Kultur : "Wir Deutschen brauchen dieses Denkmal"

Ulrich Amling

Aktion zu Gunsten des Bauwerks mit Thierse, Rosh und den PhilharmonikernUlrich Amling

Es war ein Abend heiterer Zuversicht. Drei Tage nach der Feierstunde auf dem Gelände des künftigen Denkmals für die ermordeten Juden Europas nahe des Brandenbugrer Tors luden die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) nun zu einem Benefizkonzert zu Gunsten des Bauwerks. Der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie war prall gefüllt, und selten hat man in den letzten Jahren Lea Rosh so gelöst auftreten sehen. Auch ohne Grundsteinlegung sei die Feierstunde für sie "ein schöner Baubeginn".

Während der Ansprache von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wurde die feierliche Stille plötzlich noch leiser - so leise, dass Zweifel in ihr laut wurden: Die Auseinandersetzung mit dem Denkmal "gereicht unserem Land zur Ehre", sagte Thierse. Sie sei ein Zeichen der Selbstaufklärung unserer Gesellschaft. Dabei war zu spüren, dass nicht alle Anwesenden das jahrelange Gerangel derart positiv bewerteten. Dennoch begrüßten sie das Credo des Präsidenten des Bundestags: "Wir Deutschen brauchen dieses Denkmal."

Dass der Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas auch die Frage des nationalen Selbstverständnisses berührt, erkundete Udo Samel subtil in seiner Lesung. Handfest im Spott mit Tucholsky: "Die zwei Leidenschaften des Menschen sind, Krach zu machen und nicht zu zuhören." Schmerzlich blickte er mit Mascha Kalecko auf die Heimat der Jugend zurück, auf die deutsche Kultur, die für die Jüdin im Exil so fremd und unheimlich wurde: "Röslein auf der Heide, dich brach die Kraft durch Freude."

Brüche widerspiegelnd auch das Musikprogramm, dass ehemalige und aktive Mitglieder der des Berliner Philharmonischen Orchesters gestalteten. Schuberts Melodienstrom stieß auf die von jüdischen Motive geprägte Musik Ernest Blochs, Bach auf Schostakowitschs Streichquartett "Zum Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg". Wolfgang Boettcher steigerte die nachdenkliche Stimmung von Bachs zweiter Solosuite für Cello noch in heftiges Brüten, führte mit erdigem Bogenstrich exemplarisch eine mit sich ringende Seele vor. Nur wenig hellt sich das Klangbild im Menuett auf, doch kein Tanzbein löst sich vom Boden.

Spröde auch Schostakowitschs achtes Streichquartett, zu dem sich ehemalige Mitglieder der philharmonischen Orchesterakademie zusammen gefunden hatten. Die jungen Führungskräfte loteten mit sicherem Gespür die Spannung zwischen den fahlen Largo-Ecksätzen, der allverschlingenden Knochenmühle des Allegro und des gespenstischen Allegretto-Totentanzes aus. Die Kunst könne die Wirklichkeit des Entsetzlichen ausdrücken, so hatte der Wolfgang Ullmann zuvor ästhetische Bedenken gegen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas zurückgewiesen. Wer Kunst diese Fähigkeit abspreche, "verschließt eine Quelle der Erkenntnis", sagte der Theologe.

An diesem Abend sprudelte sie klar und freudig - wie die Spenden für den Bau des Denkmals.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben