Kultur : Wir brauchen große Gefühle

Gespräch mit dem Verleger Arnulf Conradi

TAGESSPIEGEL: Würden Sie bitte folgenden Satz fortschreiben: Die Krise der deutschen Literatur ...

CONRADI: ...gibt es.Aber ich glaube, sie geht gerade zu Ende.

TAGESSPIEGEL: Lassen Sie uns später von Ihrer Hoffnung sprechen.Bleiben wir zunächst bei der Krise.Wann fing sie an?

CONRADI: Vor etwa fünfundzwanzig Jahren.Ich weiß, Verlegerkollegen wie Siegfried Unseld leugnen das.Sie sagen, wir mögen diese schweren Texte, diese kopflastigen Bücher, diese mentalen Strukturen seien ein Merkmal der deutschsprachigen Literatur.Ich habe zwei erwachsene Söhne und wollte ihnen neulich einen kleinen Kanon zusammenstellen, nach dem Motto, wenn ihr mitreden wollt, müßt ihr das gelesen haben.Aus den fünfziger und sechziger Jahren fallen einem eine Menge Namen und Titel ein, Walser, Grass, Böll, Koeppen, Frisch, Lenz, Johnson und und und.Aber von Anfang der Siebziger bis zu den Neunzigern schnurrt die Liste zusammen, da wird es schnell dünn, sehr dünn.

TAGESSPIEGEL: Versuchen Sie es trotzdem.

CONRADI: Wenn wir uns auf Romane beschränken: wiederum Walser, Monika Maron.Und von Peter Handke "Die linkshändige Frau" oder "Wunschloses Unglück".Aber sonst?

TAGESSPIEGEL: Einen Patrick Süskind mit "Das Parfum" hat es ja auch gegeben.Ist das nicht vielleicht doch eher Ihre subjektive Meinung?

CONRADI: Ich hatte da ein ziemlich überzeugendes Erlebnis auf einer Tagung von internationalen Literaturfachleuten in einem Schloß irgendwo in Schleswig-Holstein.Ich hielt ein Referat über die Frage: Kann man Bestseller machen? Kann man natürlich nicht.Auf jeden Fall diskutierten wir schnell über die deutsche Literatur, Krise, ja oder nein.Und plötzlich ergriff der von uns allen geschätzte schwedische Verleger Thomas Vegesack das Wort.Der Mann hatte in den letzten zwanzig Jahren deutsche Literatur für den größten schwedischen Verlag eingekauft.Vegesack las nun eine lange Liste von Namen vor, deutsche Autoren und Autorinnen, die er in Schweden verlegt hatte.Die deutsche Literatur war sein Leben.Kein einziger hat sich durchsetzen können.Da war Trauer in seiner Stimme, als er fragte: Wo sind sie alle geblieben? Totenstille herrschte in dem Saal, ich werde das nie vergessen.

TAGESSPIEGEL: Und wo sind sie geblieben?

CONRADI: Kaum jemand hat sich durchgesetzt, zumindest international, und das ist ja immer noch der Gradmesser.In dieser Phase wurden kaum noch deutsche Romane übersetzt - jedenfalls nicht in den USA und England.Einzelne Namen von Autoren, die verschwunden sind, will ich nicht hervorheben.Ich will niemanden verletzen.

TAGESSPIEGEL: Und wo, bitte, liegen die Ursachen?

CONRADI: Ich kann da ein wenig von mir selbst ausgehen: In der 68er Zeit habe ich auch aufgehört, erzählerische Literatur zu lesen.Belletristik war plötzlich uninteressant.Man las Habermas, Adorno, Marcuse.Man stürzte sich auf alles, was Theorie war.Dann natürlich Freud.In dieser Zeit haben wir ja alle die Psychoanalyse entdeckt.Jede Art von Literatur war verführt von der Argumentation, verführt vom Intellekt.Mindestens nach dem zweiten Absatz mußte geschrieben stehen, was das nun alles bedeutet, was ich da gelesen habe.Es herrschte der feste Glaube, die Welt ist nur zu rezipieren durch eine Spiegelung im eigenen Bewußtsein.Einfach, klar und gut erzählte Geschichten interessierten keinen.Bei mir dauerte diese Periode zehn Jahre.Diese Entwicklung, so scheint mir, hat die deutsche Literatur maßgeblich verändert.Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Schriftsteller ganz allmählich die Naivität wiedergewonnen haben, die zum Erzählen gehört.Jetzt begreifen wir, daß es auch spannend ist, die Welt direkt zu schildern, ohne Kommentar.

