Kultur : Wir geh’n voran

Die alte neue Mitte Berlins: Rund um die Auguststraße laden die Galerien heute wieder zum Rundgang ein

Katrin Wittneven

Es ist schon ein paar Jahre her, dass die Galerienrundgänge in Berlin-Mitte im sechswöchigen Turnus als Höhepunkte in der kulturellen Fußgänger-Ostzone die Massen anlockten. Von manchem wurden sie gerade dafür verlacht. 1997 schrieb der Kritiker Marius Babias, die dynamischen Junggaleristen lieferten hier das „Ergänzungsprogramm zum museal-ministeriellen Masterplan“. „Schöner Wohnen“, spottete er, sei die Botschaft der Auguststraße, und damit meinte er keineswegs allein die mittlerweile hier ansässigen Möbel- und Feinkostgeschäfte.

Was seinerzeit wie eine bissige Überspitzung abseits vom Mythos Berlin klang, ist längst von der Realität überholt worden. Zwar franste das Zentrum rund um die August-, Linien- und Tucholskystraße in den letzten Jahren in verschiedene Richtungen aus und bekam durch andere Areale etwa nördlich der Torstraße, an der Holzmarkt- oder Zimmerstraße Konkurrenz: „Urbane Peripherie“ war das neue Schlagwort. Auch das alte Galeriezentrum in Charlottenburg behauptete sich allen Unkenrufen zum Trotz – Berlin, das zeigte sich, hat zwar immer noch nicht genug Sammler, aber immerhin genügend Raum für mehrere Kunstszenen. Und die Auguststraße blieb bis heute so etwas wie die Mitte von Mitte.

Inzwischen laden die Galerien nur noch viermal im Jahr zum Rundgang ein und gehen es dann gelassen an. Zwar gibt es immer noch Eröffnungen, aber viele der aktuellen Ausstellungen laufen auch schon ein paar Wochen. Ob die Galerie heute länger offen bleibt, entscheidet mancher auch spontan. Doch nicht nur die Pioniere in Mitte sind ein paar Jährchen älter, auch das Werk der Künstler ist in vielen Fällen reifer geworden. Und davon profitieren wiederum die Besucher. Während für Babias Ende der neunziger Jahre „kleinformatige Porträts, Aquaplaning-Aquarelle, grelle Gouachen, tuntige Tusche und coole Comics“ dominierten, finden sich heute konzentrierte Werke.

Wie die Serie „Der Datenschlüssel“ von Jörg Herold in der Galerie Eigen + Art (Auguststraße 26, bis 28. Juni), die in den letzten drei Jahren entstand: Sie umfasst insgesamt 83 teils gebeizte Blätter mit Kopien aus dem Internet oder aus Büchern, die der Berliner Künstler mit verschiedenen Farben bearbeitet hat (je 1400 Euro). Das verbindende Element sind historische Ereignisse, obwohl bei Herold nicht die Daten, die aus den Geschichtsbüchern bekannt sind, im Vordergrund stehen, sondern die Geschichten und Begegnungen am Rande, die anderswo fehlen. Wie bei seiner Installation „Lichtspur über Datumsgrenze“ im Außenhof des Paul-Löbe-Hauses ergänzt der Künstler auch hier die gängige Geschichtsschreibung um Anekdoten oder Schlüsselbegegnungen: 1505 etwa die Entscheidung Luthers, Mönch zu werden. Im August 1940 ein Wortwechsel von Walter Benjamin und Siegfried Kracauer im Exil. „Was wird wohl aus uns werden?“ fragt Herr B. über den Tisch hinweg. „Wir werden uns alle hier umbringen müssen“, meint dieser. Herolds mitreißende wie persönliche visuelle Wanderung durch die Historie reicht bis in die Gegenwart, bis zu dem während einer UN-Sitzung über den Krieg im Irak 2003 hinter einen Vorhang verbannte Guernica-Gemälde. Ohne Frage, uns bleibt: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran.“

Den von Babias vorausgesehenen „museal-ministeriellen Masterplan“ erfüllt inzwischen auch das Berliner Künstlerduo Bittermann & Duka, das sein Projekt „Die dritte Kammer – Die vollendete Speculation führt zur Natur zurück“ in der Galerie Olaf Stüber vorstellt (Max-Beer-Straße 25, bis 14. Juni). Das Novalis-Zitat nahmen die Künstler zum Ausgangspunkt für ihre Neugestaltung des Hentzenparks, zu der sie im Rahmen eines Langzeitprojektes des Arp Museums Bahnhof Rolandseck eingeladen worden sind, und das jetzt mit Arbeiten von Eberhard Bosslet und Thomas Huber kurz vor der Eröffnung steht. Ein über zehn Meter hoher bewachsener Betonturm steht im Zentrum dieser Arbeit, die zwischen der Sprache, dem Betrachter und seinem Standort sowie der Natur positioniert ist. In der Galerie dokumentieren Computerbilder und Fotos den Aufbau und schon hier entsteht eine anregende Atmosphäre zwischen Fiktion und Realität: „Das Bild ist ein Modell,“ sagt das Duo, „und der Garten ein begehbares Bild.“

Etwas Verwunschenes hängt auch der Installation „Leibnizprojekt“ der Künstlerin Ulrike Grossarth in der Galerie Zwinger (Gipsstraße 3, bis Ende Mai) an. Ursprünglich hatte sie ihr feines Gespinst aus Kugeln, amorphen Gummiformen, Ästen und Drähten, die im Nichts enden, für die Ausstellung „Eine barocke Party – Augenblicke des Welttheaters in der zeitgenössischen Kunst“ vor zwei Jahren in der Kunsthalle in Wien entwickelt. Doch auch in Berlin entfaltet sich die dichte wie durchlässige Umsetzung der Theorien des barocken Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers. In ihrer „Versuchsanordnung“ geht Grossarth Leibniz’ Theorie der „Monaden“ nach, den „geistigen Substanzen, die der Natur, den Dingen und den Körpern zugrunde liegen“, deckt aber auch die Begrenztheit einer Denkweise auf, die eine Weltordnung hinter den Dingen vermutet (30 000 Euro, Zeichnungen ab 400 Euro).

Im Verborgenen bleiben die Identitäten der Personen, die der 1962 in Helsinki geborene Künstler Robert Lucander auf Holz mit ungemischten Industriefarben porträtiert. Waren es am Anfang seiner Karriere junge Partypeople aus Hochglanzmagazinen, findet er für seine neue Serie „Finlandia“ (8000–10 000 Euro) bei Contemporary Fine Arts (Sophienstraße 21, bis 24. Mai) seine Protagonisten in einem finnischen Knast-Magazin. Der Ausdruck hat sich komplett verschoben. Die teils verzerrte Mimik und die Haltung sind in den Vordergrund getreten, die Assoziationen vielschichtiger. „Ich bekomme nie genug davon, Leute, Werbung und Graffitis anzuschauen,“ sagt er, „Gesten, Ausdrücke und Slogans sind wie Klebstoff, der eine Gesellschaft zusammenhält.“

All das hat Marius Babias kommen sehen. Der Masterplan erfüllt sich, weh tut es nicht mehr.

Galerienrundgang in Berlin-Mitte, heute (Sonnabend) 17–21 Uhr.

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