Kultur : Wir fürchten uns zu Tode

BSE, Sars und jetzt die Vogelgrippe: Die Angst vor Epidemien ist zur Epidemie geworden

Kai Müller

Im Jahr 1876 sitzen zwei englische Gentlemen wie üblich in ihrem Londoner Klub, in die Lektüre der Tageszeitungen vertieft. „Oh, wie schrecklich“, stöhnt der eine, „in Bangladesch sind 215 000 Menschen ertrunken.“ „Ja“, nickt der andere. „Aber beachten Sie das Datum. Es ist schon sechs Wochen her.“

Diese Unerschütterlichkeit, an die die „Times“ einmal in einem Cartoon erinnerte, ist mit Erfindung des Fernsehens unmöglich geworden. Sie erscheint nicht einmal erstrebenswert. Wenn heute ein dreijähriger Junge mit den Symptomen einer gewöhnlichen Grippe in ein Hongkonger Krankenhaus eingeliefert wird und kurz darauf stirbt, erfährt die Welt das binnen Stunden – und ist gewarnt. Überschwemmungen, Seuchen und Hungersnöte, für die niemand etwas kann, werden in Echtzeit in die Informationskanäle eingespeist. So wächst sich die Hilflosigkeit der akut Betroffenen zur allgemeinen Ohnmacht aus. Was gestern in irgendeinem chinesischen Hühnerkäfig begonnen hat, trägt die Globalisierung heute schon in die eigenen Wohnstuben der „Risikogesellschaft“ – als Menetekel einer ständigen Gefährdung.

Die Angst vor Epidemien ist selbst zur Epidemie geworden. Es scheint, dass der zivilisierte Bürger kein vernünftiges Verhältnis zur Gefahr mehr aufbauen kann. Während Angst in archaischen Kulturen ein Überlebensinstinkt war, fühlt sich der moderne Mensch zu sicher, um sie noch zu spüren. Trotzdem fürchtet er ständig, dass die Sicherheit nur ein Trugschluss ist. Das versetzt ihn wie in Dürrenmatts „Biedermann und die Brandstifter“ in eine Art panische Arglosigkeit. Mit anderen Worten: Wir fürchten uns vor nichts, aber wir sterben vor Angst.

Nach Schweinepest, Sars, Ebola-Fieber und BSE setzt nun die Vogelgrippe an, zum nächsten Seuchentrauma zu werden. In der EU wird über Notfallpläne diskutiert, die Einfuhrbestimmungen von Geflügelprodukten werden ständig verschärft und mit Sorge die Vogelfluglinien studiert – wenn im Frühling die Zugvögel nach Norden aufbrechen, könnten sie den tödlichen H5N1-Erreger in heimische Gefilde tragen. Es mangelt nicht an Epidemie-Szenarien. Wobei sich mit den Fernsehbildern von dem auf Verdacht abgeschlachteten und wie Sondermüll entsorgten Federvieh in China, Vietnam, der Ukraine und Türkei auch die bange Frage stellt: Bringen moderne Zivilgesellschaften überhaupt die Rücksichtslosigkeit für das Vernichtungswerk auf?

In Kinofilmen wie Wolfgang Petersens „Outbreak (1995) mit Dustin Hoffman in der Rolle eines alarmierten Virologen, der einem fiesen Killervirus nachjagt, wird der schlimmste aller Fälle effektvoll durchgespielt. Natürlich, reine Fantasie. Trotzdem wirkt das Bestreben von Hollywood, die Katastrophen von morgen spielerisch vorwegzunehmen, wie ein mentales Vorbereitungstraining. Dass die eigene Nachbarschaft plötzlich von einer Seuche heimgesucht und zum nationalen Krisengebiet erklärt werden könnte, hält allerdings kein Mensch im Ernst für naheliegend. Räumtrupps in weißen Schutzanzügen und mit Atemmasken durchforsten Neuköllner Hinterhöfe? Paranoia, weiter nichts. Derzeit wird die Vogelgrippe nur innerhalb von Tierbeständen und in seltenen Fällen auch auf den Menschen übertragen. Es ist statistisch wahrscheinlicher, Selbstmord zu begehen, als an der Vogelgrippe zu sterben. Die Gefahr ist schlicht zu weit weg, um das zu wecken, was Freud „Realangst“ genannt hat.

Panikmache oder Ignoranz? Was treibt den Neuzeitler dazu, sich entweder überhaupt nicht betroffen zu fühlen oder das Ende der Welt zu erwarten? Würde es nützen, wenn man die biologischen Prozesse besser verstünde? Wenn man gescheiter wäre?