TAGESSPIEGEL: Warum war der Einfluß der linken Denker auf die Literatur in den USA und Großbritannien nicht so groß?

CONRADI: Die Angelsachsen sind aus historischen Gründen immun gegen so weitgehende Intellektualisierung.Sie sind bodenständigere Leute.Die Schriftsteller dort haben nie die Freude verloren am einfachen, farbigen Erzählen, an Handlung und Spannung.Man kann das bis heute sehen: Mit welcher Souveränität die großen Erzähler, wie Updike, Roth oder Mailer, über die moderne Literaturtheorie hinweggehen.Da fliegen die Erzählperspektiven durcheinander, manchmal auch die Zeiten, völlig egal, Hauptsache die Geschichte ist spannend.Bei uns steht dem die deutsche Gründlichkeit entgegen.An eine Theorie hat man sich gefälligst zu halten, wo kämen wir denn sonst hin?

TAGESSPIEGEL: Sind intellektuelle Theorien schädlich für die Literatur?

CONRADI: Wenn man deshalb Angst hat, über Gefühle zu schreiben, dann ja.Und unsere jungen Schriftsteller hatten doch in den letzten Jahren, Jahrzehnten geradezu panische Angst, etwas zu verfassen, was Kitsch sein könnte.Ein wirklich großer Roman dreht sich aber fast immer um Liebe und um Liebesverlust.Klar, es gibt Ausnahmen, "Ullysses" zum Beispiel, aber im Grunde stehe ich zu der These: Ohne große Gefühle gibt es keinen großen Roman.Und in Deutschland ist es leider so, daß über jedem Autor, der einen Roman dieser Art schreibt, das Damoklesschwert der Kitschgefahr schwebt, das Verdikt der Kritik.

TAGESSPIEGEL: Woher kommt diese Angst vor den Gefühlen?

CONRADI: Das hat viel mit der Kritik in diesem Land zu tun.Ich will ein Beispiel nennen.Der von mir sehr geschätzte Hanns-Josef Ortheil hat das letzte Buch von James Salter besprochen, im Grunde positiv, über das Ende des Romans aber urteilt er, das sei kitschig.Salter schreibt eine große Liebesgeschichte, in der am Schluß der Liebende stirbt, die Liebende verschwindet in einer bürgerlichen Existenz.Der letzte, durchaus zwiespältige Satz lautet: Sie lebt "tief in dem Leben, das, wie wir alle finden, so ungemein ersehnenswert ist".Ein wunderbarer Satz.In den USA hat das Ende dieses Buches geradezu Kultcharakter.Und bei uns heißt es: Kitsch.Ich habe Hanns-Josef Ortheil einen Brief geschrieben: Das ist genau das Problem der Kritiker in unserem Land, sie lassen sich nicht wirklich auf den Text ein, sie sind vor allem mit dem bequemen Kitsch-Verdikt zu schnell bei der Hand.

TAGESSPIEGEL: Messen Sie der Rolle der Kritik nicht zuviel Bedeutung zu?

CONRADI: Ich glaube nicht.Das ernste Segment der Literatur ist in Deutschland auf die Kritik angewiesen.Wenn die Kritiker ein solches Buch verreißen, ist es tot.Daher kommt die Ängstlichkeit.Und leider haben die jungen Autoren schon verinnerlicht, daß sich die Kritiker besonders gerne auf Bücher stürzen, die Gefühle beschreiben.Also sagen sie sich: Davon lassen wir lieber die Finger.Erfolglosigkeit macht ängstlich.

