestaltet und so umfangreich, daß sie eher den Charakter eines Bildbandes haben als den einer Zeitschrift.

Jede Nummer stellt etwa ein Dutzend Projekte aus ganz Europa vor.Was Landschaftsgestaltung ist, wird dabei absichtlich weit gefaßt: Das Heft vom September 1997 thematisiert zum Beispiel "Gestalten mit Licht".Natürlich finden sich darin auch Beleuchtungskonzepte für Fußgängerzonen und Parks.Doch schon einige Seiten weiter werden solche alltagsbezogene Projekte konterkariert von den eigenwillig entrückten Landschaftsinszenierungen der Künstlerin Magdalena Jetlova.Sie fuhr nach Island, um die Grenze zwischen der amerikanischen und der europäischen Kontinentalplatte mit Laserstrahlen zu markieren.Geblieben sind von dieser Aktion schwarzweiße Bilder einer düsteren, felsigen Steppe, durchzogen von einem gleißend hellen Lichtfaden, der sich an Felsen und Geysierkratern bricht.Ein anderer Künstler schlägt vor, die Mole an der Hafeneinfahrt von Rotterdam als Merkzeichen des Hafens in einen fluoriszierenden Leuchtkörper zu verwandeln: Ein Leuchtbein ruht flach über dem Wasser, das andere ragt schräg empor bis in zwölf Meter Höhe.

Landschaftsarchitektur begreifen die Topos-Macher als eine umfassende Gestaltungslehre des Raumes, die Gartenkunst, Platzgestaltung, die Verschränkung von Architektur und Landschaft ebenso einschließt wie das kunstvolle Hervorheben von Landmarken und Ortssymbolen.In den abgedruckten Projektbeispielen manifestiert sich, daß Landschaftsarchitekten in den letzten Jahren selbstbewußter geworden sind.Längst versteht die Avantgarde unter ihnen die eigene Arbeit nicht mehr allein als "Grünplanung".Die Pforten zu den benachbarten Disziplinen werden weit aufgestoßen: Landschaftsarchitekten suchen die kreative Verzahnung mit den benachbarten Disziplinen, um nicht mehr länger bloßes Anhängsel von Architektur und Städtebau zu sein.

Die aktuelle Ausgabe, dem Thema Interdisziplinarität gewidmet, zeigt bemerkenswert wenig "Grün", und die Gärten, die zu sehen sind, wirken ausgesprochen architektonisch.Minimalistische Lösungen, die mit wenig Vegetation und verblüffend sparsamen gestalterischen Mitteln auskommen, bestimmen das raumgestalterische Schaffen seit Ende der achziger Jahre.So gab der kalifornische Künstler Robert Irwin einem kleinen New Yorker Stadtpark ein neues Gesicht - allein indem er die zentrale Rasenfläche um 60 Zentimeter absenkte.Eine Stahlkante und Granitstufen bilden die Einfassung des neu geschaffenen "Gartenpaterre".Die Fülle von Anwendungsgebieten und die enorme Maßstabsspanne der Landschaftsarchitektur - vom kleinen Pocketpark in städtischen Baulücken bis hin zur Tagebaurekultivierung - verbieten vorgestanzte Konzepte.Auch bedürfen sie des Ideenpools der oft erfrischend verspielten, bisweilen versponnenen "Landart"-Künstler, die sich in Topos präsentieren.

Während die ebenfalls im Callwey-Verlag herausgegebene Zeitschrift "Garten und Landschaft" mit beiden Beinen in der gestalterischen Praxis steht, bildet "Topos" ihr kreatives Pendant und Spielbein.Der Kreis der 4000 Abonnenten ist - mit Schwerpunkt Mitteleuropa - weltweit.Neben der deutsch-englischen Ausgabe gibt es eine english-japanische Ausgabe, die in Großbritannien und Japan Abnehmer findet.

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