Leider, mit Tatsachen hat Angst nichts zu tun. Sie ist ein Komplexitätsproblem, ein „Schwindel der Freiheit“, wie Sören Kierkegaard sagte. Erst mit der Vernunft gelangt sie in die Welt, was der Philosoph am Beispiel Abrahams illustriert. Indem Gott von ihm fordert, seinen Sohn Isaak, auf dessen Geburt der alte Mann so sehnlich gewartet hat, zu opfern, verlangt er etwas, das über Abrahams Kräfte geht. Abraham liebt seinen Gott, er hat nur den einen. Aber ebenso hat er nur einen Sohn. Den umzubringen, hieße alles zu vernichten, wonach er strebte. Als ein Lamm auftaucht, deutet Abraham das in seiner Verzweiflung als eine Botschaft Gottes. Eine Art Kompromissangebot. Er tötet das Lamm. Doch ist die Angst von nun an sein ständiger Begleiter. Wer sagt ihm denn, dass er das Richtige getan hat? Der Mensch wird niemals genug von der Welt in Erfahrung bringen, folgert Kierkegaard, um ihn vom „ungeheuerlichen Nichts der Unwissenheit“ zu befreien.

In diesem Gedanken steckt die ganze Ambivalenz dessen, was als Dialektik der Aufklärung den Gefühlshaushalt des sich allmählich von Gott und allen anderen Autoritäten emanzipierten Vernunftmenschen bestimmt. So wurde der Zuwachs an Erkenntnis stets von der Warnung begleitet, dass er – mindestens für den Entdecker – fatal ist. Zwar schwand die Angst vor Seeungeheuern, als man die Meere auszubeuten und als Handelsrouten zu nutzen begann, doch erfand man andere Geißeln. Der kultivierte Europäer stieß tief ins „Herz der Finsternis“ vor, die sich nach Vorstellung Joseph Conrads gleich hinter der Themse-Mündung wie ein Schlund öffnete. Oder er begegnete seinem ganz persönlichen „Moby Dick“. Statt Reichtümern oder Ruhm brachte der Weltreisende nur rätselhafte Infektionen oder jenes namenlose „Grauen“ mit zurück, das seine geistige Konstitution ruinierte.

Das Medienzeitalter macht die Besichtigung des Globus überflüssig. Der Junge, der auszog das Gruseln zu lernen, bleibt zu Hause. Der Globus kommt zu ihm. Und damit der Schock der Unmittelbarkeit. Nun betrifft die Pest uns alle, wie Albert Camus schrieb. Jeder wird zur Gefahr für seinen Mitmenschen, weil er ihn, wenn nicht mit Bazillen, Keimen und Viren infiziert, so doch mit der Furcht davor behelligt. „Der anständige Mensch, der, der niemanden ansteckt“, notierte Camus in sein Tagebuch, „ist der am wenigsten zerstreute.“

Besonders die deutsche Gemütslage scheint anfällig für eine gewisse metaphysisch grundierte Untergangsstimmung zu sein. Über ein Viertel der Bevölkerung hat einer Umfrage des Max-Planck- Instituts für Psychiatrie zufolge bereits unter krankhaften Ängsten gelitten. „Angstkrankheit“ lautet das Modewort der Stunde. Der Typus des „Angstsparers“ macht die Runde. Und der Tüv prüft Fußballstadien auf ihre Paniktauglichkeit. Das ist ein guter Nährboden für die „German Angst“ oder „le angst“. Gemeint ist jener kollektive, den europäischen Nachbarn unbekannte Horror Vacui, mit dem die Deutschen auf äußere Veränderungen reagieren. Aber vielleicht verbrämen sie auch nur ihre Reformschwäche. Da werden Gentechnologie, Feinstaubbelastung und Kernkraft als Zukunftsschrecken verteufelt, aber gleichzeitig ein unbeirrbares Vertrauen in die Belastbarkeit des Sozialstaates an den Tag gelegt. Während es wirtschaftlich bergab geht und die Verschuldungsspirale kommenden Generationen immer größere Lasten aufbürdet, wird im Namen derselben Generationen erbittert um die Abschaltung von Kernkraftwerken gerungen. Deren Müll hört erst in einer Million Jahre zu strahlen auf. Nur gehetzte Geister können da zur Eile rufen.

Aber wie entkommt man dem Schwindel des „rasenden Stillstands“ (Paul Virilio)? Wie den Zumutungen einer daueralarmierten Medienwelt? Wir haben den Überblick verloren und wissen nicht, woran wir uns halten, auch festhalten sollen. Edgar Allan Poe hat dafür im „Sturz in den Malstrom“ ein sehr lehrreiches Bild gefunden: Dort gerät ein Fischer während eines entsetzlichen Sturms in den berüchtigten Wasserwirbel. Der Seemann entkommt, weil er sich die Dynamik des Strudels zu eigen macht. Indem er studiert, welche Gegenstände an dessen Wänden wie von selbst wieder an die Oberfläche kreisen, entwickelt er die Strategie zu seiner Rettung.

So kann man es machen: den Abgrund im Auge behalten. Man vergisst zu leicht, dass es in der Angstmaschine immer noch sicherer ist als dort, wo der Sturm tobt.

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