TAGESSPIEGEL: Waren Kritiker nicht schon immer böse?

CONRADI: Nein.Ich behaupte, kluge Leute wie Friedrich Luft oder Friedrich Sieburg waren viel milder.Vor allem, wenn sie über Erstlinge geschrieben haben.Das ärgert mich am meisten, wie hart heutzutage über Debütromane geurteilt wird.Man kann doch der Literaturgeschichte mühelos entnehmen, wieviel große Autoren und Autorinnen mit schwächeren Werken begonnen haben.Lest doch mal die ersten Gedichte von Rilke, da hätte auch niemand gedacht, daß der mal der größe Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts wird.

TAGESSPIEGEL: Sigrid Löffler hat unlängst in der "Zeit" beklagt, daß sich der Stern der Kritiker im Sinken befindet.

CONRADI: Das glaube ich überhaupt nicht.Die Dominanz der Kritiker war noch nie so groß wie heute.Das "Literarische Quartett", in dem ja auch Frau Löffler sitzt, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

TAGESSPIEGEL: Trotz strenger Kritik schafft es ja immer wieder auch ein deutscher Autor.Zum Beispiel Ingo Schulze, ein Autor Ihres Berlin-Verlages.

CONRADI: Nicht nur wegen Ingo Schulze glaube ich, daß wir vor einem Zeitenwechsel stehen.Es wird wieder spannende deutsche Autoren geben, die etwas zu erzählen haben.Nehmen Sie das ausgezeichnete Buch "Sommerhaus, später" von der jungen Berliner Autorin Judith Hermann, leider nicht bei uns, sondern im S.Fischer Verlag erschienen.Diese jungen Autoren haben eine andere Geschichte durchlebt, haben andere Vorbilder.Die 68er Zeit ist denen egal, sie orientieren sich zum Beispiel an amerikanischen Vorbildern wie Richard Ford oder Raymond Carver.Und sie stellen fest, wenn sie so schreiben, haben sie auch Erfolg.

TAGESSPIEGEL: Spielt da die deutsche Wiedervereinigung eine Rolle?

CONRADI: Für mich war immer klar, wenn es eine neue Hoffnung für die Literatur gibt, dann kommt sie aus dem Osten oder aus Berlin.Und genauso ist es jetzt.Deutschland ist wieder interessant für die Deutschen geworden.Früher hat man gesagt, wenn ich könnte, würde ich in London, New York oder Paris leben.Heute sagt man dies von Berlin.Die Stadt ist rauher und kälter geworden, aber das kann eben auch eine Voraussetzung für gute Geschichten sein.

TAGESSPIEGEL: Hat die sogenannte Popkultur auf die Entwicklung in der Literatur Einfluß?

CONRADI: Nein, gar nicht.Alle Versuche der Literatur, in die Popkultur einzudringen oder sie zu übernehmen, sind gescheitert.Das einzige, was die Popkultur hat, ist ihre Authentizität.Jede Imitation muß schiefgehen.Literatur muß sich auf ihre eigenen Stärken verlassen, auf nichts sonst.Und Autoren wie Ingo Schulze machen dies.Und sehen Sie, schon ist das Ausland interessiert.Plötzlich wird Deutschland für England und auch für die USA wieder spannend.

TAGESSPIEGEL: Sind Sie da nicht zu optimistisch?

CONRADI: Nein, verschiedene amerikanische Agenten haben sich schon bei mir erkundigt, was ich ihnen für Bücher empfehlen könne.Und es wird ja nicht nur Ingo Schulze übersetzt, auch Schlink, Beyer oder Treichel.Die Verlage dort stellen wieder Lektoren ein, die deutsch lesen können.Das gab es seit zwanzig Jahren nicht mehr.

TAGESSPIEGEL: Nur der große Liebesroman läßt noch auf sich warten.

CONRADI: Stimmt.Aber er wird kommen.Die Erfahrung sagt, gute Erzähler kommen nie alleine.Da, glaube ich, kommt zu unserem Glück einiges auf uns zu.

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